Mal ein anderer sein

Das Laientheater bietet vielfältige Aufgaben

Die Motorsäge dröhnt durch die Morgenluft. Auf dem Platz steht ein alter Anhänger, der hoch mit Grünschnitt beladen ist. Zwischen einem Holzhäuschen und einem Bauwagen türmen sich weitere Ladungen. Auf dem 3300 Quadratmeter großen Areal des Theaterkreises Bobenheim-Roxheim wird auch an diesem Samstag hart gearbeitet. Thomas Andres koordiniert die zehn freiwilligen Helfer, die sich zur Freilichtbühne des Vereins eingefunden haben, um das Gelände winterfest zu machen. Es gibt eine terrassenartige Tribüne mit 300 Sitzplätzen, im Zentrum liegt die Bühne. Hinter einer Rasenfläche ragt die Kulisse eines mittelalterlichen Schlosses empor.

"Eine Bühne zu betreiben und regelmäßig Aufführungen zu organisieren ist eine große Herausforderung", sagt Andres, der Ingenieur organisiert viel und kommuniziert mit den Behörden. Beim Laientheater ist die Mitarbeit der Vereinsmitglieder entscheidend, darin liege auch der Reiz. Regisseurin Sabrina Korff, die in einer Bank arbeitet, schwärmt: "Es geht um die gemeinsame Zeit, den Spaß und die Liebe zum Theater, und genau das ist es, was die Zuschauer sehen können."

Felizitas Hasch steht seit zehn Jahren auf der Bühne. Die extrovertierte Gymnasiastin findet es gut, viele Aufgaben kennenzulernen. "Wenn man dann sieht, was bei den Mühen rauskommt und jeder kleine Teilbereich funktioniert, ist das beeindruckend. So ist man stärker involviert und strengt sich mehr an." Die 17-Jährige schwärmt: "Toll ist es zu lernen, die Charaktere auf der Bühne darzustellen."

Jedes Jahr gibt es im Sommer zwei Stücke auf der Freilichtbühne. Der Verein betreibt noch ein Saaltheater im Hinterhof eines alten Bauernhauses. Von einer Plattform auf einer Holzkonstruktion wird die Technik gesteuert, darunter quetscht sich der Ausschank. Hier werden vor bis zu 100 Zuschauern jeden Winter zwei Stücke gezeigt, darunter ein Kinderstück, gespielt von einem Team von 20 Mitwirkenden im Alter von 6 bis 18 Jahren. "Wenn man mit jungen Menschen arbeitet, muss man herausfinden und immer wieder testen und lernen, was ihnen hilft, um ein gutes Stück aufzuführen. Ich versuche so offen wie möglich auf jeden zuzugehen", sagt Regisseurin Sabrina Korff. Abwechslung und Spaß bei den Proben seien wichtig bei allen Altersgruppen. "Da es ein Hobby ist, sollte es zum Ausgleich dienen und trotzdem die persönliche Entwicklung fördern", erklärt die sportliche blonde Frau. "Den Jugendlichen kann man mehr Verantwortung übertragen und sie sich selbst ausprobieren lassen. Bei Kindern ist das Vormachen oder Zeigen, wie man sich etwas vorstellt, leichter."

Wie wichtig Improvisation ist, macht sie an "Alice im Wunderland" deutlich: "Der Igel musste im königlichen Krocketspiel einmal durch das Tor rollen und einmal vorbei. Bei der Premiere lief die Schauspielerin vor lauter Aufregung zweimal durchs Tor. Nur durch die Geistesgegenwart des Schiedsrichters, der spontan die Regeln änderte, konnte eine Niederlage von Alice verhindert und das Stück gerettet werden." Im Sommer gab es Dracula und Momo, im Winter werden Peter Pan und eine Komödie gezeigt.

Andres erläutert: "Jedes Jahr müssen mindestens 50 000 Euro eingenommen werden, um die Bühnen betreiben zu können. Dabei kommen über 85 Prozent aus den Einnahmen der Aufführungen." Die Konkurrenz sei stark: Neben vielen regionalen Veranstaltungen gibt es Sportvereine oder Kirchengemeinden, die eine kleine Theaterabteilung haben. "Ich finde, das Laientheater hat eine wichtige Funktion. Es ist ein Hobby, bei dem man jemand anderes sein und Seiten an sich entdecken kann, die auch im wirklichen Leben enorm weiterhelfen. Man wird freier, selbstbewusster und kann im Schul- und Berufsleben Präsentationen oder Vorträge besser halten. Vor allem lernt man Sozialkompetenz, da man sich auf verschiedene Typen einstellen muss und mit ihnen ein Projekt auf die Beine stellt", sagt Sabrina Korff.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mal ein anderer sein
Autor
Martin Krüger
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2017, Nr. 25, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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