Einmal in der Woche herrscht dicke Luft am Gmünder Markt

In einem historischen Hinterzimmer trifft sich in Schwäbisch Gmünd ein Zigarrenclub. Der sportliche Gründer ist Raucher und Radfahrer aus Leidenschaft.

Stimmengewirr füllt die historische Bohlenstube. 13 Männer haben sich um einen großen Holztisch versammelt. Der aufsteigende Rauch ihrer glühenden Zigarren trübt die Sicht. Gewusel in der kleinen Küche nebenan, wo es nach Schupfnudeln und Sauerkraut duftet. Die 13 Mitglieder des "Rauchsportclubs" Schwäbisch Gmünd versammeln sich auch an diesem Freitagabend zu ihrer wöchentlichen Männerrunde im ersten Stock über dem kleinen Tabakwarenladen am Marktplatz 36. Unter ihnen zwei Hobbyköche, ein Weinhändler und Wolfgang Ruß, der Inhaber des Ladens und Gründer des Raucherclubs.

Der Name "Rauchsportclub" war eher ein Gag, sagt der Händler. Da Ruß, der Rad fährt und Triathlons mitläuft, leidenschaftlich Zigarren raucht, gründete er 1997 gemeinsam mit fünf weiteren Zigarrenliebhabern den RSC Schwäbisch Gmünd. Ruß und seine Freunde wurden schon oft für einen Sportclub gehalten und erhielten über ihre frühere Internetseite eine Einladung zu einem Tauchlehrgang am Bodensee. Der Geschäftsführer lacht, da seien sie natürlich nicht hingegangen. "Höchstens, wenn sie uns die Havanna in die Sauerstoffflasche eingebaut hätten." Unter den Männern bricht lautes Lachen aus. Es wird angestoßen mit Rotwein, alle unterhalten sich ausgelassen und ziehen genüsslich an ihren glühenden Zigarren. Zu einer oder höchstens zwei Zigarren an einem Abend trinken sie Wein oder Whisky. Das passe am besten dazu, sagt Ruß. Ein etwa 50-Jähriger in blauem Hemd schwelgt in Erinnerungen und erzählt die Gründungsgeschichte: Alles begann mit den Samstagen, als auf dem Gmünder Münsterplatz noch der Wochenmarkt stattfand. Da traf man sich im Tabakwarenladen zum Quatschen und zum Rauchen. Ihr Club sei eigentlich "eine bloß schwäbische Nachmache" der elitären Zigarrenclubs, die es in Großstädten bereits lange gibt und bei denen man Tausende von Euros für die Aufnahme und den monatlichen Clubbeitrag hinblättern müsse. "Wir als Schwaben haben unseren Club natürlich ohne Beiträge oder Sonstiges aufgezogen, versteht sich."

"Tabak&Treff", der Schriftzug in leuchtenden Buchstaben macht schon von weitem auf das Schaufenster im Erdgeschoss des rosa Gebäudes auf dem Gmünder Marktplatz aufmerksam. So nannte Wolfgang Ruß seinen Laden, als er ihn vor 20 Jahren seiner Vorgängerin abkaufte. Er wollte seinen Kunden nicht nur seine Zigaretten, Zigarren, Zigarillos, Feuerzeuge, Pfeifen oder Whisky verkaufen, er wollte Gemütlichkeit schaffen, einen Treffpunkt, an dem man sich zum Rauchen und Kaffeetrinken trifft. Noch vor einigen Stunden ließen seine Stammkunden in dem zwanzig Quadratmeter großen Verkaufsräumchen wie jeden Tag zur Mittagszeit richtig den Rauch rein, genossen ihre Zigarre und schlürften ihre Tasse Kaffee. Die Decke des Ladens ist verziert mit Zigarrenschachteln, neben der Eingangstür stehen dunkelrote mit Samt überzogene Hocker vor einem kleinen Tisch.

Seit 15 Jahren verbringt der Mann mit dunkelgrauem Bart und Brille seine Mittagspause im Laden, sagt er und zieht kräftig an seiner Havanna. Vom Polizeichef über den Redakteur bis zum Anwalt halten sich hier mittags noch Kunden und Freunde auf. Probleme werden hier, so sagt Ruß, "auf kleinem Dienstweg" erledigt. Jetzt ist der Verkaufsraum dunkel. Wie jeden Freitagabend schließt Ruß um 18.30 Uhr seinen Laden zu, die Zigarrenfreunde verlegen ihr Treffen in die Bohlenstube im ersten Stock.

Zu erreichen ist der Treffpunkt über den Hintereingang. Schon im Treppenhaus macht sich der Zigarrenrauch breit. Die Stufen führen in den hinteren Teil des Gebäudes, so steht man plötzlich in einem Bau aus dem 16. Jahrhundert vor dem Eingang der historischen Bohlenstube. Der Name Bohlenstube entstand aufgrund der dunkelbraunen Bohlenbretter, womit man zu jener Zeit die Wände vertäfelte, erklärt Ruß. Die niedrige Decke und die niedrigen Türrahmen zeugen vom Baustil des 16. Jahrhunderts. Die alten Bohlen blieben jedoch jahrelang unentdeckt, sie waren zutapeziert und mehrmals überstrichen worden. Nach einem Wasserschaden zur Jahrtausendwende wurden sie wiederentdeckt. Zuvor mietete der Clubgründer im Winter die neben seinem Laden am Marktplatz 36 gelegene Eisdiele Venezia als zusätzlichen Raucherraum an. Vor 15 Jahren weihten die Männer dann die renovierte Bohlenstube ein.

Der Club besteht aus mittlerweile 25 Zigarrenliebhabern, im Alter von Mitte 20 bis 70, die sich jeden Freitagabend um 19 Uhr zum Rauchen, Essen und Reden treffen. Heute sind 13 anwesend, unter ihnen ein neu dazugestoßenes Mitglied, sagt Ruß und zeigt auf einen Mann mittleren Alters. "Er ist noch in der Probezeit", scherzt ein anderer. Grundsätzlich ist jeder Zigarrenliebhaber herzlich eingeladen, mitzuqualmen, doch kam es schon vor, dass gewisse Leute nicht in die Runde gepasst haben, gibt einer am Tisch offen zu. Mit Frauen haben sie auch schon einen Versuch gestartet: "Da stand dann auf einmal der Prosecco auf dem Tisch", berichtet der Jüngste am Tisch amüsiert.

Ruß bestückt den Humidor im Eck jeden Freitag mit zehn bis zwölf verschiedenen Havannas. Insgesamt gibt es um die 100 unterschiedliche kubanische Zigarren. Ruß verkauft daneben handgerollte Zigarren aus Südamerika, aus Honduras, der Dominikanischen Republik und aus Nicaragua. Auch in Deutschland maschinell hergestellte Zigarren findet man bei ihm. Zu Beginn testen die meisten Neuanfänger alle Zigarren aus verschiedenen Ländern, doch bei rund 80 Prozent "dampft es sich auf den Klassiker ein, die Havanna", behauptet er. Der junge Mann neben ihm stimmt ihm zu: Wer sich einmal auf die Havanna eingeraucht habe, dem schmeckten andere Sorten einfach nicht mehr. Die teuerste kubanische Zigarre, die Ruß besitzt, ist die 12 Zentimeter lange und zwei Zentimeter dicke Cohiba, bekannt als die bevorzugte Zigarrensorte von Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Am häufigsten verkauft er an seine Stammkunden die "Romeo y Julieta". Persönlich rauche er am liebsten eine handgerollte kubanische Robaina.

Einen Hauch von Zimt, eine Haselnuss-Note bis hin zu dem Geschmack von Zartbitterschockolade, diese Aromen glauben viele Raucher bei ihren Zigarren herauszuschmecken. Von solchen abstrusen Geschmacksdefinitionen hält Ruß nicht viel und zitiert den amerikanischen Schauspieler Bing Crosby: "Wenn ich den Geschmack von Schokolade schmecken will, dann esse ich Schokolade." Die mittlerweile neblig verrauchte Bohlenstube füllt sich mit Gelächter. In etwas ernsterem Ton erklärt einer der Männer: "Wir Schwaben schmeißen nichts weg! Die hübsch verzierten hölzernen Zigarrenschachteln werden aufgehoben, und am verkaufsoffenen Sonntag verkaufen wir sie auf dem Gmünder Marktplatz. Das Geld spenden wir dann für einen guten Zweck."

Mit dem Rauchen hat Wolfgang Ruß vor 30 Jahren angefangen. Anfangs rauchte er noch gewöhnliche Zigaretten, um davon loszukommen, suchte er nach Ersatz, so begann es mit den Zigarren. Aufgewachsen als Sohn eines Tabakwarenhändlers in Schwäbisch Gmünd, machte er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und trat in die Fußstapfen seiner Eltern. Der elterliche Laden sei in den achtziger und neunziger Jahren die Konkurrenz zu dem Tabakladen am Marktplatz 36 gewesen. Bevor Ruß das damalige Konkurrenzgeschäft übernahm, war er Geschäftsführer in einem der nobelsten Tabakwarenläden Stuttgarts. Nach 13 Jahren in Stuttgart wollte er sich in seiner Heimatstadt selbständig machen.

Der leidenschaftliche Radfahrer wurde aufgrund seiner Vorliebe für Zigarren schon von seinen Sportkameraden schief angeschaut. Rauchen und Ausdauersport, wie passt das zusammen? Stehe ein Wettkampf an, so höre er sechs Wochen vorher mit dem Rauchen auf, sagt Ruß.

Informationen zum Beitrag

Titel
Einmal in der Woche herrscht dicke Luft am Gmünder Markt
Autor
Aileen Heselich
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2017, Nr. 25, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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