Spuren hinter der Spur

Profiler Axel Petermann über Mordermittlungen

Ich nehme meine Arbeitsunterlagen mit ins Bett, in den Schlaf und wache morgens damit auf", sagt Axel Petermann. Es gehörte jahrelang zum Alltag von Axel Petermann, einem der bekanntesten deutschen Profiler oder operativen Fallanalytiker, wie die deutsche Bezeichnung dafür lautet. Petermann war von 1975 bis 2014 für die Kriminalpolizei tätig und bearbeitete während seiner Laufbahn mehr als 1000 Fälle. Eigentlich hatte er keine Karriere bei der Polizei angestrebt, wählte diesen Weg nur, "um den Kriegsdienst" bei der Bundeswehr zu umgehen. Die fesselnden Erzählungen seines Kriminalistiklehrers weckten jedoch sein Interesse.

Als sich während seiner 18-monatigen Ausbildung bei der Bremer Polizei ein tragischer Mordfall an einer jungen Frau ereignete, stand sein Entschluss fest, zur Kriminalpolizei zu gehen. Dass er sich zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Mordkommissar als Profiler etablierte, begründet er damit, dass ihm die Arbeit als Ermittler bei der Mordkommission "nicht mehr reichte", denn er wollte mehr über die Motivation des Täters erfahren, um auf dessen Persönlichkeit schließen zu können. Als dann Anfang 2000 die Methoden des Profilings in Deutschland bekannt wurden, begann er mit dem Aufbau der Dienststelle für Operative Fallanalyse, deren Leiter er bis zu seiner Pensionierung war.

Worin besteht der Unterschied zwischen einem Ermittler bei der Mordkommission und einem Profiler? Petermann zufolge ist die Erklärung einfach: Mordermittler arbeiten "auf der Spur", sie benutzen Spuren am Tatort, beispielsweise Fingerabdrücke oder Blutspritzer, um daraus Ansatzpunkte für die Aufklärung des Verbrechens zu finden. Für Profiler hingegen sind vor allem die "Spuren hinter der Spur" interessant. Wer ist das Opfer überhaupt? Wie ist seine Persönlichkeit? Was hat es qualifiziert, zum Opfer zu werden? Warum ist gerade diese Person Opfer geworden, und hätte sie durch eine andere Person ersetzt werden können? Das bedeutet, dass der Täter seine Bedürfnisse, sein Motiv auf eine bestimmte Art und Weise am Tatort realisiert. Gerade dieses Verhalten und die Rekonstruktion des Tatgeschehens verraten viel über ihn. Dies sind nur einige der Fragen, die Petermann sich beim Besichtigen eines Tatorts stellte. Ihm ging es darum, die Tat zu verstehen und nachzustellen, indem er die Entscheidungen des Täters an den Spuren am Tatort ablas.

Bei den Ermittlungen gilt die Faustformel: Je besser der Tatort erhalten ist, desto besser kann man rekonstruieren und herausfinden, was dort passiert ist. Dabei spielt natürlich der Fundzeitpunkt, zum anderen äußere Einflüsse wie die Witterung eine Rolle. Aufschlussreich ist auch die Frage, ob es sich bei dem Verbrechen um eine Tat aus dem Affekt oder eine geplante Tat handelt. Denn wenn ein Täter bei einer geplanten Tat persönliche Emotionen, wie beispielsweise Hass oder Aggression, einfließen lässt, liefert dies wichtige Hinweise. Ein Beispiel dafür ist der erste große Fall Petermanns in der Mordkommission: Ein Mann hatte betrunken eine Frau mit zu sich nach Hause genommen und gab bei der Vernehmung an, dass er sie geschlagen und anschließend gewürgt hatte, da sie sich ihm verweigerte, wobei sie mit dem Kopf gegen einen Türrahmen stieß und ihren Verletzungen erlag. In seiner Furcht, dass man die Leiche der Frau bei ihm finden könnte, verstümmelte er sie und deponierte ihren Torso in einem Plastiksack auf einem Sportplatz.

Ein weiteres Schlüsselwort ist die "emotionale Wiedergutmachung" eines Täters, die sich auch als plötzlich einsetzende Reue und Erschrecken über die Tat zeigt. Auch dieses Verhalten kann ein Profiler am Tatort erkennen und mit in seine Überlegungen einbeziehen. Weil insbesondere Details wichtig sind, kann es manchmal Wochen oder sogar Monate dauern, bis ein Täterprofil erstellt ist. Das Hinterfragen der Fakten ist eine der Hauptaufgaben eines Profilers. Petermann bezeichnet sie als "Grübler und Denker" unter den Ermittlern. "All das, was in der Akte an Vermerken und Gutachten vermerkt ist, kann richtig sein, aber das muss es nicht."

Petermann ermittelte in mehreren Fällen, bei denen die Aufklärung des Verbrechens aufgrund des Vorliegens falscher Tatsachen verzögert wurde. Bei dem unnatürlichen Todesfall einer Studentin aus Trier waren die Ermittler etwa überzeugt, dass sie einen bestimmten Weg eingeschlagen habe, letztendlich stellte sich dieser Ansatz jedoch als falsch heraus, da das Opfer in die entgegengesetzte Richtung gegangen war. Folglich konnte die Leiche der Frau erst acht Jahre später gefunden werden. Petermann vertritt deshalb die Meinung, dass es "wichtig ist, das, was andere für wahr halten, auch von einer anderen Seite zu sehen, also sich zu fragen: Muss das denn so gewesen sein?" Der Kriminalist ist auch Autor, Berater und Dozent. Seit 2000 arbeitet er mit dem Bremer und Frankfurter "Tatort" zusammen, vier seiner Fälle wurden als Tatortvorlagen genutzt.

Der Sachbuchautor lehrt an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung als Dozent für Kriminalistik, um sein Wissen jungen Polizeischülern zu vermitteln.

Informationen zum Beitrag

Titel
Spuren hinter der Spur
Autor
Carina Brenner
Schule
Waldschule , Schwanewede
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2017, Nr. 43, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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