Mit der Seele spielen

Ich hab dann alles abgebrochen und bin los", erinnert sich Manfred Künster, Inhaber des Figurentheaters in Mayen-Hausen, an den Beginn seiner Karriere. Während seines Studiums vor etwa 30 Jahren lernte er auf einem Seminar einen italienischen Theaterlehrer kennen, der ihm eine Ausbildung in der Theaterschule in Pontremoli in der Toskana anbot. Die Chance ließ sich der Künstler nicht entgehen und ist auch heute noch froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Zurück in Deutschland traf er schließlich eine Frau, die im Bereich des Figurentheaters tätig war und mit ihm gemeinsam zehn Jahre lang spielte. Auf diese Weise verlor er jegliche Vorurteile, die mit dieser Form des Theaters gern in Verbindung gebracht werden und lernte die Vielfalt des Genres kennen.

Seit 26 Jahren lebt Künster jetzt schon von diesem Beruf, sechs Jahre davon in Hausen. Zudem fährt er auch in Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden, Italien und Belgien umher, um seine Figurenstücke und sein Talent mit anderen zu teilen.

Doch wie geht er eigentlich bei seinen Vorführungen und Proben vor? Das Repertoire umfasst 13 Stücke, unter anderem "Der kleine Prinz" oder Goethes "Faust". Zusammen mit einem Regisseur werden Fragen zum Stück geklärt und Ideen für mögliche Szenen oder musikalische Einlagen überlegt. Daraufhin wird der Text bearbeitet und auf seine Durchsetzbarkeit geprüft. Da Künster Solospieler ist, ist es ihm nur möglich, drei bis vier Figuren zu spielen. Doch trotzdem schafft er es, die Zuschauer von Klein bis Groß zu begeistern. Weiterhin müssen Bühnenbilder gemacht, Figuren entweder selbständig oder mit Hilfe einer gelernten Figurenbauerin angefertigt werden. Bei diesen handelt es sich beispielsweise um Handfiguren, wie der allseits bekannte Kasper, Tischfiguren oder aber zweidimensionale Flachfiguren.

Dann wird geprobt und in vielen kleinen Schritten ein roter Faden gesucht, an dem sich der Figurenspieler entlanghangeln kann, um sein Werk vervollständigen zu können. Dabei ist es ihm vor allem wichtig, sich zu fragen: Kann ich das? Passt das? Macht es mir Freude, es zu überarbeiten? Denn nur so entsteht ein Theaterstück, womit er zufrieden sein kann. "Ich muss auch alles so erarbeiten, dass ich's nicht nur spiele, sondern auch die Technik beherrsche", sagt Künster, der während der Aufführungen komplett auf sich allein gestellt ist und auch das Licht, die Technikanlage und teilweise sogar die Musik selbst steuert.

Seine harte Arbeit zahlt sich aus, er hat Besucher, die alle Stücke bereits mehrmals gesehen haben und immer wieder kommen, um die Spannung kurz vor Beginn einer Aufführung oder das nette Beisammensitzen im Foyer vor dem Stück zu genießen. Das schöne Ambiente in dem großen, offenen Raum mit vielen Tischen und Stühlen aus Holz schafft eine gemütliche Atmosphäre, bei der man sich bei Kaffee und Kuchen auf die Aufführung freut. Dabei stört es auch niemanden, dass der Spieler auf der Bühne zu sehen ist, da er schließlich auch selbst eine Rolle darstellt und so mit dem restlichen Bühnenbild und dessen Figuren verschmilzt. Er selbst empfindet ein Stück als gelungen, wenn er seinen Kopf beinahe vergisst und nur noch mit der Seele spielt. "Die guten Veranstaltungen sind, glaube ich, die, in die man sich richtig reinschmeißt", sagt er und lacht. Seine offene Art findet sich auf der Bühne wieder, wenn er die Rollen übernimmt und seine ruhige, gemächliche Stimme sich in eine ganz andere Person verwandelt.

Künster präsentiert seine Werke auf Festivals in Köln, Lübeck oder Erlangen. Dort versucht er, sich Inszenierungen anderer Künstler anzusehen, was jedoch aus Zeitgründen nicht immer möglich ist. Im österreichischen Mistelbach trat er einem Puppenspielerclub bei, in dem sich Künstler treffen und über die Stücke, die sie gesehen haben, reden. "Ich würde gerne mehr mitbekommen", sagt der nette Mann, doch leider sei dies als Einmannbetrieb mit seiner Frau "als Hüterin des Hauses" eher schwer.

Das Figurenspiel entdeckte Manfred Künster durch Zufall. "Ich wusste auch nicht, wie lange das hält, dann war aber der Wille dabei, das auch zu machen. Ich möchte aber nichts anderes machen. Man ist selbständiger, freischaffender Künstler. Das ist manchmal schwer, auch vom Finanziellen her. Aber etwas anderes möchte ich nicht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit der Seele spielen
Autor
Julia Wilhelm
Schule
Megina-Gymnasium , Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2017, Nr. 19, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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