Korrekte Sätze, Ganztagsbetreuung und viele Gespräche

Ein Berliner Gymnasium wird vom gemiedenen Brennpunkt zur gelobten Vorzeigeschule / Trotzdem gibt es Zwischenfälle

Grell scheint die Mittagssonne auf das große, grau verputzte Gebäude, vor dessen Eingang zwei blau uniformierte Wachmänner stehen. Umringt von Wohnhäusern, steht es an einem kleinen Platz, versteckt hinter Bäumen. Durch das Gewirr aus Treppen und Gängen bahnen sich laute Schülermassen den Weg zur nächsten Unterrichtsstunde. Doch von dem Lärm lässt sich Regina Richter (alle erwähnten Namen wurden geändert) nicht beirren und genießt sichtlich ihren Kaffee, während sie auf einem kleinen roten Sessel im Lehrerzimmer sitzt. Seit 32 Jahren unterrichtet sie Französisch und Sport an dem Gymnasium im Berliner Brennpunktbezirk und hat dabei viele Veränderungen der Schule und auch innerhalb der Schülerschaft miterlebt. "Als ich nach dem Referendariat an meine jetzige Schule kam, war die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund noch an einer Hand abzählbar. Heute haben wir über 90 Prozent Schüler mit ausländischen Wurzeln." Doch gerade diese Vielfalt an Nationalitäten mache ihre Schule aus, erklärt Richter und streicht sich eine Strähne ihrer braunen, kurzen Haare aus dem Gesicht.

Der Anstieg der Anzahl von Schülern mit Migrationshintergrund war jedoch nicht die einzige Wandlung der Schule in den vergangenen Jahrzehnten. "Früher waren wir eine der besten Schulen in Berlin, und ein Abschluss bei uns wurde hoch angesehen", schwelgt Richter in Erinnerungen. Durch die starken Veränderungen im Bezirk und somit auch in der Schülerschaft änderte sich die Situation der Schule dramatisch. Damals sank nicht nur das Leistungsniveau des Gymnasiums, es kam auch zu Ausschreitungen zwischen Schülern. Die Schule stand ohne Schulleiter da, und nur wenige Schüler wollten überhaupt an das Gymnasium kommen. Der dünnste Abiturjahrgang bestand aus 16 Absolventen, und auch die Anzahl der Neuanmeldungen sank so rapide, dass die Schule vor zehn Jahren kurz vor der Schließung stand. An diese Situation kann sich Gesa Ehringer, die seit 1978 an der Schule ist und Deutsch und Musik unterrichtet, gut erinnern. "In unserer Schule bröckelte es immer mehr. Meine Kollegen und ich mussten die Schule durch dieses Tal tragen. Diese Zeit hat uns natürlich einiges an Substanz abverlangt." Doch der Einsatz hat sich gelohnt.

Die Schließung des Gymnasiums konnte verhindert werden, die Lage hat sich verbessert. Heute gilt ihre Schule als Modell für andere Schulen, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Der Wandel gelang mit Hilfe des neuen Schulleiters, mit dem auch eine neue Denkweise an die Schule kam. Denn dieser war davon überzeugt, dass man die Schule für die Schüler, die nun einmal im Kiez wohnen, machen müsse. Seine Vorstellungen brachten zahlreiche Änderungen mit sich. "Die Gemeinschaft stand nun im Vordergrund. Die Öffnung nach außen anstelle der vorherigen Isolierung war ein wichtiger Schritt zum Erfolg", berichtet die Deutschlehrerin. So wurden viele Organisationen zur Zusammenarbeit angesprochen, darunter das Türkisch-Deutsche Zentrum. Zum Ausgleich der sprachlichen Defizite bemühen sich die Lehrer zu jeder Zeit um die sprachliche Entwicklung der Schüler und achten dabei stets auf einen vollständigen und korrekten Satzbau. Zusätzlich wurde die Ganztagsbetreuung mit Hausaufgabenhilfe zur Unterstützung der Schüler eingeführt.

Trotzdem konnten nicht alle Probleme gelöst werden, und es gibt weiterhin noch Zwischenfälle, die zwar nicht ausnahmslos negativ seien, Regina Richter jedoch in ihrer Unterrichtsplanung stören. "Oftmals bereite ich Stunden vor, die ich dann erst drei Wochen später so durchführen kann, weil mal wieder irgendetwas dazwischenkommt." So fand einmal eine Prügelei zwischen zwei Schülern im Sportunterricht statt, woraufhin die Lehrerin die anderen in die Umkleidekabinen schicken musste, um die Unruhestifter zu den an der Schule angestellten Sozialarbeitern zu bringen. "Zu meiner Freude konnte der Unterricht trotz dieses Vorfalls schnell und sinnvoll fortgesetzt werden, da sich meine Oberstufenschüler spontan dazu bereit erklärten, ein Spieleturnier zu organisieren. Gerade in solchen Momenten wird deutlich, was für eine große Rolle der Gemeinschaftsgeist bei uns spielt."

Ein weiteres, nicht behobenes Problem stellt die Einstellung mancher Schüler gegenüber Frauen dar, da sie nicht mit der Stellung der Frau in Deutschland zurechtkommen. Damit hat auch Ehringer Erfahrungen gemacht: "Es gab bereits Situationen, in denen ich Einzelgespräche mit gewissen Schülern nur mit einem männlichen Kollegen an meiner Seite durchführen konnte. Frauen werden teilweise als Menschen zweiter Klasse angesehen, und es ist hart, sich den nötigen Respekt zu verschaffen. Doch die Gespräche mit Schülern, die diese Einstellung pflegen, sind sehr wichtig. Denn sie müssen lernen, dass wir hier andere Grundsätze haben und es dazugehört, gegenseitigen Respekt allen gegenüber zu zeigen, egal, welchem Geschlecht man angehört."

Trotz der schwierigen Zeiten haben die zwei Lehrerinnen ihre Schule nicht verlassen. Mit dem Gedanken an einen Schulwechsel hat Gesa Ehringer jedoch schon gespielt: "Der Wunsch, in einem Leistungskurs über anspruchsvolle Themen diskutieren zu können, mit Schülern, die mehr von zuHause mitbringen, war schon verlockend." Inzwischen fühlt sich die Lehrerin aber an der Schule verwurzelt und ist froh darüber, dass sie geblieben ist. Für Regina Richter hingegen kam und kommt ein Schulwechsel nicht in Frage. "Ich wüsste gar nicht, wie ich mir die ganzen deutschen Namen merken sollte", sagt sie schmunzelnd.

Informationen zum Beitrag

Titel
Korrekte Sätze, Ganztagsbetreuung und viele Gespräche
Autor
Maren Berthold
Schule
Lilienthal-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2016, Nr. 302, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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