Wo Flüchtlinge nur gute Noten bekommen

Komponist Nicolas Ruegenberg holt Flüchtlinge auf die Bühne und musiziert gegen Vorurteile an

Ich habe die zahlreichen Meldungen über Angriffe auf Flüchtlingsheime und auch das zum Teil negativ erscheinende Bild von Flüchtlingen verfolgt. Das hat mich sehr beschäftigt, und ich habe überlegt, was ich tun kann, um die Situation zu verbessern", sagt Nicolas Ruegenberg. So hat der junge, hochgewachsene Komponist das gemacht, was er am besten kann: komponieren. Entstanden ist die Benefizouvertüre "Unisono", die am 20. März vergangenen Jahres von den Berliner Symphonikern uraufgeführt wurde. Unisono steht in der Musik dafür, dass mehrere Stimmen gemeinsam die gleiche Melodie spielen. Das Besondere: Ruegenberg holt für die Aufführungen Flüchtlinge auf die Bühne, damit sie mit ihren Instrumenten Seite an Seite mit Symphonieorchestern musizieren. Alle Einnahmen der Gema werden an die UN-Flüchtlingshilfe gespendet.

Ruegenberg glaubt, dass ablehnende Haltungen gegenüber Flüchtlingen häufig auf Ängste zurückgehen. Er möchte die reichhaltige Kultur zeigen, die Flüchtlinge nach Deutschland bringen. "Immerhin wurde unser Zahlensystem von Arabern nach Europa gebracht, nur ein Beispiel, wie beide Seiten voneinander lernen können." Zeit, um auf dem Sofa zu sitzen, hat der 27-Jährige, der in Seligenstadt lebt, nicht. Eine 70-Stunden-Woche ist für den gebürtigen Frankfurter Normalität. "Trotzdem habe ich immer Spaß an der Musik", erklärt er schmunzelnd. Wenn er sich mal nicht der Musik widmet, dann schaut er Filme und liest. Das immense Arbeitspensum ist Ruegenberg von seinem Studium am "Berklee College of Music" in Boston gewöhnt, wo er Filmmusik und klassische Komposition studierte. "Diese Zeit hat meine Lebenseinstellung maßgeblich geprägt. Ich hatte das Glück, von inspirierenden Professoren lernen zu dürfen." Trotzdem zog es ihn nach Frankfurt zurück, um sich mehr der klassischen Komposition zu widmen. Grund dafür war unter anderem ein Interview mit dem Komponisten der "Game of Thrones"-Filmmusik, Ramin Djawadi, der von den Arbeitsbedingungen der Filmmusikbranche berichtete. "Filmmusik an sich ist für mich nach wie vor ein absolut spannendes Thema", sagt Ruegenberg. "Aber mir war es schlussendlich wichtig, dass meine Musik Selbstzweck ist und ich autonom entscheiden kann, wie ich sie gestalten möchte. Außerdem stehen Filmkomponisten unter enormem Zeitdruck, und ich möchte mir für manche Werke einfach mehr Zeit lassen."

Durch Arrangements und Kompositionen für die Neue Philharmonie Frankfurt, die Berliner Symphoniker, das Musikkorps der Bundeswehr und andere Orchester gehört Reisen zu seinem Alltag. "Nächste Woche bin ich erst in Berlin, dann in Bayreuth und danach in Mainz." Ideen für Kompositionen, die ihm unterwegs einfallen, trägt er in sein Notizbuch ein. "Ich habe eigentlich immer Notenblätter dabei. Aber dummerweise fallen mir die besten Ideen im Auto ein. Dann singe ich die Melodie meist einfach in mein Smartphone - man muss ja auch als Komponist mit der Zeit gehen."

Bei "Unisono" verbinden sich westliche und orientalische Musik in einem musikalischen Dialog zu etwas völlig Neuem. Ruegenberg reiste nach Berlin, um mit geflüchteten Menschen eine orientalische Version seines Hauptthemas zu erarbeiten. Dafür mussten zunächst musikalisch ausgebildete Flüchtlinge gefunden werden. Am Ende waren es drei syrische Männer mit ihren Instrumenten: der Oud, einer Art Laute, mit der Bambusflöte Nay und mit der tamburinartigen Riq. Beeindruckt war Ruegenberg vom Lernwillen der Flüchtlinge. Einer habe bereits sehr gutes Deutsch gesprochen, da er deutsche Freunde gefunden hatte. Ein anderer habe sich so stark verbessert, dass er nach drei Monaten auf einer Pressekonferenz vor der Uraufführung auf Deutsch antwortete. "Die Syrer waren dankbar für die Möglichkeit, etwas von ihrer Kultur zeigen und auch etwas zurückgeben zu können." Ruegenberg steht freundschaftlich in Kontakt mit den Musikern. Mohamad, einer der drei, tourt durch ganz Deutschland und hat einen vollen Terminkalender. Der Zweite im Bunde, Hassan, hilft jetzt selbst als Flüchtlingshelfer. Interessant ist, dass an syrischen Musikhochschulen auch die europäische Musiktradition gelehrt wird. Verständnisschwierigkeiten gab es deshalb kaum.

Die Eröffnungsrede für seine Ouvertüre in der Berliner Philharmonie vor ausverkauftem Haus halten zu dürfen gehörte für Ruegenberg zu einem der schönsten Augenblicke auf der Bühne. Seine ersten Auftritte hatte er im heimischen Wohnzimmer. "Meine Patentante hatte mir eine Trommel geschenkt, auf der ich, zur nicht unbedingt großen Begeisterung meiner Eltern, erste musikalische Experimente betrieben habe." Mit sechs Jahren nahm er Klavierunterricht, fing bald an zu improvisieren und zu komponieren. Die Benefizouvertüre bietet er in unterschiedlichen Besetzungen und Schwierigkeitsgraden an. Vom Laien- oder Schulorchester bis zum großen Symphonieorchester sollen alle "Unisono" spielen können, idealerweise mit Flüchtlingen zusammen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo Flüchtlinge nur gute Noten bekommen
Autor
Sophia Swelim
Schule
Franziskanergymnasium Kreuzburg , Großkrotzenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2017, Nr. 55, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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