Von der Knete zur Kulttasche

Die Bahnhofstraße von Wald ist noch still, als Kathie Buchelt-Weber um neun Uhr die Tür ihres Ladens öffnet und eine bunt bekleidete Schaufensterpuppe vor das weiße Haus mit den grünen Fensterläden stellt. Sie hängt ihr eine silbrige Tasche um. Vor zehn Jahren eröffnete die Handarbeitslehrerin ihr erstes Geschäft im Zürcher Oberland und verkauft seither selbstentworfene Taschen und Portemonnaies im eigenen Laden in der kleinen Gemeinde im Zürcher Oberland.

Was mit dem Verkauf von selbstgemachtem Fimo-Schmuck auf einer kleinen Staffelei in der Züricher Altstadt begann, führte vor vier Jahren zur Eröffnung einer zweiten Verkaufsstelle im Züricher Edelquartier Seefeld. "Ich habe schon immer gerne in irgendeiner Weise mit Farben und Formen gearbeitet", sagt die 48-Jährige. Nach der Matura besuchte sie das dreijährige Handarbeitslehrerinnen-Seminar. Nachdem sie mehrere Jahre an der Sekundarschule Wetzikon und der Primarschule Rüti unterrichtet hatte, begann sie, nebenher Schmuck aus Fimo-Knete herzustellen, und verkaufte ihn auf dem Rosenhofmarkt, einem Handwerkermarkt in Zürichs Altstadt.

Der Verkauf lief gut, sie setzte neue Ideen um. So entstanden Hüte aus Kravattenseide, kombiniert mit Faserpelz. Auf die Idee, Taschen zu entwerfen, kam sie auf der Suche nach geeignetem Material für das Dach ihres Marktstandes. Bei einem Lastwagenplanen- und Bassinabdeckungen-Hersteller fand sie Planenreste, die sie günstig kaufen konnte. Sie belud ihr Auto mit Planen verschiedener Farben. Von da an sah man Kathie Buchelt-Weber hinter einem Marktstand voller knallig bunter Blachentaschen, die sie selbst produzierte und mit großen Fimo-Schnallen ausschmückte. Die damals noch nicht stark verbreiteten Blachentaschen kamen gut an. Allmählich kam sie allein nicht mehr nach mit dem Nähen. Als sich ein Kollege aus Deutschland, ein Autoradüberzug-Hersteller, bereit erklärte, ihre Taschen anzufertigen, ließ die Lehrerin ihre Taschen in größeren Mengen herstellen. "Und dann hat es eingeschlagen wie eine Bombe", erinnert sie sich an ihren Erfolg auf Händlermessen wie der Ornaris, als viele Geschäfte ihre Blachentaschen verkaufen wollten. Für ein besonderes Erfolgserlebnis sorgte eine vor 15 Jahren erstellte Internetseite. Auf ihr konnten Kunden Modelle nach eigenen Wunsch farblich gestalten und bestellen. Diese Online-Seite entdeckte ein deutscher Fernsehsender, der sie zum Interview bat. "Dass sie gleich mit einem größeren Kamerateam aufkreuzen, hätte ich nie gedacht. Es war mir ehrlich gesagt ziemlich peinlich." Doch der Beitrag führte innerhalb von drei Tagen zu 200 Bestellungen. "Ich hatte die ganze Wohnung voller Taschen und zum Glück eine Assistentin, die mir zur Seite stand."

Mit den ersten Sonnenstrahlen füllt sich die Bahnhofstraße. Die erste Kundin betritt das Geschäft, in dem noch zwei Teilzeit-Angestellte arbeiten. Sie probiert verschiedene Hosen an. Kathie Buchelt-Weber berät sie. "Ich mag es, die Kundinnen mit meiner eigenen Begeisterung anzustecken", sagt die modisch gekleidete Geschäftsinhaberin mit den dunkelbraunen, zu zwei Zöpfen gebundenen Haaren. Die schwarze Hose, für die sich die Kundin entscheidet, ist nur eines von vielen Kleidungsstücken, die Buchelt-Weber auf Messen in Berlin und Paris auswählt, um sie zu verkaufen. In einem Gestell stehen klassische Ledertaschen, die mit einem mit bunten Mustern verzierten Reißverschluss-Zupfer geschmückt sind.

Nachdem Kathie Buchelt-Weber ihre Stelle als Handarbeitslehrerin kündigte und sich mit 34 Jahren selbständig machte, beschloss sie, auf den Verkauf von Ledertaschen umzusteigen und Blachentaschen künftig nur noch auf Anfrage anzufertigen. Das Unterrichten der Kinder, das ihr viel Freude bereitete, führte sie als Aushilfe weiter. Da Ledertaschen viel schwieriger zu produzieren sind, brauchte sie fortan einen Hersteller. Sie fand eine Schweizer Firma, die seither auf der Grundlage ihrer Zeichnungen und Prototypen die Taschen anfertigt. Zur Papeterie ihres Ehemannes im Züricher Seefeld gehört auch eine Boutique, in der sie ihr Sortiment anbietet. Auf der Händlermesse Ornaris hatten die beiden ihr erstes Date, heute sind sie verheiratet und wohnen mit ihrem Sohn in Wald. "Als Designerin mit eigenem Produktlabel schlägt man einen schwierigen Weg ein, es kann aber einer der erfolgreichsten sein."

Informationen zum Beitrag

Titel
Von der Knete zur Kulttasche
Autor
Melanie Tsar
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2017, Nr. 19, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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