Zuweilen fliegen Töpfe

Betreibungsbeamte in der Schweiz müssen Geld eintreiben und notfalls Dinge pfänden. Im Amt erscheinen vom Maurer bis zum Anwalt alle möglichen Kunden, die ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Manchmal fliegen nicht nur Blumentöpfe.

Im Wartesaal ist es ruhig. Die Stille wird von einem schnarrenden Piepton unterbrochen, das Zeichen, dass der Nächste eintreten darf. Ein älterer Mann erhebt sich und richtet seinen Schal. In der Hand hält er Formulare, nervös nickt er den anderen Wartenden zu und tritt durch die Türe. Im Betreibungsamt Uster, einer Wohnstadt im schweizerischen Kanton Zürich, werden die Kunden an zwei Schaltern empfangen. "Bei Kunden kann es sich um Gläubiger oder Schuldner handeln", erklärt der Betreibungsamtsleiter Mario Borra, "also um Leute, die jemanden betreiben möchten oder betrieben werden." Der 57-Jährige arbeitet hier seit 1994. In Deutschland gibt es dafür Gerichtsvollzieher, die Aufgaben sind ähnlich wie die des Betreibers; die Vorgehensweisen unterscheiden sich: Während der Gläubiger in der Schweiz direkt mit dem Betreibungsamt Kontakt aufnimmt, wendet man sich in Deutschland ans Gericht und später an den Gerichtsvollzieher.

Das Betreibungsamt Uster ist zusätzlich für drei weitere Gemeinden zuständig, insgesamt knapp 50000 Einwohner. In diesem Betreibungskreis werden im Jahr bis zu 11500 Betreibungen vollzogen. "Das Betreibungsamt wird nicht von selbst aktiv, der Gläubiger muss sich an uns richten", erklärt Borra, "er muss ein korrekt ausgefülltes Formular abgeben. Bei fehlenden Angaben erfassen wir den Fall nicht, es gibt heutzutage viele Betrüger." Er erzählt von einem Fall, in dem ein Betrüger bewusst ältere Leute betrieb und so über fünfzigmal Summen im Wert von mehreren hundert Franken abkassierte. "Vor allem ältere Leute schämen sich, wenn sie mit dem Betreibungsamt in Kontakt kommen, deshalb bezahlen sie, obwohl sie wissen, dass sie niemandem Geld schulden."

Ein Betreibungsbeamter nimmt Schuldbetreibungen vor. Vielen ist nicht bekannt, dass man nach dem Schweizerischen Obligationenrecht bei Ablauf einer Zahlungsfrist nicht mahnen muss, sondern sofort eine Betreibung einleiten kann. "Unter einer Zahlungsfrist versteht man eine Zeitdauer, zum Beispiel: innert 30 Tagen. Im Unterschied zu festen Ablaufdaten, zum Beispiel bis zum 9. Mai, dort muss zuerst eine Mahnung geschickt werden", erklärt Borra. Wenn der Schuldner nach Ablaufen dieser Fristen nicht bezahlt hat und der Gläubiger aktiv wird, wird das Amt eingeschaltet. Es erfolgt ein Zahlungsbefehl an den Schuldner, separat wird eine Einladung ins Betreibungsbüro gesendet, die den Schuldner auffordert, das Büro innert zwei Tagen aufzusuchen. Erscheint der Schuldige nicht, schickt das Amt einen Beamten vorbei, was oft nicht gut ankommt. "Viele Leute rebellieren, man muss mit verbalen Angriffen rechnen. Wichtig ist, dass man nichts persönlich nimmt und sachlich bleibt. Viele Schuldner stehen unter enormem Druck, da sie eh schon wenig zum Leben haben", sagt Borra.

Zu körperlichen Übergriffen kommt es zum Glück seltener, doch in einigen Fällen ist ein fliegender Blumentopf schon harmlos. Borra wurde in zwanzig Jahren zweimal mit einer geladenen Waffe bedroht. "Ich musste für zwei Wochen im Ausland untertauchen, da der Schuldner drohte, mich umzubringen. Niemand wusste, wo ich mich versteckt hielt, nicht einmal meine Familie." Diese Vorfälle hat er bis heute nicht vergessen. "Schlimmer war jedoch, als meine Kinder bedroht wurden." Er betont aber, dass es sich um Einzelfälle handelte. Im Betreibungsamt erscheinen alle Arten von Kunden, quer durch die ganze Bevölkerungsschicht: vom Maurer, Pfarrer, Arzt über den Lehrer bis hin zum Anwalt. Dennoch gibt es Gebiete, in denen es häufiger zu Betreibungen kommt. Dies sind meistens Gebiete mit Wohnblocksiedlungen. Die Schuldner werden stets ins Büro gebeten, dort wird abgeklärt, ob die Schulden bezahlt werden können oder nicht. Die Pfändungsbeamten gehen anschließend mit in die Wohnung und suchen nach verpfändbaren Gegenständen wie Schmuck, Bildern, Fernsehern, Handys und Autos. "Von diesem Besuch erfahren die Schuldner erst im Büro, zu 50 Prozent behauptet der Schuldige, er habe keine Zeit oder die Wohnung sei unaufgeräumt, wir gehen aber trotzdem hin", schmunzelt Borra.

Neben verpfändbaren Gegenständen gibt es auch sogenannte Kompetenzstücke, die nicht beschlagnahmt werden dürfen. Hier handelt es sich um ein Bett, einen Tisch mit einem Stuhl für jeden Mitbewohner und ein Radio. "Tiere dürfen nicht mehr verpfändet werden, außer es handelt sich um Tiere, die Geld abwerfen, zum Beispiel Rennpferde." Kleinere Gegenstände werden sofort mitgenommen, größere Gegenstände wie Möbel oder Autos bleiben beim Schuldner. Kann dieser die Schulden zurückzahlen, bevor es zur Verwertung kommt, gehören sie wieder ihm. Kann er dies nicht, werden die Objekte weggeworfen oder bei Auktionen versteigert. "99 Prozent der Gegenstände werden entsorgt, weil sie in einem zu schlechten Zustand sind. Versteigerungen sind sehr aufwendig und kostspielig. Der Swarovski-Fall ist dafür ein gutes Beispiel." Borra grinst: "Eine Frau erbte 150 000 Franken, sie hob sofort alles ab und fuhr nach Zürich und kaufte im Swarovski-Geschäft für den gesamten Betrag Schmuck ein. Später mussten wir bei ihr die Verpfändung durchführen, jedes einzelne Stück aufzuschreiben bedeutete einen Zeitaufwand von mehreren Stunden. Auf einer Auktion wurde alles verkauft, allein unser Aufwand kostete 13 000 Franken."

Die häufigste Verpfändung ist die sogenannte Lohnpfändung. Für den Schuldner wird ein Existenzminimumsbetrag ausgerechnet, und alles Geld bis auf diesen Betrag wird eingezogen. "Der Arbeitgeber erfährt von dieser Lohnpfändung, deshalb haben viele Schuldner Angst, ihre Arbeit zu verlieren. Das ist aber unbegründet, denn eine Lohnpfändung ist kein Kündigungsgrund", betont der Vater von drei erwachsenen Kindern. Ist bei einem Schuldner aber wirklich nichts zu holen und ist er arbeitslos, wird ein Verlustschein ausgestellt. Dieser läuft nach 20 Jahren ab, die Schuld verfällt. "Hier ist Vorsicht geboten, einige lügen und haben eine Arbeitsstelle. Lügen kommen aber immer irgendwie ans Licht. In einem Fall fand mein Team bei einem angeblichen Arbeitslosen heraus, dass er als Barkeeper tätig war, dies dank einer Recherche auf Facebook."

Mario Borra stammt aus dem Kanton Graubünden, machte eine Lehre als Bäcker-Konditor, arbeitete bei der Polizei und landete dann im Betreibungsamt. In seiner Freizeit treibt er viel Sport, dies hilft ihm, Negatives zu verarbeiten. Schon in jungen Jahren war er ein begeisterter Handballtorwart, jetzt schwingt er sich lieber aufs Bike. 1994 wurde er von der stimmberechtigten Bevölkerung zum Betreibungsbeamten und Stadtammann gewählt. "Mein Job ist sozusagen zwei in einem, wobei der Beruf als Stadtammann ein deutlich kleineres Pensum beinhaltet." Zu den Aufgaben eines Stadtammanns gehören unter anderem das Beglaubigen von Unterschriften und Vollstreckungen richterliche Anordnungen.

Neben harmloseren Nachbarstreitfällen wie etwa dem Fall eines 92-Jährigen, der auf dem Balkon einer Mietwohnung eine Bienenzucht hatte, gehören Kindeszuführungen zu den schwierigeren Fällen. "In einem Fall wurde einer drogensüchtigen Mutter das Kind entzogen. Ich musste die Frau in mein Büro locken, wo es uns mit Hilfe von Psychologen, Polizisten und Ärzten nach vier Stunden gelang, die Frau zu überreden, das halbjährige Bübchen loszulassen, das sie umklammert hielt. Die Mutter brach zusammen und musste medizinisch betreut werden, das Kind wurde dem Vater übergeben", sagt Borra und streicht sich durchs angegraute Haar. "Oft wissen viele Leute nicht, wie ernst ihre Lage ist." Borra hält auch Vorträge in Schulen, das Kommunikative gefällt ihm. "Am schönsten ist es, wenn sich der Schuldner bei mir bedankt, weil wir ihn wie einen Menschen behandelt haben und nicht wie eine Sache."

Informationen zum Beitrag

Titel
Zuweilen fliegen Töpfe
Autor
Valentina Fritz
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2017, Nr. 43, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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