Der Tierarzt wird nur selten gerufen

Eine besondere Viehweide im Herzen des Kaiserstuhls

Am Ende eines Schotterwegs, tief im Herzen des Kaiserstuhls, steht der Bauernhof der Schelinger Viehweide. Hinter einer Wasserstelle befindet sich das Herzstück, ein liebevoll angelegter Nutzgarten mit Gemüse, Teekräutern und Hochstauden. Tierpfade führen an steilen Wiesenhängen hoch an den Waldrand. Dort eröffnen sich traumhafte Aussichten auf weidende Tiere, die höchsten Erhebungen des Kaiserstuhls und das beginnende Weinland. Vor vier Jahren wurde die 20 Hektar große Weidefläche zum Naturschutzgebiet erklärt. Diese Schutzwürdigkeit entstand durch die Arbeit von Romana Schneider und Wolfgang Rath, einem Schwarzwälder. Schneider hat der Stadt Heidelberg und dem Medizinstudium den Rücken gekehrt und ist ihrem Freund an den Kaiserstuhl gefolgt.

Ursprünglich wurde die Weide 1904 angelegt, damit die Bauern sie als Jungviehweide nutzen konnten. Als die Maschinisierung weiter fortschritt, wurden die Zugtiere überflüssig. Sie wurde geschlossen, verpachtet, später kaufte das Paar das Weideareal. Seitdem hat sich vieles geändert. Statt in engen Ställen leben Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde mit ihrem Nachwuchs ganzjährig auf der Weide. Dazwischen bewegen sich Hühner, Gänse, Pfauen und Nandus. Es gibt eine innovative Mischbeweidung, die jedem Lebewesen den Platz gewährt, den es braucht. Der Tierarzt wird immer seltener gerufen.

Über die Jahre entstanden Bedingungen für seltene und vermeintlich ausgestorbene Tiere wie die Italienische Schönschrecke. Thomas Coch, promovierter Forstwissenschaftler und Gründer des Naturzentrums Kaiserstuhl, erklärt: "Die Nahrung für Mistkäfer stellt der Dung der Rinder und Schafe dar, deshalb setzt ein Vorkommen dieser Käfer in erster Linie eine ganzjährig genutzte Viehweide voraus. Leben zu viele Rinder und Schafe auf einer Weide, wie es früher der Fall war, wird alles zertrampelt und abgegrast. Für das Vorkommen seltener Pflanzen wie Filzkraut und Feldmannstreu sind die kaiserstuhltypischen Lössböden, die sich mit verschiedenen Vulkangesteinen zu einem einzigartigen Bodenmosaik zusammenfügen, das trocken-warme Klima und die Wasserknappheit unabdingbar."

Zuvor mussten die Folgen der intensiven Weidewirtschaft beseitigt werden: meterhohe Brennnesseln und überdüngte Weidestellen. Die Bäuerin erinnert sich: "Wir mussten einfach unsere eigenen Erfahrungen machen, dabei in Millimeterschritten denken und viel Geduld haben." Obsthochstämme alter Sorten, darunter Nuss-, Maulbeer- und Zwetschgenbäume, wurden gepflanzt. In Kombination mit Wildobst wie dem Weißdorn, Schlehen und Speierling tragen sie zum ökologischen Gleichgewicht bei. Begehrt ist das herunterfallende Obst bei allen Tieren, sogar die Gänse bewältigen den Aufstieg. Damit die Hühner vor dem Fuchs geschützt sind, gibt es polnische Grünfüßler, eine aufmerksame Hühnerrasse, die nachts in den Bäumen übernachtet. Die Rinderherde ist primär aus den Rassen Deutsch-Angus, Limousin und Schottisch-Hochland hervorgegangen, die sich durch einen kräftigen Körperbau auszeichnen und gut geeignet für die steilen Hänge sind. Die Schafherde stammt von Wiltshire-Hornschafen ab und verliert selbständig ihre Wolle, was Arbeit erspart. Der Verkauf von Rind-, Ziegen- und Lammfleisch stellt eines der Standbeine der Bewirtschafter dar. Obwohl nur einmal im Jahr geschlachtet wird, ist es für die ergraute Bäuerin ein schwerer Schritt: "Die Tage, an denen Tiere geschlachtet werden, sind die unangenehmsten für mich. Auch die Tage, an denen man sie vor dem Schlachten selektieren muss, sind nicht weniger schlimm." Es gibt einen Verkaufsstand, so dass Wanderer dort Honig, Apfelsaft, Eier sowie saisonales Obst kaufen können. Das Paar kümmert sich um Pflegeaufträge im benachbarten Naturschutzgebiet Badberg, wo seine Schafe und Ziegen zum Einsatz kommen. Gearbeitet wird von Hand oder mit der Sense, das schont den Boden. "Wir haben einfach Achtung vor dem, was auf dem Boden wächst. Da fahren wir nicht einfach mit einem Traktor drüber. Wir sind mit diesem Areal stark verwurzelt, mit jedem Quadratmeter Erde hier vertraut."

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Tierarzt wird nur selten gerufen
Autor
Jennifer Wornath
Schule
Gymnasium , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2017, Nr. 1, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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