Schnee im Sommer ist nichts Besonderes

Saubere Bäche, kecke Murmeltiere und ein Gefühl wie am Anfang der Welt. 24 Menschen leben in Juf, Europas höchstem Dorf im Kanton Graubünden. Die Stille entschädigt für weite Wege.

Unter dem Sternenhimmel fahre ich manchmal über den geheimnisvoll glitzernden Schnee." Die schönsten Momente erlebt Dorli Menn, wenn sie in Vollmondnächten langlaufen geht. Zwischen dem Piz Platta und dem Tscheischhorn, zwei Dreitausendern, befindet sich ihr Heimatdorf Juf, in dem 24 Menschen wohnen. Es liegt zuhinterst im Avers, einem Tal im schweizerischen Kanton Graubünden. Hier lebt die 67-Jährige in der höchstgelegenen Siedlung Europas, die ganzjährig bewohnt wird. Obwohl Dorli Menn gerne Ski fährt, dauert ihr der Winter zu lange. "Mittlerweile mag ich ihn nur noch bei blauem Himmel und wenn Schnee liegt."

Ganz anderer Meinung ist ihr 24-jähriger Neffe Dominik - auch er heißt mit Nachnamen Menn, wie die Hälfte der Einwohner. "Ich mag den Winter. Man muss ihn auch mögen, um hier zu leben." Juf liegt auf 2126 Metern über dem Meer, Schnee kann hier zu jeder Jahreszeit fallen. "Schnee im Sommer ist nichts Besonderes." Darüber freut sich der Bergbauer jedoch weniger. Das Gras auf den Feldern wird von der Last umgeknickt, was das Heuen erschwert. Menn hat dieses Jahr den Hof seines Vaters übernommen und führt ihn nun mit seinem Onkel zusammen. 55 Mutterkühe und Kälber genießen das frische Bergheu auf dem hochgelegenen Biobetrieb, der mehr als achtzig Hektar umfasst. Geheut wird teils an steilen Abhängen. Das Heuen ist eine anstrengende Arbeit, doch der Umgang mit den Maschinen gefällt dem Landwirt, und die ganze Familie hilft mit.

Auf den Wiesen um Juf wächst nicht nur Nahrung für die Kühe. Immer wieder hört man einen schrillen Ruf, und wenn man genau hinschaut, sieht man Murmeltiere, die über das Gras rennen, auf Steine klettern oder ihre Artgenossen in ein Loch im Boden schubsen. Sie haben sich ein unterirdisches Wohnparadies mit unzähligen Gängen eingerichtet, die mit einem Eingangsloch in den Wiesen der Jufer enden. Die Erdhaufen, die dabei entstehen, erschweren das Heuen. Dominik Menn ärgert sich nicht darüber. "Das ist halt so. Solange es nicht zu viele Murmeltiere gibt, sind es kleine Schäden." In einer Stadt zu leben, kann sich Menn nicht vorstellen. Sehnsüchtig blickt er aus dem Küchenfenster zu den sonnenbeschienenen Hängen und dem kleinen Bach. Er schwärmt von der Ruhe im Tal und fühlt sich keineswegs einsam. "Man kann ja wegfahren, um Kollegen zu treffen."

Trotzdem bleibt der junge Bergbauer meistens in Juf, die Dörfer liegen weit auseinander. Eine Dreiviertelstunde dauert die Fahrt mit dem Auto nach Thusis, dem nächsten Städtchen. Mit dem Postbus, der achtmal am Tag fährt, sind es eineinhalb Stunden. "Es kam auch schon vor, dass ein Kind im Auto geboren wurde, weil man nicht rechtzeitig in Thusis ankam", erzählt Dorli Menn. Die weiten Distanzen findet auch Dominik mühsam. Doch er nimmt die Dinge, wie sie sind, und wirkt zufrieden. Er genießt die Natur und strahlt eine Ruhe aus, die man bei Städtern kaum antrifft. "Wir lassen uns nicht hetzen, wir sind bei der Arbeit, nicht auf der Flucht", steht auf einem Schild über der Tür der "Pension Edelweiß".

"Das Schöne in Juf ist, dass wir zueinander schauen und es nicht anonym ist", sagt Dorli Menn. "Der Nachteil ist wohl etwa das Gleiche. Kaum ist man ein paar Tage fort, weiß es das ganze Dorf. Sogar ob man spät ins Bett geht, kann man wegen des brennenden Lichts nicht verheimlichen." Sie vermisst es, dass sie sich nicht in ein Café setzen kann, um sich mit Freunden auszutauschen. Stattdessen greift sie zum Telefon. Sie hat Bekannte in der ganzen Schweiz. Wegen ihres Berufs hat sie an vielen Orten gelebt. Die Kauffrau hat zudem die Lastwagen- und die Reisebus-Prüfung abgelegt. Aushilfsweise fährt sie den Postbus nach Juf.

Dass es eine Straße gibt, auf der dieser fahren kann, ist nicht selbstverständlich. Sie wurde in den 1960er Jahren beim Bau des Wasserkraftwerks im Valle di Lei ausgebaut. "Wenn es den Stausee nicht gäbe, dann wäre das Avers wahrscheinlich verlassen. Dann hätten wir sicher keine Straße bekommen. Dann hätten die jungen Leute auch keine Möglichkeiten gehabt, Arbeit zu finden, und wären ausgewandert." Das Avers ist ein Seitental zur San-Bernardino-Route, doch der Weg durch die Schlucht zieht sich lange hin, bis man in Juf und somit am Ende der Straße angekommen ist. Im Avers übt man einen besonderen Neujahrsbrauch aus. Kurz vor Mitternacht läuten die mehr als 16 Jahre alten und unverheirateten Jugendlichen von Hand die Glocken der Kirche. Nach den zwölf Glockenschlägen um Mitternacht läuten sie das neue Jahr ein. Danach gehen sie von Haus zu Haus, wünschen ein gutes neues Jahr und trinken einen Schnaps. Am ersten und zweiten Januar gehen auch die Kinder von Haus zu Haus. Mit ihren "As guats Nüüs"-Rufen verdienen sie sich ein wenig Geld. Wegen der Rappen, die sie sammeln, nennt man es "Rappa häischa".

Das Avers ist eine sprachliche Enklave. In den umliegenden Tälern wird Rätoromanisch gesprochen. Ab dem 13. Jahrhundert wurde es von den deutschsprachigen Walsern besiedelt, Einwanderern aus dem Wallis, die in vielen Bündner Tälern Dörfer gründeten. Die Walser trieben von Juf aus Handel ins Engadin und Bergell und von dort aus weiter nach Italien. Diese Routen über hohe Pässe sind auch heute noch beliebt bei Wanderern.

Juf und sieben andere Fraktionen bilden die Gemeinde Avers. Obwohl sie sich über zehn Kilometer erstreckt, leben darin nur 170 Einwohner. Eine Grundschule gibt es in Cresta, die nächste Sekundarschule liegt in Zillis, 1200 Höhenmeter tiefer und eine Stunde mit dem Bus entfernt. Während der Sekundarschulzeit wohnte Dominik Menn unten im Tal. In dieser Zeit vermisste er Juf, es war klar für ihn, später in sein Heimatdorf zurückzukehren. Doch wie lebt man sich ein, wenn man nicht dort aufgewachsen ist? Ursprünglich kam Josef Hasler als Skitourist nach Juf. Die Gegend ist beliebt bei Tourenfahrern, es gibt auch ein kleines Skigebiet. Damals verliebte er sich in das Dorf - und seine spätere Frau. "Und von da an bin ich geblieben." Seit vierzig Jahren lebt er hier und könnte es sich nicht anders vorstellen. "Schon in Chur habe ich das Gefühl, die Leute spinnen, so gestresst sind sie dort", erzählt er kopfschüttelnd. "Hier ist man am Anfang der Welt, und die Bäche sind so sauber, dass man daraus trinken kann." Kuhglocken läuten. Zwei Kinder treiben Kühe und Kälber den Weg hinunter zum Stall, danach legt sich Stille über das Dorf, und es wird kälter. Juf wird erst seit 1948 ganzjährig bewohnt. Früher zogen die Familien im Winter für ein paar Monate talabwärts, weil dort weiteres Heu eingelagert war. Dorli Menns Vater war der Erste, der den ganzen Winter blieb. Sie und ihre Brüder fuhren mit den Skiern zur Schule. "Es war abenteuerlich", sagt sie lachend. "Es gab keine richtige Straße. Wenn es stürmte, sah man nichts. Oft war man neben dem Weg. Das war hart." Seither hat sie viel von der Welt gesehen. "Das gefällt mir halt schon auch", sagt sie sehnsüchtig. "Doch wenn ich auf einer Bergspitze stehe, kann ich auf das ganze Tal blicken."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schnee im Sommer ist nichts Besonderes
Autor
Melina Rüesch
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2017, Nr. 1, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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