Das Lächeln Madonnas für Kinder in Not

Der ältere Mann fährt mit einem spitzen Gegenstand über das Gesicht, das in seinen Händen ruht. Sein Blick ist ernst, konzentriert. Zufrieden mustert er das Ergebnis. "Sie müssen einfach nur alles Holz wegschnitzen, das nicht zur Madonna gehört", meint er schmunzelnd, die Komplexität, die mit der Fertigung der detailreichen Figuren verbunden ist, in Anlehnung an den bekannten Spruch untertreibend. Rolf Justen ist Krippenschnitzer. Mit viel Geduld widmet sich der 77-Jährige oft Wochen dem Bau einzigartiger Modelle. Sobald ihm eine neue Idee kommt, verschwindet er nicht nur in der Vorweihnachtszeit für Stunden in seiner Werkstatt im Garten, die er sich nach dem Besuchen zahlreicher Kurse in Oberammergau eingerichtet hat.

Betritt man die kleine Werkstatt des Krippenschnitzers, die ruhig in einer verwinkelten Gasse Mayens gelegen ist, fällt neben der Menge an Schnitzutensilien, Werkzeug und zurechtgeschnittenen Holzblöcken eine kleine Auswahl seiner hölzernen Kunstwerke auf, die die Wände zieren. Darunter befinden sich nicht nur die verschieden großen Krippenunikate, die Rolf Justen sorgsam in der Nebenkammer verwahrt, sondern auch handgeschnitzte Blüten, Engel und andere biblische Figuren sowie verschiedene Versionen betender Hände. "Am liebsten benutze ich Lindenholz, das ich aus regionalen Sägewerken beziehe. Das ist eigentlich das Schnitzholz, es ist weich und gut zu verarbeiten", erklärt Rolf Justen, aus dessen Tonfall seine langjährige Erfahrung deutlich wird. So arbeitet er aus diesem die feinen Gesichtszüge seiner Figuren mit einem Schnitzmesser heraus.

Die Krippen selbst beeindrucken den Betrachter durch ihren Reichtum an Details. Von Hand fertigt der urig wirkende Rentner, der ehemals Kaufmann im Außendienst war, kleinste Figürchen sowie Schafe und Kamele, Säulen und Dachschindeln des Stalls, in dem Jesus laut der Weihnachtsgeschichte zur Welt gekommen sein soll.

"Für Holz interessiert habe ich mich eigentlich schon immer, und ich wollte noch beschäftigt sein, auch in der Rente. Da fand ich Schnitzen naheliegend", sagt er über sein ungewöhnliches Hobby. Wer sich mit Rolf Justen unterhält, der kommt nicht umhin, die Faszination zu bemerken, die er für das Schnitzen empfindet. Jedes Mal, wenn er eine neue Idee für eine Krippe hat, zieht es ihn in den Garten, in seine Werkstatt, wo er dann für Stunden an der neuen Krippe werkelt.

Bewusst war Rolf Justen bei der Auswahl seiner Kurse wählerisch: "Als ich vor 28 Jahren mit dem Schnitzen angefangen habe, habe ich erst mal einige Kurse durchprobiert, mir war wichtig, dass nicht zu viele Mitglieder in dem Kurs waren, ich wollte alles genau wissen, und das geht nicht, wenn auf einen Lehrer 25 Schüler kommen." Die Kosten für einen Wochenkurs in Oberammergau betrugen, so berichtet er, um die 1000 Euro, ein Preis, der durch die geringe Anzahl der Teilnehmer zustande kam. Während der Kurse wohnte er mit seiner Frau in einer nahe gelegenen Pension. Letztendlich machte sich sein Lerneifer bezahlt, inzwischen ist Justen im Kreis Mayen bekannt und beteiligte sich bereits an einer Vielzahl von Ausstellungen. "Gerade bei solchen Sachen wie einer Krippe stelle ich immer mehr fest, dass die Leute auf Handarbeit schauen." Handgefertigten Krippen wohnt ein eigener Charakter inne, sie haben einen beständigen Wert, so dass man sie an die nächste Generation weitergeben kann. Nach dem Verkauf der Krippen - das sind meist um die 20 Krippen im Jahr - spendet Rolf Justen die Hälfte des Erlöses an Kinder in Not, mit der anderen Hälfte kauft er meist Holz und Schnitzutensilien für sein liebstes Hobby ein. Je nach Größe und Verarbeitung kostet eine handgefertigte Krippe zwischen 30 und 290 Euro.

Das Schnitzen der Holzfiguren erfordert viel Geduld und Fingerspitzengefühl. So gesteht er offen, dass ihm trotz seiner langjährigen Erfahrung nicht immer alles gelingt. Heiter und mit einem Hauch Selbstironie erzählt er davon, wie er vor Jahren zum Abschluss einer großen Madonnenfigur ihren Mund zu einem Lächeln verändern wollte. "Und da bin ich plötzlich abgerutscht und die ganze Nase war weg, so tief, dass ich daran nichts mehr ändern konnte, vierzehn Tage Arbeit wurden so zu Brennholz."

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Lächeln Madonnas für Kinder in Not
Autor
Stefanie Kleinjohann
Schule
Megina-Gymnasium , Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2016, Nr. 296, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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