Mal schräg, mal mystisch

Regen prasselt auf das Dach des Retrowohnwagens. Auf der mit Schaffellen bedeckten Sitzbank drängen sich fünf in Decken gehüllte Zuschauer. Nur einen Schritt entfernt füllt Geschichtenerzähler Albert Künzli die Bühne. Er verstellt seine Stimme, zieht Grimassen und zitiert die Geschichte Wilhelm Tells in Reimen. Im Wohnwagentheater "Rosis Wirbelwind" begegnet das Publikum den Schauspielern auf Augenhöhe. Im vergangenen Winter fand die erste Tournee des Kleintheaters statt. Wittenbach, Wil, Arbon, Zürich, St. Gallen und Altstätten wurden mit vier rollenden Theatersälen, winzigen Retrowohnwagen aus der DDR-Zeit, aufgesucht. Gerold Huber, Gründer und Administrator von "Rosis Wirbelwind", brachte die aufgrund ihrer Form Dübener Eier genannten Fahrzeuge in die Schweiz, wo er sie restaurierte. "Die kleinen Gefährte sind so leicht gebaut, dass sie an einen Trabi gehängt werden konnten. Meine Wohnwagen allerdings werden von Elektro-Smarts gezogen. Umweltschutz ist ein wichtiges Thema für mich", beteuert der sympathische 59-Jährige mit den fast schulterlangen Haaren.

Im Garten seines Elternhauses in Wittenbach, einem Dorf im Kanton St. Gallen, umrunden Hühner und Enten einen großen Zirkuswagen. Daneben stehen die kleinen Wagen. Sofern sie nicht auf Tournee sind, stehen sie Hubers zweitem Projekt "Rosita - The Rolling Vintage Hotel" zur Verfügung. Für Reisen oder ein zweisames Wochenende vermietet er die Wagen.

"Rosis Wirbelwind" besteht aus 20 Schauspielern, Kabarettistinnen, Komödianten, Stimmkünstlern, Geschichtenerzählern und Zauberern, die während der Tournee Balladen vortragen, Fingerpuppen tanzen lassen oder in Clownskostüme schlüpfen. Mit ihren Programmen entführen die Künstler in zauberhafte Fantasiewelten und bieten ein Erlebnis für alle Sinne. "Wir wollen nicht nur ein Theater zum Zusehen, sondern zum Hören, Schmecken, Riechen und Anfassen machen", sagt Huber. Bei jeder der insgesamt 26 Abendvorstellungen treten vier Künstler in einer je zwanzigminütigen Einzelvorstellung auf, die Konstellation steht in ständigem Wechsel. "Unser Theater ist eine kunterbunte Mischung, jede Vorstellung ist einzigartig - mal lustig und schräg, mal sinnlich oder mystisch und hautnah. Rosis Wirbelwind ist eine Wundertüte, die voller Überraschungen steckt", sagt Huber. Grinsend schüttelt er die Hände der Zuschauer, gibt einem Schauspieler letzte Anweisungen und pustet in die verlöschenden Flammen des Lagerfeuers, das den Mittelpunkt des Wagenparks in Wittenbach darstellt. "Mit ,Rosis Wirbelwind' habe ich mir einen Traum erfüllen können", beteuert der Lebenskünstler, der in einer Stadtwohnung in St. Gallen wohnt. "Richtig davon zu leben ist allerdings unmöglich."

Eine Glocke bimmelt. Die erste Vorstellungsrunde beginnt. Kabarettistin Katrin Schatz öffnet die Tür eines lindgrünen Wohnwagens. Mit ihrem Programm "Bei Gümmelswinders - Leben und Träume" greift die 54-Jährige Themen aus dem Alltag auf und regt zum Nachdenken an. Sie schlüpft in die Rolle des aufmüpfigen Teenagers Nati, beschimpft das Publikum, stürmt zeternd aus dem Wagen und kehrt als überforderte Mutter mit altmodischer Blumenmusterbluse zurück. "Grüezi, ich bin Trixli vom Zwergliweg. Sie sind von der Schulbehörde, nicht wahr?" Schatz wendet sich den Zuhörern zu, wartet Antworten ab, spielt mit den Zuschauern. "Das Publikum ins Programm miteinzubeziehen stellt eine große Herausforderung dar", erklärt die Gesangslehrerin.

Nach der von Akkordeonklängen begleiteten Pause im beheizten Buffetzelt öffnet der nächste Wohnwagen seine Tür, es heißt: "Bühne frei für den Stimmkünstler und Sänger Alessandro Zuffellato". Der 43-Jährige lässt gleich verlauten: "Hemmungen sind bei mir nicht erwünscht. Lasst euren Gefühlen und Ideen freien Lauf und genießt." Als er zu einem Rap ansetzt, stimmt der Erste ein. Spätestens bei der Performance bekannter Volkslieder wird das Publikum mitgerissen. Ein schiefer Ton stört in diesem magischen Moment niemanden. Huber strahlt. "Genau das sind meine Absichten hinter ,Rosis Wirbelwind': spritzig-nostalgisches Theater auf familiärer Ebene, etwas, was im Gegensatz steht zum jetzigen digitalen Zeitalter." Der Primar- und Werklehrer hat mit seinen Schülern Theaterworkshops gemacht, arbeitete als Redaktor beim St. Galler Tagblatt, entwickelte Kunstausstellungen und begleitete als Zirkuslehrer den Circus Knie. Zurzeit lebt er von den Reserven. Künstler und Zuschauer lassen den Abend gemeinsam bei Glühwein ausklingen. Gerold Huber lächelt selig.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mal schräg, mal mystisch
Autor
Nadine Beetz
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2017, Nr. 49, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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