Einmal im Leben Prinzessin bei den Kiesbollen

Für eine Session ist Anna Korn Prinzessin Anna I. und lächelt sich von Auftritt zu Auftritt. Sie ist das Aushängeschild ihres Vereins, mit dem tüchtig angegeben werden kann. Ihre Hoheit über Schlafmangel, Küssen, Kinder und Kontakte.

Im türkisen Ballkleid mit Reifrock, Glitzer und Stickereien, der Krone auf dem Kopf, dem Zepter in der Hand und einem Strahlen im Gesicht steht sie da. Eben war sie noch eine normale 19-Jährige in der Ausbildung zur Erzieherin, nun ist sie offiziell Prinzessin der Hessemer Kiesbollen, eines Karnevalsvereins im pfälzischen Heßheim, im Westen von Frankenthal gelegen. Damit geht ein Traum für Anna Korn in Erfüllung. Als Prinzessin Anna I. darf sie nun vom 5. November bis zum Aschermittwoch, dem Fastnachtsende Anfang März, regieren. Ihr Motto lautet "Von Liebreiz geprägt, deren Strahlen die Herzen bewegt".

Durch ihre Absätze fällt nicht auf, dass sie nur etwa 1,65 Meter groß ist. Ihr trägerloses Prinzessinnenkleid mit Herzausschnitt lässt sie größer wirken. Das Kleid ist teils mit Spitze versehen, der Rock besteht aus mehreren Stofflagen und fällt in Falten über den Reifrock. Die silberne Kette passt zum Glitzer. Die braunen Haare, die zu den Spitzen hin blond sind, sind zu einer aufwendigen Hochfrisur gesteckt. Natürlich sind Krone und Zepter ebenfalls mit Glitzersteinen verziert.

Schon als kleines Mädchen hatte Anna den Wunsch, einmal Prinzessin zu werden. Als es dann bei ihrem Verein, den Hessemer Kiesbollen, zum ersten Mal in der Kampagne 2012/2013 eine Prinzessin gab, kam der Wunsch wieder auf. Nun ist er in Erfüllung gegangen. Dass Anna die Prinzessin für die Saison 2016/17 werden würde, stand etwa zwei Jahre im Voraus fest. Es wurde viel gemunkelt und spekuliert, am Fastnachtsdienstag der vergangenen Kampagne stand es dann offiziell fest. "Für mich ist es eine große Ehre, das Amt der Prinzessin übernehmen zu dürfen, vor allem, weil es bei uns im Verein so viele potentielle Kandidatinnen gibt", sagt Anna. Wer Prinzessin werden möchte, sollte seinem Verein Treue und gute Dienste geleistet haben. Zumindest wird dies bei der finalen Entscheidung berücksichtigt, ansonsten kann sich bewerben, wer gerne im Rampenlicht stehen möchte und das passende Alter hat.

Bei den Hessemer Kiesbollen liegt das Mindestalter bei 18 Jahren, die Auswahlkriterien können sich aber von Verein zu Verein unterscheiden. In einer Elferratssitzung mit Vorstand, Beigeordneten und Vereinsmitgliedern wird beraten und meist einstimmig die Prinzessin gewählt. Verdient hat Anna es auf jeden Fall, denn seit 14 Jahren, als es die erste Tanzgarde bei den Hessemer Kiesbollen gab, tanzt sie im Verein. Auch heute ist sie mit Freuden dabei, trainiert mittlerweile selbst mit einer Freundin eine der Garden und ist Beisitzerin im Förderverein. Für ihre Kampagne gingen die Vorbereitungen schon im Juli los.

Da ging Anna auf Kleidersuche. Fündig wurde sie in einer türkischen Boutique. Neben dem türkisfarbenen Kleid fand sie ein zweites, silbernes Kleid. Wie üblich ist mindestens eines der Kleider in der Farbe des Vereins, im Falle der Kiesbollen in Türkis. Außerdem kaufte sie dort Krone und Zepter. Dann folgten Friseurtermine, um eine passende Frisur zu finden, Accessoires wurden herausgesucht und Termine für Fotos festgelegt. Die Bilder, die von einem professionellen Fotografen gemacht wurden, finden sich nun überall wieder, auf den Prinzessinnenorden, den Autogrammkarten und den Eintrittskarten für die Veranstaltungen. Nachdem bis August all diese Dinge geklärt und vorbereitet wurden, folgte bis Ende Oktober erst mal eine Pause. Kurz vor der Inthronisation mussten dann noch Kleinigkeiten wie zum Beispiel Make-up besorgt werden.

"In der Woche vor meiner Inthronisation war ich total gestresst und aufgeregt, doch samstags, als es dann so weit war, war ich komplett tiefenentspannt", sagt Anna. Schon um 12 Uhr ging es zum Friseur für Haare und Make-up und um 16.30 Uhr zum Ort der Veranstaltung, dem Bürgerhaus in Heßheim, wo sie dann zusammen mit der letzten Prinzessin und ihrer Familie darauf wartete, dass es losging. Die Nervosität stieg, als ihre Familie sich zu ihren Plätzen im Saal begab und die Vereinspräsidenten noch einmal mit einigen Anweisungen zu ihr kamen. "In diesem Moment fühlte ich mich total überfordert und war ziemlich aufgeregt. Doch als es dann endlich losging, war es einfach nur noch wunderschön für mich, ich habe die ganze Zeit gelächelt, so toll war es."

Ihre Aufgabe besteht darin, den Verein zu repräsentieren und zu vertreten. Befreundete Vereine werden besucht, es wird getanzt und Fastnacht gefeiert. Diese Besuche, bei denen häufig viele Mitglieder des Vereins zur Unterstützung der Prinzessin mitgehen, nennt man Abordnungen. Es gibt verschiedene Interpretationen des Daseins als Prinzessin, in manchen Vereinen geht es eher traditionell zu mit mittelalterlichen Kostümen, in anderen wird das Ganze eher modern gehalten mit schicken Ballkleidern und viel Glitzer. In manchen Vereinen gibt es auch Prinzenpaare, also Prinz und Prinzessin, in anderen sogar Dreigestirne, bestehend aus Prinz, Jungfrau und Bauer. Anna I. bezeichnet sich selbst als moderne Prinzessin: "Ich denke, es wäre eh nicht so meins, in einem alten Kleid mit weißgepuderten Wangen aufzutreten." Von Verein zu Verein unterscheidet sich auch, ob es jährlich eine Prinzessin gibt oder wie bei den Kiesbollen nur alle vier bis fünf Jahre.

Eine Prinzessin ist kein Muss für einen Verein. In der Vergangenheit, als Fastnacht noch reine Männersache war, gab es meist einen Prinzen, an dessen Seite von Zeit zu Zeit auch eine Prinzessin war, doch auch diese Rolle übernahmen Männer. Erst später wurde es Brauch, dass die Prinzessin weiblich ist. Als Prinzessin ist man eine Person des öffentlichen Lebens, vor allem auch ein Aushängeschild des Vereins, mit dem angegeben werden kann.

Wenn es am Wochenende auf die Veranstaltungen der befreundeten Vereine geht, bedarf es wieder einiger Vorbereitungen. Nach dem Friseur kommen meistens Vereinsmitglieder, um beim Anziehen zu helfen und das Programm des Abends zu besprechen. Je nach Tag kann es schon mal sein, dass Anna auf zwei bis drei Veranstaltungen an einem Abend muss. Bis jetzt war Annas Highlight der Ball der Prinzessinnen in Bad Dürkheim. Dort trafen sich fast 100 Prinzessinnen aus der Region. "Mir wurde erzählt, dass es mir dort vielleicht nicht gefallen wird, weil man nur eine unter vielen Prinzessinnen ist und nicht unbedingt so auffällt. Aber ich fand es wunderschön. Ich schaue mir heute noch gerne das Gruppenbild von allen Prinzessinnen gemeinsam an, es war toll", sagt Anna. An den nächsten Wochenenden folgen jetzt erst mal ihre eigenen Veranstaltungen, wie Rathaussturm und die drei Prunksitzungen der Hessemer Kiesbollen. Besonders freue sie sich darauf, endlich wieder tanzen zu dürfen. "Ich fand es so schade, bei den ersten Auftritten meiner Garde nicht dabei sein zu können, weil ich beim Friseur oder nur im Publikum saß." Aber es ist auch ein großer Aufwand für sie, denn immer muss das Kleid ausgezogen und das Tanzkostüm angelegt werden, Haare und Make-up müssen neu gemacht werden, doch das nimmt Anna gerne in Kauf, um tanzen zu können.

Für die Erzieherin im Anerkennungsjahr ist es besonders wichtig, für die Kinder da zu sein. "Ich möchte während meiner Zeit als Prinzessin gerne einmal den Heßheimer Kindergarten besuchen und den Kindern dort eine Freude bereiten." Die Fastnacht und den Beruf unter einen Hut zu bringen ist manchmal schwierig. Da Anna momentan in einer Schule arbeitet, kann sie sich auch nicht einfach freinehmen. Das führt dazu, dass die Heßheimerin manchmal unter Schlafmangel leidet. Doch das sei nicht so schlimm, denn dieses Opfer ist sie gerne bereit zu bringen. Ihre Kollegin war auch einmal Prinzessin und weiß, wie das ist. "Wir unterhalten uns oft über das Leben als Prinzessin, und auch die Kinder, die wir betreuen, sind involviert. Jeden Freitag vor dem Wochenende fragen sie mich, was ansteht, und montags danach wollen sie meine Berichte hören, davon erzähle ich natürlich gerne."

Eine negative Seite des Prinzessinnendaseins gibt es für Anna Korn nicht. Wenn einmal ein Versprecher passiert, wird das schnell verziehen, und auch ihre Angst vor einem Sturz ist mittlerweile verflogen. Beim Tanzen auf einer Abordnung ist sie einmal versehentlich auf den Reifrock ihres Kleides getreten und ausgerutscht, doch die Situation endete ohne Schaden und in Gelächter.

"Mein lustigstes Erlebnis war, als sich Elferräte eines befreundeten Vereins darum stritten, wer mich zuerst küssen dürfe, und die Situation darin endete, dass ich die Blumendeko des Vereins geschenkt bekam." Eines der schönsten Dinge überhaupt sei, Menschen kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Viele Menschen, die sie vorher nur grob als Fastnachter eines Vereins kannte, lerne sie nun näher kennen. Auch wenn so eine Kampagne viel Stress und Schlafmangel bedeutet, gefällt Anna das Leben als Prinzessin.

Informationen zum Beitrag

Titel
Einmal im Leben Prinzessin bei den Kiesbollen
Autor
Jasmin Behr
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2017, Nr. 49, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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