Taktik des Tauziehens

Seil auf! Spannen! Fertig! Pull!", ruft der Schiedsrichter. "Hau ruck!, Hau ruck!", hört man sie schreien, während sie ihre Schuhe ruckartig in den Boden rammen, um Halt zu bekommen. Es ist kalt, und es regnet. Die Sportler der Tauziehfreunde Pfahlbronn ziehen gegen die Doibacher Löwen. Sie müssen es schaffen, das 33,5 Meter lange Tau vier Meter in ihre Richtung zu ziehen. Ein Zeitlimit gibt es dabei nicht. Im strömenden Regen werden die Köpfe der Athleten knallrot. Das gegenseitige Kräftemessen hat nach etwa 90 Sekunden ein Ende: Die weiße Markierung überschreitet die Mittellinie am Boden. Die Pfahlbronner Tauzieher freuen sich über einen Sieg. Doch für große Jubelgesten reicht die Kraft nicht aus. Die Sportler sitzen erschöpft auf einer frostigen Wiese, die längst ein Matschfeld ist. In Lenglingen, nahe Göppingen im Vorland der mittleren Schwäbischen Alb, findet ein Tauzieh-Turnier statt, bei dem acht Mannschaften aus Baden-Württemberg und Bayern teilnehmen.

Hermann Weller, Vorstandsvorsitzender und Trainer der Pfahlbronner Tauziehfreunde, strahlt: "Das Faszinierende am Tauziehen ist, dass acht Athleten kontinuierlich fit sein müssen. Es ist ein wahrer Teamsport." Er war einst Bundesliga-Tauzieher und kennt sich mit der Taktik des Tauziehens aus: "Die wichtigsten Teammitglieder sind der Vordere, der die Höhe des Taus bestimmt, und der Hintere, der Ankermann, der meist der Schwerste ist und sein Gewicht auf den Boden bringen muss." Die richtige Kombination aus Kraft, Taktik und Kondition ist für den etwa zwei Meter großen Kraftprotz der Schlüssel zum Erfolg.

Während eines Tauziehturniers ist es erlaubt, einen Zieher auszuwechseln. Allerdings muss ein leichterer Sportler eingewechselt werden, um das maximale Gesamtgewicht von 640 Kilogramm bei den Herren nicht zu überschreiten.

Die Weltmeisterschaften im Tauziehen fanden im vergangenen September im schwedischen Malmö statt. "Bei den Männern gehören zu den besten Nationen im Tauziehsport die Niederlande, Schweiz, Irland und Spanien. Bei den Frauen ist Taiwan leistungsstark", sagt Hermann Weller, der Maschinenbau studiert hat und ein Geschäftsfeld eines mittelständischen schwäbischen Unternehmens leitet. In den drei verschiedenen Gewichtsklassen 640 Kilogramm, 700 Kilogramm und 580 Kilogramm der Männer erzielte die deutsche Delegation die Plätze 4, 5 und 7. Es traten zwischen 15 und 20 Nationalmannschaften bei den Männern an. Bei den Junioren und Frauen gingen deutlich weniger Nationen an den Start. Den "FC Bayern München der Tauzieher" können sich laut Weller die Sportfreunde Goldscheuer nennen. Der Kehler Verein gewinnt regelmäßig die deutsche Tauzieh-Bundesliga, die aus acht Vereinen besteht. Unter der Tauzieh-Bundesliga befinden sich die jeweiligen Landesligen. An einem Wettkampftag, den jeweils ein Verein austrägt, wird der Tagessieger ermittelt.

Die Ursprünge des Tauziehens sollen in einem Stammesritual liegen, das den Kampf zwischen Gut und Böse symbolisiert habe. Weller, dessen Dreitagebart ihn noch maskuliner wirken lässt, erklärt, dass "das Tauziehen in einigen Religionen sogar als juristische Instanz fungierte". Der siegenden Mannschaft wurde das Recht zugesprochen, sie hatte die böse Macht zurückgedrängt. Das Tauziehen könne in Westeuropa erst seit Ende des 19. Jahrhunderts als organisierter Sport bezeichnet werden. Von 1900 bis 1920 handelte es sich sogar um eine olympische Disziplin. "1906 holten die deutschen Tauzieher in Athen Gold."

Die Ausrüstung der Tauzieher besteht aus einem Bauchgürtel, der der Sicherheit dient, da er die Muskeln stabilisiert. Zudem werden scharfkantige Stahlschuhe getragen, die Halt geben sollen. "Wir, die Pfahlbronner Tauziehfreunde, verwenden wie andere Mannschaften auch Harz an den Händen, um den Griff zu erleichtern", erklärt Weller. "Bei internationalen Turnieren kommt es des Öfteren zu Zügen, die fünf Minuten dauern. Wenn man einen solchen Kraftakt einmal miterlebt hat, weiß man, dass das verrückt ist", sagt er. "Der längste Zug, der jemals stattgefunden hat, dauerte 55 Minuten. Die Belastung muss unglaublich gewesen sein."

Informationen zum Beitrag

Titel
Taktik des Tauziehens
Autor
Christoph Unfried
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2017, Nr. 37, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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