Gut verdrahtet wirkt der Baum wie windgepeitscht

Im Bonsai-Club dreht sich alles um die Winzlinge

Bonsai heißt auf Japanisch Baum, Strauch in Schale", sagt Rolf Wälli, Präsident des Bonsai-Clubs Zürcheroberland. Der grauhaarige Mann im karierten Hemd mit der modischen, schwarzen Brille hat rund siebzig Bonsais zu Hause. "Ich habe viel Zeit, nicht wie andere, die unter der Woche arbeiten", erklärt der 72-Jährige. Seit 20 Jahren ist er Clubmitglied und nimmt seine Aufgaben ernst. Jedes Mal, wenn ein neues Mitglied beitritt, schaut er vorbei, um den Anfang zu erleichtern und Tipps zu geben, zum Beispiel, wie und wo der Bonsai überwintern kann oder ob eine Bewässerungsanlage nötig ist.

Es gibt unter anderem einen Technik-berater, einen Aktuar und jemanden, der für die Website und die "Bäumlipost" verantwortlich ist, ein Magazin, das viermal im Jahr erscheint. Darin gibt es biologische Informationen und Hinweise auf Ausstellungen.

Der Club hat 45 Mitglieder, wovon etwa zwanzig zu den monatlichen Treffen in der Freizeitwerkstatt in Wetzikon kommen. "Die restlichen Mitglieder hat noch nie jemand gesehen", sagt Wälli, der in Männedorf am Zürichsee wohnt, schmunzelnd. "Sie unterstützen uns aber mit dem Beitrag von 75 Schweizer Franken im Jahr." Auf den Treffen tauschen sich zwischen sechs und zwölf Bonsaifreunde aus, sprechen darüber, dass man einer Eiche Wasser mit Kalk, aber einer Azalee Wasser ohne Kalk geben soll. Oder es gibt einen Samstags-Workshop über das Arbeiten mit Wacholdern oder Ahornen, geleitet von einem Spezialisten. Im Frühjahr werden die Bonsais gemeinsam umgetopft.

Höhepunkt ist die Wahl des "Baums des Jahres". Für das Jahr 2017 ist die Zeder ausgewählt worden. Dann wird über diesen Baum diskutiert. Das könnte der Beginn sein, um einen eigenen Bonsai zu kreieren: Denn aus jeder verhölzernden Baum- und Strauchart kann ein Bonsai gemacht werden. "Dazu braucht man ein gutes Vorstellungsvermögen. Man muss eine Idee haben, wie der Baum später aussehen soll, auch das Wissen über die Eigenheiten der Arten ist wichtig. Bei der Zeder muss man zum Beispiel wissen, dass sie eher stolz aufrecht wachsen und die Sonne sehr genießen", erklärt der weißhaarige Wälli. Viel Geduld ist nötig, denn bis ein Bonsai wirklich fertig ist, dauert es durchschnittlich zwölf Jahre, je nach Wachstumsgeschwindigkeit. Entscheidend ist die richtige Erde. Die Erdmischung wird im Club nach einem clubeigenen Rezept hergestellt, das Substrat setzt sich aus Humus, viel Lehm, Sand und Perlit zusammen, einem Gestein, das zerkleinert wird und für Wasserspeicherung und Bodenbelüftung sorgt. Diese können die Mitglieder gratis abholen. Schalen verschenken langjährige Mitglieder. Um sich einen Baum zu besorgen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Im Internet können Sämlinge oder Bonsai bestellt werden, alternativ können diese natürlich auch in einem Gartencenter gekauft werden. Dann wird der Sämling großgezogen, bis er etwa nach einem Jahr so weit ist, dass man ihn formen und zurechtschneiden kann. Man kann auch in den Wald gehen und sich einen bereits größeren Baum aussuchen und beim Förster nachfragen, ob man ihn ausgraben darf. Bei diesem Verfahren ist es einfacher, dass der Bonsai später einen eindrücklichen Stamm hat. "Dabei muss man immer auf den Nebari achten", erläutert Wälli. Der Begriff kommt aus dem Japanischen und bezeichnet die Stelle am Baum, wo die Wurzeln in den Stamm übergehen. Diese Stelle ist besonders wichtig, da sie später nicht verändert werden kann, wenn sie zum Beispiel zu dünn oder schief ist. Es tauchen oft japanische Begriffe auf, da die Bonsai-Kultur vor Jahrtausenden in China angefangen hat und von da nach Japan kam. Dort sind Regeln entstanden, wie ein Bonsai aussehen sollte. Zum Beispiel sollte der Stamm bis zum ersten Ast ein Drittel und die Krone die restlichen zwei Drittel ausmachen. Eine weitere Regel ist, dass die Schalenhöhe dem Nebaridurchmesser entsprechen sollte.

Wenn der Baum groß genug ist, kann er geformt werden, dabei werden die Regeln aus Japan als Stütze genommen. "Streng aufrecht" ist eine dieser Standardformen. Eine weitere Form ist die "Kaskade", wie ein Wasserfall soll auch der Bonsai von der Schale aus "abwärts fließen". Wälli erklärt: "Wegen ihrer Blütenpracht sind dazu zum Beispiel Azaleen geeignet oder die knorrig wachsenden Wacholder. Ich finde Azaleen einfach wahnsinnig schön." Bei der Form "windgepeitscht" soll der Bonsai so aussehen, als würde ein starker Wind dauernd aus einer Richtung wehen und seine Äste alle auf eine Seite zwingen. Um solche Formen zu kreieren, wird ein Kupfer- oder Aluminiumdraht um den Stamm und die Äste gewickelt und dann Stück um Stück in die richtige Form gebracht. Die störenden oder überflüssigen Äste werden abgeschnitten. Wenn ein Ast immer weiterwächst, gibt es die Möglichkeit, seine Blätter zu halbieren. Dadurch können sie weniger Photosynthese machen, und der Ast wächst langsamer. Solche Eingriffe in die Natur gefallen nicht jedem. "Manche Mitglieder haben Hemmungen, die Bonsais zu drahten und zurechtzubiegen, sie empfinden das als Vergewaltigung. Aber dann dürften solche Leute auch nicht den Rasen mähen oder die Rosensträucher stutzen. Auch ein Bauer schneidet seine Reben, damit sie besser wachsen können und mehr Frucht tragen", sagt Wälli.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gut verdrahtet wirkt der Baum wie windgepeitscht
Autor
Jessica Holzach
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2017, Nr. 25, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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