Tadelloser Pilatus-Stich

Fahnenschwingen hat in der Schweiz große Tradition. Was früher der Verständigung der Älpler diente, ist heute geliebter Sport. Gefragt ist weniger Kraft als eine gute Koordination.

Konzentriert wirft Peter Blöchlinger die Fahne mit dem aufgedruckten Schweizerkreuz in die Luft. Sie fliegt bis zum Dach hoch, dreht sich und landet wieder in der Hand des Fahnenschwingers, ohne dass er sich einen Schritt bewegen muss. "Das ist der Pilatus-Stich", erklärt der 47-Jährige neben seinem Haus, in dem er mit seiner Frau Yvonne und Tochter Alexa wohnt. Seit 28 Jahren ist Fahnenschwingen seine Leidenschaft. Es war ein reiner Zufall, dass er die außergewöhnliche Sportart kennenlernte. Ein Kollege nahm ihn mit zum Fahnenschwingen. In jüngeren Jahren war der Dachdecker und Landwirt mit einem Mutterkuhbetrieb ehrgeizig, die Wettkämpfe hatten erste Priorität. Heute sind der Austausch und die gemeinsame Zeit mit seinen Kollegen wichtiger. Mit ihnen trainiert er wöchentlich eineinhalb Stunden und genießt das anschließende gemütliche Beisammensein. Insgesamt besteht der Verein der Fahnenschwinger vom Linthgebiet aus 15 Mitgliedern, die jeden Donnerstag trainieren. Diese kommen aber nicht alle wie Peter Blöchlinger aus Goldingen, sondern auch aus näheren Gemeinden wie Flums oder Fehraltdorf. Peter Blöchlinger hat sich lange Zeit als Kassierer im Verein engagiert.

"Einen großen Vorteil am Fahnenschwingen sehe ich darin, dass, auch wenn man mal etwas später kommt, niemand in seinem Training gestört wird." Fahnenschwingen ist grundsätzlich ein Einzelsport. Es gibt aber auch Duetts, bei denen zwei Fahnenschwinger sich gegenseitig die Fahnen zuwerfen. Als Abschluss des Trainings schwingen die Männer alle zusammen mit Musik im Hintergrund ihre Fahnen. Denn an Aufführungen wird immer Musik gespielt, um für die Zuschauer eine unterhaltsamere Atmosphäre zu schaffen. Die Fahnenschwinger koordinieren ihre Würfe und Figuren aber nicht zur Musik.

Den wichtigsten Wettkampf stellt der Eidgenössische Wanderpreis in Thun dar. Für Feste oder Fernsehsendungen tritt die Gruppe auch gemeinsam auf. In einer solchen Gruppenaufstellung haben die begeisterten Fähnler zum Beispiel schon an einem Sechseläuten, dem traditionellen Fest der Züricher Zünfte im Frühjahr, teilgenommen.

Auch in anderen Ländern wie Deutschland, Österreich und Italien gibt es Fahnenschwinger. Diese haben aber andere Schwünge, andere Fahnen und Trachten, und das Fahnenschwingen besitzt keinen so hohen traditionellen Stellenwert wie in der Schweiz. "Früher, als es noch keine modernen Kommunikationsmittel gab, wurde bei uns das Fahnenschwingen wie auch das Alphornblasen als Verständigungsmethode der Älpler eingesetzt", erklärt Blöchlinger begeistert und wirbelt erneut seine Fahne durch die Luft. "Heute lebt es als eine der bekannten Schweizer Traditionen weiter, und für mich bedeutet es auch ein Stück Heimatverbundenheit."

Fahnenschwingen ist nicht die einzige Schweizer Traditionssportart, die Blöchlinger ans Herz gewachsen ist, auch Schellnen - das Läuten der Kuhglocken - hat ihn begeistert. "Durchschnittlich bekommen wir fünfzehn Anfragen pro Jahr für eine Aufführung. Dabei gibt es oft auch die Möglichkeit, ein fremdes Land zu besuchen. Einmal wurde ich angefragt, nach Dubai zu reisen für einen kurzen Auftritt vor einigen wichtigen Leuten. Dieses Angebot lehnte ich ab, da ich auch begeisterter Skifahrer bin und für jene Woche bereits den Skilehrerkurs geplant hatte", erzählt er schmunzelnd.

Beim Fahnenschwingen ist vor allem Technik und Konzentration gefragt. Der Stiel der Fahne ist 150 Zentimeter lang und aus Holz, das Tuch besteht aus einem 120 mal 120 Zentimeter großen Stück Seide. Da die Fahne nur ein Gesamtgewicht von 900 Gramm aufweist, ist die Muskelkraft, die dabei aufgebracht werden muss, eher gering. Trotzdem stellt die Sportart eine Herausforderung an Kondition und insbesondere an die Koordination dar. Der kleine Kreis - im Fachjargon Ring genannt - von 60 Zentimeter Durchmesser, der von einem Ring mit 150 Zentimeter Durchmesser umgeben ist, darf während des Wettkampfes nicht übertreten werden. Sonst werden entsprechend Punkte abgezogen. Die Motive auf den Fahnen können variieren und zeigen teilweise auch Gemeindewappen. An den Wettkämpfen sind jedoch nur die Schweizer Flagge oder Kantonswappen erlaubt.

Das Fahnenschwingen wird sowohl draußen als auch drinnen praktiziert. Überwiegend wird aber in einem Raum geschwungen, wofür dieser mindestens acht Meter hoch sein muss. "Im Saal ist es ganz still, wenn der Fahnenschwinger seine drei Minuten lang dauernde Übung ausführt. Steht man selbst im Ring, nimmt man keine Geräusche von außen mehr war, da man sich in vollster Konzentration befindet", erklärt der stämmige Blöchlinger. "Die Nervosität vor solchen Auftritten ist immer da, aber mittlerweile genieße ich diese Auftritte."

Bei solch wichtigen Anlässen ist auch genau auf die Kleidung zu achten. Schwarze Hose, weißes Hemd mit einem bestickten, blauen, langärmligen Trachtenkittel und eine schwarze Krawatte sind ein absolutes Muss, um überhaupt am Wettkampf teilnehmen zu dürfen.

Diese Kleidungsvorschriften wurden lange als Hinderungsgrund herangezogen, diesen Sport auch Frauen zugänglich zu machen. Folglich müssten Frauen entsprechende Trachtenröcke tragen, was aber unmöglich ist, da es nicht nur Hochschwünge und Unterschwünge, wobei die Fahne über oder unter Hüfthöhe geschwungen wird, sondern auch Beinschwünge gibt, bei denen die Fahne zwischen den Beinen hindurchgezogen wird. Mit Rock wären diese aber nicht durchführbar. Seit 2009 ist es jedoch auch Frauen erlaubt, an Wettkämpfen teilzunehmen, wobei sie dieselbe Tracht tragen, wie die Männer.

Bei einem Wettkampf kann der Fahnenschwinger aus 70 verschiedenen Schwüngen seine Aufführung zusammenstellen. Zwei Hochschwünge, ein Beinschwung und ein Unterschwung sind dabei Pflicht. Beim Fahnenschwingen sollte das Tuch immer offen sein, sodass das Motiv klar ersichtlich ist. Wird ein Schwung mit einer Hand vollführt, muss derselbe auch mit der anderen Hand gezeigt werden, und erst danach kommt die nächste Übung. Die Fahne wird bei einem Stich nur mit dem Zeigefinger in die Höhe gedrückt, während sie bei einem Wurf mit der ganzen Hand umfasst und nach oben geworfen wird.

Abzugskriterien sind neben dem Ausscheren der Füße etwa das Zusammenfallen des Tuches oder das Mahlen mit dem Kiefer. Peter Blöchlinger ist sichtlich in seinem Element und demonstriert nun in rascher Abfolge ein "Doppeldächli", den Rückenstecher und einen Glarnerstich, indem er die Fahne nach oben sticht und einen perfekten hohen Überschlag gekonnt wieder auffängt.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Tadelloser Pilatus-Stich
Autor
Dea Spiess
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2017, Nr. 37, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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