Bergspitzen adeln Schweizer Banknoten

Der Duft von Kaffee liegt in der Luft, Sonnenlicht erhellt die Räume in einem der oberen Stockwerke eines langen Bürohauses im Kreativquartier nahe der Sihl am Bahnhof Giesshübel in Zürich. Hier macht sich Manuela Pfrunder seit elf Jahren täglich Gedanken über Geld. Die an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern ausgebildete Grafikerin musste sich in einen neuen Bereich der Grafik einarbeiten, Kompromisse eingehen und jedes noch so kleine Detail überdenken, um Sicherheitsvorschriften und Design miteinander zu verbinden, bis schließlich am 12. April 2016 die neuen 50-Franken-Scheine in Umlauf gebracht wurden. "Das visuelle Denken, genaues Beobachten, der Drang, etwas zu erleben und Neues zu entdecken, um daraus wieder Ideen generieren zu können, oder einfach inspiriert von der Welt zu sein, hat großen Einfluss auf meine Art zu arbeiten", sagt die 37-jährige Gestalterin.

Im Wettbewerb der Schweizerischen Nationalbank erreichte Manuela Pfrunder im Jahr 2005 zunächst den zweiten Platz, in einer zweiten Runde, bei der die Entwürfe auf Umsetzbarkeit hin überprüft wurden, den ersten, so bekam sie den Auftrag. Erfahrung im Sicherheitsdesign hatte sie nicht. Ein Wettbewerb wie dieser gab ihr die Perspektive, eine gut bezahlte Arbeit zu bekommen. Nach der zweiten Wettbewerbsrunde entstand ihr Team aus fünf Grafikern, Textern und Organisatoren, mit dem sie in den folgenden Jahren eng zusammenarbeitete. "Schlussendlich war es nicht nur ein Umschauen, sondern ein tiefes Eintauchen in eine zuvor unbekannte Welt meines Berufes."

Fragen rund um das Thema Geld kreisen durch Manuela Pfrunders Kopf. Eine "Vereinigung von Entgegensetzungen" spiegele sich in diesem Stück Papier wider. Es sollte keine normativen Aussagen enthalten, repräsentiert jedoch automatisch die Schweiz. Und doch ist es nicht möglich, bei der Gestaltung eines so repräsentativen Objektes auf jedermann Rücksicht zu nehmen. Auf der 50er-Banknote, dem ersten in Umlauf gebrachten Wert der neuen Serie, ist ein Bergpanorama zu sehen. "Wie viele Diskussionen über ein scheinbar einfaches Motiv wie dieses geführt wurden, kann man sich gar nicht vorstellen", sagt sie im Rückblick. Der Entscheid fiel auf das Gebiet des Unesco-Welterbes Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch. In der Bildmitte auf der Notenrückseite befindet sich das Schinhorn, unten links die Lonzahörner, in der oberen, rechten Bildhälfte ragt der Gipfel des Aletschhorns empor und unterhalb davon liegt das Wysshorn. "Ich gehe beinahe an jedem schönen freien Tag in die Berge, um zu wandern", sagt Pfrunder. Über den Gipfeln kreist ein Gleitschirm im Wind, der auf der 50er-Note durch mikroskopisch kleine Pfeile dargestellt wird, die ein geordnetes Chaos bilden. Der Schirm repräsentiert auch ihre Affinität zum Fliegen. Das Gesamtbild des Geldscheines ist in sattes Grün getaucht, auf dessen Endresultat die Grafikerin besonders stolz ist. Der Seriencharakter ergibt sich durch die gezeichnete Hand, die in verschiedenen Positionen auf allen Scheinen wiederzuerkennen ist. "Bisher zierten Porträts von Schweizer Persönlichkeiten das Wertpapier. Mit dem weniger individuellen Objekt der Hand kann sich jeder damit identifizieren", erklärt sie das Konzept.

Betritt man das schlicht möblierte Grafikbüro, sticht ein überdimensioniertes Exemplar der 50er-Note ins Auge. Pfrunder trägt ein T-Shirt, das von minimalistischen Punkten und Strichen übersät ist. Sie legt die Stirn in Falten, wenn sie von den Kompromissen spricht, die sie während des Projektes so oft eingehen musste. "Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Notengestaltung nicht mehr von mir ist. Als Grafikerin hat man den Wunsch, etwas Eigenes zu erschaffen." Mehrmals musste sie ihre Entwürfe überarbeiten. Ein Teil der Arbeit raubte ihr besonders Zeit und Nerven: die verschiedenen Sicherheitselemente, die auf den Scheinen aufgedruckt oder filigran eingebaut sind. "Wenn man die Note leicht schräg hält und dann hin und her bewegt, wechselt der glänzende Globus die Farbe." An einer Stelle erkennt man im Gegenlicht der Sonne ein Schweizerkreuz, das wie ein Fenster auf dem Schein plaziert ist. Ihr eigener Name steht kleingedruckt am rechten Rand auf der Rückseite der neu gestalteten Banknote. "Das erste Mal meine 50er-Note in der Hand zu halten und die Verwandlung von einem Stück Papier zu einem Wertpapier wahrzunehmen, war ein schöner Moment."

Pfrunder schmunzelt darüber, dass sie ihre erste Note nicht in der Schweiz, sondern in Frankreich erhalten und für einen Salat am Bahnhof in Genf ausgegeben hat. 2019 wird die 100er-Note, die letzte der von ihr erarbeiteten Serie, veröffentlicht werden. "Bis zu diesem Zeitpunkt müssen noch Dinge angepasst und verbessert werden, doch im Großen und Ganzen ist das Projekt bald zu Ende." Ihr Team löst sich auf, alle gehen ihre eigenen Wege. Die Zukunft offen vor sich zu sehen stimmt sie positiv. Alles ist möglich.

Informationen zum Beitrag

Titel
Bergspitzen adeln Schweizer Banknoten
Autor
Nina Baggenstos
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2016, Nr. 290, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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