Gebetsfahnen im Eifelwind

In Langenfeld denken Buddhisten über das Leben nach

Wenn man glücklich sein will, dann wird man auch glücklich." Das ist einer der zentralen Aussagen der tibetischen Lehre vom Leben und Sterben, so wie sie Lama Kelzang in seinen Seminaren formuliert. Eine Kneipe, ein Dorfladen und eine große Kirche im Zentrum. Drumherum verstreute Einfamilienhäuser und Felder, die von dichtem Tannenwald umrahmt werden. Das 670-Seelen-Dorf Langenfeld in der Eifel unterscheidet sich zunächst kaum von den anderen Orten in der ländlich geprägten Region. Allerdings entdeckt man, verborgen hinter hohen Hecken am Ende der Kirchstraße, ein ungewöhnliches weißes, hohes Gebäude. An dessen Spitze, die hoch in den Himmel ragt, spannen sich vier lange Seile gen Boden, an denen rechteckige bunte Stoffe im rauhen Wind flattern. "Das ist der Stupa. Er symbolisiert den Frieden", erklärt der kleine, freundlich dreinblickende Mann im gelb-roten Gewand. "Und das da sind Fahnen, mit Gebeten bestückt. Wir glauben, dass durch den Wind die darauf stehenden Gebete durch die Lüfte zum Himmel getragen werden", ergänzt er in Englisch mit einem Wink auf eines der Seile.

Direkten Blick auf dieses buddhistische Bauwerk hat Lama Kelzang von seiner kleinen Wohnung im ersten Obergeschoss. Er ist ein sogenannter Resident-Lama. Diese leben dauerhaft in einem Institut und reisen nicht von einem zum nächsten. Neben ihm gibt es noch einen weiteren Resident-Lama, Lama Sönam. Sie sind neben zwei Mitarbeiterinnen die Einzigen, die hier ihren festen Wohnsitz haben. Der 45-jährige Kelzang begrüßt jeden seiner Gäste mit einer leichten, freundlichen Verneigung und lädt sie stets auf ein Glas Tee ein. "Ich bin über meine Familie und meine Kultur in Tibet zum Buddhismus gekommen und habe mich schon früh zum Studium der tibetischen Lehren entschieden", erklärt der gutgelaunte Mann, der auf einem kleinen, gelben Stuhl im Schneidersitz Platz nimmt. "Deshalb habe ich neun Jahre lang im Shri Nalanda Institut beim Kloster Rumtek im indischen Bundesstaat Sikkim die buddhistischen Lehren studiert." Mit Abschluss seines Studiums erhielt er den Titel des Lamas und ist berechtigt, die tibetischen Lehren zu unterrichten.

Während sich sein Blick in einem gegenüberliegenden bunten Thangka - ein buddhistisches Rollbild - verliert, umschreibt er lächelnd einen Lama allgemein als "eine Art buddhistischen Lehrer und Philosophen", dessen Aufgabe darin besteht, den Menschen das buddhistische Weltbild und die Wertvorstellungen der Buddhisten näherzubringen. Sein Tee, den er bisher nicht angerührt hat, hat im ganzen Raum einen wohligen Duft verbreitet. Draußen ist es nasskalt. Der Lama berichtet, dass er neun Jahre lang nach seinem Abschluss in Indien und drei Monate im amerikanischen Seattle gelebt hat. Es ist üblich, dass Klosterleiter in europäische Institute und Klöster entsand werden. So kam Lama Kelzang vor zwölf Jahren in die Eifel.

Auf den Gängen des Kamalashila Instituts, dessen Name von einem indischen Schriftsteller aus dem achten Jahrhundert stammt, ist an diesem Freitagnachmittag viel los. Zahlreiche Besucher reisen für Wochenendseminare an. Unter dem Stimmengetöse auf den Gängen und in der Bibliothek hört man verschiedene Sprachen heraus. "Diese Woche beherbergen wir sogar eine Frau aus den USA hier bei uns", erklärt der Geschäftsführer des Instituts Tobias Röder. Sein Büro befindet sich neben der Wohnung des Lamas. Der junge Mann mit der eckigen Hornbrille nimmt sich der Wünsche der Besucher an und leitet die Geschicke des Instituts. Mit ein wenig Stolz erklärt er, welche Bedeutung das Institut in dem Dörfchen hat, das so viele internationale Gäste beherbergt: "Wir sind hier eines der bedeutendsten europäischen Zentren der Karma-Kagyü-Gemeinschaft." Diese gehört zu einer der vier Hauptrichtungen des tibetischen Buddhismus. Mit Blick auf eine weitere eintreffende Gruppe mit kleinen und großen Gepäckstücken, die herzlich begrüßt werden, sagt Röder: "Wir wollen unseren Besuchern zeigen, was der Buddhismus für den modernen, westlichen Menschen bedeutet." Dass das Haus in Langenfeld im Oktober 1999 eröffnet worden ist, hängt mit Fügungen zusammen: "Unser Hauptsitz war zunächst in Bad Münstereifel in einem angemieteten Schloss. Allerdings wuchs bald der Wunsch nach einer eigenen Immobilie. Nach jahrelanger Suche stießen wir wie durch Zufall auf dieses leerstehende Objekt, das ursprünglich einer katholischen Ordensgemeinschaft, den Weißen Vätern, gehört hatte." Trotz der offensichtlichen Gegensätzlichkeit zwischen Besuchern und Mitarbeitern des buddhistischen Instituts und der eher konservativen und katholischen Dorfgemeinde gibt es keine Probleme. Ganz im Gegenteil: Von Anfang an war man darauf bedacht, eine gute Beziehung zueinander aufzubauen. Dieter Tullius, Mitglied in der Kirchengemeinde und ehemaliges Gemeinderatsmitglied, war damals an der Vermittlung der Immobilie an die Buddhisten beteiligt und erzählt: "Ganz am Anfang wurden die Langenfelder alle offen dazu aufgefordert, sich das Institut und dessen Arbeit genau anzusehen, um die Leute miteinander vertraut zu machen. Noch heute wird die Dorfgemeinschaft zum jährlichen Neujahrsempfang der Buddhisten eingeladen."

In den Seminaren vermittelt der Lama Inhalte der buddhistischen Lehre, diesmal über "Die tibetischen Lehren vom Leben und Sterben". Er sagt: "Der Tod ist nichts Schlimmes. Wir brauchen keine Angst vor dem Tod zu haben oder traurig zu sein, obwohl der Tod unausweichlich ist. Wir müssen verstehen, dass alles im Leben nur ein Übergang von einem Zustand zum nächsten ist." Anhand eines Beispiels erklärt er mit lockeren Handbewegungen, dass diese Übergänge, im Buddhismus auch als Bardo bezeichnet, nur temporäre Zustände sind, wie ein Transit mit dem Flugzeug von Mallorca nach New York City. Daher folgert er: "Wichtig ist die Erkenntnis, dass Bardos uns in unserem Leben an Erfahrung reicher machen und deshalb positiv sind. Wenn man das verstanden hat, wird man alles, was man erfährt, wertschätzen und eine tiefe Freude und glückliches Empfinden verspüren."

Lama Kelzang atmet tief ein, bevor er von einer alten Frau in Italien erzählt. Diese war seit 45 Jahren bettlägerig in Folge einer schweren Krankheit, "worst case" - das vermeintlich Schlimmste, was ihr hätte passieren können. Trotz dieser furchtbaren Situation war sie keineswegs traurig oder resigniert, sondern voller Freude auf Grund der Dinge, die sie trotz oder sogar gerade durch ihre Krankheit erfahren durfte: "best case" - das Beste, was passieren könnte. So ungewöhnlich sich das für so manch einen anhören mag. Der Lama bleibt voller Zuversicht, dass er seinen Auftrag voller Tatkraft weiterverfolgen wird.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gebetsfahnen im Eifelwind
Autor
Damian Krämer
Schule
Megina-Gymnasium , Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2017, Nr. 1, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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