Riesenbuckelei für rasante Schanzen

Sorgfältig sticht Thomas Alton einen kleinen, vorstehenden Sockel von dem drei Meter langen und einen Meter hohen Schneeklotz ab, sodass dieser wieder die gewünschten glatten Seiten hat. Auf diesem Klotz aus Schnee, als Aufgang dient ein langes, geriffeltes Rohr, werden am nächsten Tag erneut Snowboarder und Freestyle-Skifahrer ihre Spuren hinterlassen und waghalsige Sprünge und Drehungen probieren. Schaut man weiter in Richtung des Elsenkopfs und der Damülser Mittagsspitze, sieht man rote Metallrohre und Boxen mit kleinen Schanzen aus Schnee davor, die sich in zwei Linien nach oben ziehen. Alles soll am Morgen, wenn die Gäste in den Snowpark Damüls in Vorarlberg kommen, wieder perfekt aussehen. Der gebürtige Feldkircher Alton stieg im Alter von 12 Jahren vom Skifahren auf das Snowboardfahren um. Mit 17 Jahren ging er, motiviert durch Videos von Snowboardprofis wie JP Walker, auf den Chef der Bergbahnen Damüls-Mellau Markus Simma zu, um ihm vorzuschlagen, einen Snowpark zu errichten. Der Park ist inzwischen seit 16 Jahren fester Bestandteil der Bregenzerwälder Snowboardszene. Angefangen hat der jetzt 34-Jährige, der unter seiner verspiegelten Schneebrille eine normale Brille trägt, damit, die Elemente der Parks aus den Videos nach amerikanischem Vorbild nachzustellen. Mit Hilfe "des billigsten Windowszeichenprogramms", wie er sagt, hat er Skizzen erstellt und diese dem örtlichen Schlosser in Auftrag gegeben. In jenen Tagen, als der Initiator dem noch unentgeltlich nachging und damit seine Winterferien zubrachte, seien die Hindernisse noch ziemlich hässlich, dafür aber umso größer gebaut worden.

Längst kommt Alton nur noch an drei Tagen zum "Shapen" auf den Berg. Er sitzt an der Parkbase, einem Schuppen, der das Zentrum des Parks bildet, und findet keinen Gefallen am Zustand der Plattform, die am Abend zuvor nicht sauber planiert wurde. Dort laden Liegestühle zu einer Pause ein. Seit den Anfängen des Parks sind neue, verspielt-kreative Hindernisse entstanden. Der Plan zu einem der Hindernisse, einem neun Meter langen, zweifach geknickten Metalltank mit 80 Zentimetern Durchmesser entstand in Damüls. Er wurde vom Hersteller in den Katalog aufgenommen und ist in anderen Parks, wie dem Stubaier Gletscher, zu finden.

Während Alton erzählt, künden hinter ihm immer wieder Geräusche von Snowboards, die auf Metall treffen, Fahrer an, die hinter den Bäumen auftauchen und einer nach dem anderen lässig abspringen, um auf einem neun Meter langen Metallrohr zu landen. In der Luft drehen sie sich, um vorwärts, seitwärts oder rückwärts über das Rail zu gleiten. Zum Abgang werden erneut Drehungen um die eigene Achse ausgeführt. Bereits nach einigen Metern folgt der nächste Absprung zu zwei hintereinanderliegenden Rails, zwischen denen es eine Lücke zu überspringen gilt. Die Rails sind meist gerade, zum Teil auch abgeknickte oder rund gebogene Metallrohre unterschiedlichen Durchmessers, die in verschiedenen Höhen angebracht und fest im Schnee verankert werden.

Shaper heißt der Beruf, den die fünf Leute des Teams ausüben. Das beginnt im Sommer mit Reparaturen wie Lackierungen an Boxen und Rails, und mündet ab dem ersten starken Schneefall in Nachtschichten, die um 16.30 Uhr beginnen, wenn die Sonne langsam hinter den Gipfeln versinkt, und in denen mit Hilfe einer Pistenraupe und viel Handarbeit das Setup in Form gebracht wird. "Die Wunderwaffe is a dicke, fette Schneefräse", schmunzelt der bis auf die Nase vermummte Gründer des Parks in Vorarlberger Akzent, als er in der Doppelsesselbahn Wallisgaden wieder zum Eingang des mit Zäunen von der normalen Skipiste abgegrenzten Snowparks fährt.

Zwar kann mit den Maschinen viel Vorarbeit geleistet werden, doch bleibt ein Haufen Handarbeit. "Das ist eine riesige Bucklerei." Jedes Feature, wie die Hindernisse genannt werden, muss im Umkreis von zwei Metern von Hand individuell bearbeitet und nach starken Schneefällen ausgegraben werden. Manchmal stürme es dabei mit über 60 Stundenkilometern. Schließlich wolle der Feldkircher, der hauptberuflich den eigenen Snowboardshop betreut, mitsamt seinen Jungs dem Kunden "schnellstmöglich das Beste bieten". Dazu müssen sie in Zeiten wie diesen, in denen der große Schneefall ausbleibt, "auch mal schlau sein und Schneefänger schieben", sagt der Mann mit dem Dreitagebart. Dazu schieben sie aus dem wenigen Schnee mit den Pistenraupen Wechten zusammen und nutzen dadurch den Wind zur Schneebeschaffung, indem dieser den verwehten Schnee nun an der gewünschten Stelle ablagert. Die Handarbeit, die schließlich folgt, erfolgt mit Schaufeln und speziellen Shapetools, die ein deutlich breiteres, aber kürzeres, gezacktes Schild haben. Alton schiebt und zieht damit den Schnee auf den Absprüngen umher, bis sein kritischer Blick keine Unebenheit mehr erkennt.

Vor Wintereinbruch widmet er sich PR-Aufgaben, kümmert sich um Flyer, Social Media und plant Contests, die er Sessions nennt, denn der Wettkampfgedanke sei mehr etwas für Skifahrer. Hier gilt es, lange im Voraus Fahrer einzuladen und Sponsoren aufzutreiben. Endet der Winter, ist der Mann, der mehr als 100 Tage auf seinem Brett verbringt, froh, wenn er sich zwei Wochen im Surfurlaub erholen kann.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Riesenbuckelei für rasante Schanzen
Autor
Elias Gugel
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2016, Nr. 284, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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