Zehn Pfennig Stundenlohn

Waldstettenam Fuße der Schwäbischen Alb sei Hauptstadt des Vereinswesens in Deutschland, sagt Rainer Barth, einst Bürgermeister des Orts. Auf 7300 Einwohner kommen 70 Vereine. Zum Beispiel der Heimatverein, ohne ihn gäbe es kein Museum. Die Idee zum Heimatmuseum kam vor 16 Jahren auf. Man fand ein ehemaliges, leerstehendes Bauernhaus. In den Umbau flossen 21 000 ehrenamtliche Arbeitsstunden, da viele Vereinsmitglieder Handwerker sind. Die Restkosten von 430 000 Euro sollen bis 2018 abbezahlt sein. Besucher zahlen keinen Eintritt, Einnahmen kommen durch Spenden oder Bewirtung zustande. Seit Eröffnung bestaunten 35 000 Besucher die Schätze.

Was aber sollte überhaupt ausgestellt werden? "Dazu haben wir jedes einzelne Museum im Landkreis besichtigt, damals 45 an der Zahl", sagt der 73-jährige Barth. Die Waldstettener Frauen haben rund 150 Jahre lang Perltaschen gestrickt, mit Glasperlen aus Venedig. Dazu seien einige von ihnen in eine 20 Kilometer entfernte Ortschaft gelaufen, um einen Künstler zu besuchen. Dieser habe ihnen ein Blumenmuster auf Karopapier gezeichnet, das die Frauen abgeschrieben haben: Dies diente als Vorlage für die erste Perltasche von vielen, die auch exportiert wurden. So eine Tasche mit rund 45 000 Perlen hat in den Staaten einen Wert von 3000 Dollar. Die Fasserinnen bekamen um das Jahr 1920 etwa 10 Pfennig für die Stunde. Eine Strickerin, die rund 50 000 Perlen verstrickt hatte, erhielt für eine Tasche zwischen 10 und 15 Reichsmark. Einige Taschen sind im Museum zu bestaunen.

Im Jahre 1876 zählte Waldstetten 1300 Einwohner, darunter 70 Pfeifenmacher. Sie konnten nicht lange gegen die maschinelle Produktion bestehen. Fortan widmeten sich einige Männer der Kunst der Beindreherarbeiten. Dabei fertigten sie Puppenhäuser, Schachfiguren oder eine kleine Modellkirche an. Das Material sieht auf den ersten Blick aus wie Elfenbein, tatsächlich handelt es sich um Rinderknochen aus Südamerika, die sind stabiler als Tierknochen aus der Region. Käufer der filigranen Beindreherarbeiten waren vornehmlich der Klerus sowie Fürsten und später amerikanische Soldaten.

Neben diesen drei "Highlights", wie Barth sie gerne bezeichnet, widmet sich ein Raum der Geologie. Wenn er Klassen durch das Museum führt, sind die Schüler vor allem von den Ammoniten begeistert. Diese wurden in Waldstetter Baugruben gefunden oder sind Leihgaben, etwa des Naturkundemuseums Stuttgart. Ein Raum hat die Volksfrömmigkeit als Thema. Die ursprünglich keltische Ansiedlung ist in den vergangenen Jahrhunderten rein katholisch gewesen. Dazu hat Barth eine Geschichte parat. Demnach wollte ein Pfarrer Waldstetten zur Pilgerstätte machen und gleichzeitig mehr Menschen in seine Kirche locken. Er bat den Vatikan um eine Reliquie, bekam jedoch lediglich eine des eher unbekannten Elektus. Da die Bürger aber bemerkten, dass der Pfarrer sich bemühte, kamen sie in seine Kirche. Fortan wurde Elektus angebetet, sogar einige Jungen wurden auf den Namen getauft.

Es gibt einen Raum über die Auswirkungen des Dritten Reichs auf den Ort. So gab es einen Pfarrer, der gegen den Nationalsozialismus predigte. Als Reaktion darauf kam die Gestapo mit sechs Fahrzeugen und stürmte das Pfarrhaus. In dem Raum finden sich zahlreiche Aufsätze von den Kindern der rund 1000 Heimatvertriebenen, die 1946 nach Waldstetten kamen. In einem Aufsatz heißt es, die Bewohner hielten sie anfangs für "Gesindel". Die Verfasserin dieses Aufsatzes war später selber Besucherin im Museum.

Bisher gab es elf Sonderausstellungen, derzeit lautet das Thema Wintersport. Es gab sogar eine Skischanze. Nicht zuletzt deshalb wurde der "Reichsjugendskitag 1934" hier ausgetragen. Es gab auch eine Skifabrik, wo jährlich rund 5000 Paar Ski gefertigt wurden. Und Carina Vogt, Weltmeisterin und Olympiasiegerin im Skispringen, wohnt in Waldstetten.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Zehn Pfennig Stundenlohn
Autor
Levent Beyer
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2016, Nr. 296, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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