Schräge Vögel in Schweizer Gärten

Im Ausstellungsraum mitten in Bubikon, einem beschaulichen Dorf im Zürcher Oberland, miaut eine Katze zwischen Drachen, Raben und anderen Fabelwesen. Renate Güntensperger und Louis Uwe Wagner schaffen aus Alteisen und Metallabfällen Kunst- und Alltagsobjekte. Eine Vielzahl von Wesen tummelt sich auf Tischen mit Klauen an den Tischbeinen und Regalen mit Eisenverzierungen. An der Decke hängen Lampenschirme, die aussehen wie Maiglocken. Es gibt üppig verzierte Spiegel. Die Spiegel, Stühle und Tische macht Louis Uwe Wagner. "Die Faszination am Eisen rührt von seiner Formbarkeit her, es kann hart und kalt sein, filigran oder schwer. Keine zwei Objekte ähneln sich, dennoch ist alles aus dem gleichen Material", sagt der 61-Jährige, der zuerst als Diplomökonom und Banker arbeitete. Als er Renate Güntensperger kennenlernte, brachte sie ihm das Schweißen bei. "Eines Tages fragte sie mich dann, ob ich eigentlich den richtigen Beruf gewählt hätte. Da hatte sie nicht mal so unrecht, dachte ich mir damals."

Seit zehn Jahren arbeiten die beiden in ihrem Château Grenouille genannten Haus zusammen. "Wir haben es Grenouille genannt, weil ich mit einer Freundin Fotos gemacht habe, auf denen ich einen Eisenfrosch küsste. Noch in der gleichen Woche ist mir Louis Uwe Wagner über den Weg gelaufen", erzählt die fröhliche Frau. "Château heißt es, weil wir eine große Vorliebe für Schlösser haben. Wir werden uns aber nie eines leisten können, darum machen wir uns einfach eines."

Die Möbel des gebürtigen Westfalen könnten tatsächlich in einem Schloss stehen. Die Tische, Spiegel und Stühle sind groß und schwer, reich verziert. "Ich würde meinen Stil als expressive Opulenz bezeichnen, verschwenderisch und üppig." Als Nächstes will er an einer Lampenkollektion arbeiten. "Lampen sind meine große Leidenschaft: Wenn ich einen Raum beleuchte, benutze ich nicht nur zwei oder drei Lampen, sondern zwanzig bis vierzig, direktes und indirektes Licht. Licht ist Atmosphäre."

"Ich mache alle Viecher", erklärt Renate Güntensperger. Aus Ketten, Kugeln, Stanzabfällen und Eisenstücken schweißt die 51-Jährige Fabelwesen. "Wenn ich in eine Alteisenmulde schaue, sehe ich fertige Objekte, wo andere nur Abfall sehen." Drachen seien ihr Spezialgebiet, früher waren es Raben. Ihr größter Drache ist etwa zwei Meter groß, die Kleinsten kann man in die Hand nehmen. Ihr größter Schatz ist hingegen das Säbelzahneichhörnchen: "Das hätte ich schon hundert Mal verkaufen können, doch es ist unverkäuflich, ich hänge zu sehr daran." Die zwanzig Zentimeter große Kreatur sieht genauso tollpatschig aus wie Scrat, das Vorbild aus Ice Age. Sein Körper besteht aus zwei aneinandergeschweißten Rohren, mit einer Schornsteinbürste als Schwanz und Augen aus Metallperlen. "Das Verkaufen ist nicht immer lustig", sagt die zweifache Mutter. "Anfangs hatte ich meine Objekte immer zuerst drei Monate in der Wohnung stehen, bevor ich mich von ihnen trennen konnte."

Früher war der Ausstellungsraum in einer alten Scheune in Bubikon. Nun ist der märchenhafte Ausstellungsraum in ihrem mit Blauregen überwucherten Haus. Sie mag das: "Man lebt mit den Kreaturen und kann sich besser von ihnen trennen, so sind sie ein Teil unserer Wohnung." An einem Drachen, Eisenteilen und kuriosen Objekten vorbei führt eine rostige Wendeltreppe ins erste Stockwerk zum Ausstellungsraum. Im Erdgeschoss ist die Werkstatt mit wild herumliegenden Eisenteilen. "Ich arbeite sehr chaotisch, oft fange ich sieben Sachen an, das sieht wie eine Sauerei aus, aber so arbeite ich", erklärt Güntensperger. "Als Material brauchen wir meistens Alteisen, vieles bekommen wir von Fabriken, zum Beispiel Stanzabfälle." Auf einem Tisch stehen Kronen als Windlichter. "Die Metallperlen auf der Spitze sind die Ausschusskugeln einer Kugellagerfabrik. Wiederverwertung ist reizvoll, es ist wahnsinnig, was weggeworfen wird."

Die Mehrheit ihrer Einnahmen machen die beiden mit Kundenbestellungen. "Wir bekommen viele Aufträge für Geländer und Gartentore, manchmal sind es konkrete Wünsche, manchmal sind wir ganz frei. Aufträge zwingen mich, mich weiterzuentwickeln. Geländer sind technisch anspruchsvoll. Das hat mich aber weitergebracht."

Die Leidenschaft, die das Paar teilt, ist die Einrichtung und Gestaltung von Häusern. "Ich warte immer noch auf ein Hotel, das wir einrichten können", schwärmt sie. Kürzlich hat sie ein Restaurant dekoriert mit Viechern, Kerzenständern und Vorhängen. "Das ist gute Werbung für uns, weil da viele Geschäftsessen stattfinden." In und um Bubikon sieht man häufig etwas aus dem Château, sei es einen schrägen Vogel im Garten oder die Kulturtafeln, auf denen die Veranstaltungen zu sehen sind.

"Die größte Herausforderung ist die Einteilung der Zeit, wenn man selbständig ist", meint Renate Güntensperger. "Wenn ich den ganzen Tag in der Werkstatt bin, kommt danach ein müder Tag. Man kann nicht arbeiten wie eine Maschine, die Gelenke und die Kreativität leiden. Manchmal passiert nichts Gescheites, dann kommt man bei vielen Aufträgen körperlich an die Grenzen. Außerdem gehen Ideen immer schneller als die Umsetzung, das erzeugt Druck." Früh Feierabend sei nie. Aber Schweißen sei eine schöne Arbeit. "Ich bin immer noch Feuer und Flamme."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schräge Vögel in Schweizer Gärten
Autor
Elisa ter Harkel
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2017, Nr. 19, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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