Percussion-Solo, schräge Töne und grenzenlose Freude

Strahlende Gesichter, bunte mexikanische Ponchos und Sombreros, dazu laute und schräge Musik und der Lärm vieler Trommeln. Die Guggenmusikgruppe "Los Krawallos" besteht aus Menschen mit und ohne Behinderung. Herman Schopf, der Dirigent, ist mit Freude und Enthusiasmus dabei. Er dirigiert die "Los Krawallos" nach einem Führungswechsel mittlerweile schon drei Jahre. "Ich wollte nicht, dass diese tolle Gruppe auseinanderfällt", sagt der 67-Jährige. Die Guggenmusikgruppe besteht seit acht Jahren, und ohne Schopf gäbe es sie nicht mehr. Die "Los Krawallos" sind ein Projekt der Stiftung Haus Lindenhof aus Schwäbisch Gmünd, einer mittelgroßen Stadt, 50 Kilometer östlich von Stuttgart. Schopf macht schon seit 27 Jahren Guggenmusik.

Guggenmusik ist eine spezielle Art von Blasmusik, auch Schrägtonmusik genannt, die zur Faschingszeit in vielen Regionen zu hören ist. Dabei werden Popsongs und Volkslieder mit Blas- und vielen verschiedenen Schlaginstrumenten, wie zum Beispiel Trommeln oder Rasseln, nachgespielt. In diesem Jahr haben die "Los Krawallos" drei Auftritte. Sie treten beim Fasching für Menschen mit Behinderung in Waldstetten, beim 33. Internationalen Guggenmusiktreffen in Schwäbisch Gmünd und beim Rosenmontagsball der Stiftung Haus Lindenhof auf. Vor den Auftritten wird jeder Guggenmusiker mit einem Poncho und einem Sombrero verkleidet, während er sich spielfertig macht. Dabei ist bei manchen ein bisschen Lampenfieber zu erkennen. Dann erfolgt das Kommando des Dirigenten, dass es losgeht, und sogleich marschieren die "Los Krawallos" mit lauter Musik auf die Bühne. Danach werden die einstudierten Songs und sogar ein Percussion-Solo in ohrenbetäubender Lautstärke gespielt. Dem langen Applaus des Publikums folgt das Einmarschstück, das auch zum Auszug gespielt wird. Nach dem Auftritt herrscht bei vielen Erleichterung, und es wird noch bei einem Getränk gemütlich geredet.

"Einen Faschingsumzug machen wir nicht mehr mit, weil wir dafür zu wenig Bläser haben", bedauert der blonde, fröhliche Dirigent. Zurzeit werden Songs wie zum Beispiel When the saints, Sag' mir quando, sag' mir wann, Rivers of Babylon, Eviva España und Elefant gespielt. Da die Menschen mit Behinderung nur Rhythmusinstrumente spielen können, werden viele Bläser benötigt. Ohne deren Unterstützung wär dies alles gar nicht möglich. "Es macht mir Spaß, und es ist eine gute Sache", sagt Valentin Schäfer, der die "Los Krawallos" seit zwei Jahren unterstützt. Der 18-jährige Trompeter wurde von seiner Cousine angesprochen, die ebenfalls mitspielt. "Ich bin dabei und unterstütze die Gruppe, weil es für mich immer wieder ein besonders schönes Erlebnis ist, die Menschen mit Behinderung so glücklich beim Musizieren zu sehen", sagt ein anderer Musiker.

Außerhalb der Saison werden die "Los Krawallos" zusätzlich noch von einer anderen Guggenmusikgruppe unterstützt, doch in der Faschingszeit hat diese aufgrund eigener Auftritte oft keine Zeit. Deshalb sei es wichtig, dass Leute wie Schäfer mitspielen. "Wenn zu wenig Bläser da sind, fehlt der Rückhalt", erklärt der leidenschaftliche Guggenmusiker Schopf, der die Gruppe schon vor seiner Zeit als Dirigent mit Instrumenten und Noten unterstützt hat. Sein schönstes Erlebnis hatte er bei den Auftritten in der vergangenen Faschingssaison, denn seitdem wurden gesonderte Rhythmusproben mit den Menschen mit Behinderung gemacht. "Sonst konnten diese nur im einfachen Viervierteltakt schlagen, was oft einfach nur zu Krach wurde", erklärt Schopf. Doch in den Proben wurden verschiedene Rhythmusfiguren einstudiert, und das Ergebnis ist deutlich erkennbar. "Mich hat es gefreut, dass sich so viel nach den Proben getan hat und dass sie nicht umsonst waren", sagt der Rentner, der Ingenieur für Vermessungstechnik war. Eine große Schwierigkeit für ihn besteht darin, dass er die leicht ablenkbaren Menschen mit Behinderung dazu bringen muss, zu ihm zu schauen, um seine Anweisungen zu befolgen.

Die Mitglieder der "Los Krawallos" kommen alle aus Einrichtungen für behinderte Menschen aus den umliegenden Orten von Schwäbisch Gmünd. Für die aufgeschlossenen und kontaktfreudigen Musiker ist die Guggenmusikgruppe wichtig, weil sie es im Leben oft schwerhaben. Während die einen dabei sind, weil sie darauf stolz sind, mit dieser großen Gruppe auftreten zu können, spielen andere wiederum mit, um so toll verkleidet Musik oder auch nur "Krach" zu machen. Auf jeden Fall sind sie mit Freude dabei, was ihre strahlenden Gesichter zeigen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Percussion-Solo, schräge Töne und grenzenlose Freude
Autor
Sebastian Rieg
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2017, Nr. 49, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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