Gefängnis, Schläge und brutale Schlepper

"Helfen Sie mir, ich kann kein Deutsch." Das stand auf dem Zettel, mit dem Sami in Frankfurt vor dem Jugendamt landete. Mit 15 Jahren ist er vor dem Krieg in seiner Heimat Afghanistan nach Europa geflohen.

Sami Mahnir (Name geändert) fühlt sich in Deutschland zu Hause. Er ist 27 Jahre alt und arbeitet bei einer Großhandelskette in Wiesbaden. Diese Sicherheit umgab ihn nicht immer. Mit 15 Jahren floh Sami vor dem Bürgerkrieg aus Dschalalabad in Afghanistan und musste seine Familie zurücklassen. Seine Eltern hätten knapp 5000 Euro bezahlt, um ihm ein Leben ohne Krieg zu ermöglichen. Die Flucht wurde Monate vorher geplant und das Geld gespart. Sein erstes Ziel war St. Petersburg in Russland. Dort lebte ein Onkel. Sami hatte nur eine Chance, seinen Flug anzutreten. Punkt 15 Uhr musste er am Flughafen sein, keine Minute früher oder später. Nach einem Mann mit Bart und Brille sollte er Ausschau halten. Zu keinem anderen Beamten durfte er gehen, nur dieser war informiert und konnte Samis Passbild im Computersystem ändern und ihm seinen Flug ermöglichen. Zu seinem Glück fand er den beschriebenen Mann, und alles verlief reibungslos.

In St. Petersburg lebte Sami zwei Jahre lang bei seinem Onkel und arbeitete schwarz in dessen Schuhgeschäft. Sami gefiel Russland zwar, aber sein Ziel war Europa. Seine Weiterreise wurde geplant. Nachts in einem Wald versuchte eine Gruppe von zehn Jungs zwischen vierzehn und achtzehn Jahren per Anhalter in die Ukraine zu gelangen. Doch sie wurden von der russischen Polizei in ein Gefängnis verfrachtet. Dort verbrachte Sami "die schlimmsten zwei Nächte seines Lebens". Ihnen wurde alles weggenommen. In Unterhosen saßen sie zu zehnt in einem winzigen Raum, wurden verprügelt, angeschrien. Das Schlimmste sei gewesen, dass sie nie wussten, wie lange sie noch dort bleiben mussten und wie spät es überhaupt war. Permanent wurde ihnen eingetrichtert, dass sie, wenn sie noch einmal versuchen würden zu fliehen, Monate im Gefängnis verbringen würden. Wieder entlassen, plante er die Reise nun besser. Vom Bahnhof in St. Petersburg fuhr ein direkter Zug in die Ukraine. Bei der Kontrolle war erneut ein gefälschter Ausweis gefragt. Das Prinzip war dasselbe wie im Flughafen. Ein dünner Mann war eingeweiht und sollte die vier Jungs für Geld, das er im Voraus erhalten hatte, in den Zug lassen.

Diesmal hatten sie Glück. Sie fanden den Mann und gelangten mit dem Nachtzug nach Kiew. Sie wohnten in einer Einzimmerwohnung eines "Vermittlers", mussten wochenlang ausharren, bekamen nur Brot und Butter und durften keinesfalls auffallen. Nach drei Monaten ging es endlich weiter. Zwei Polen holten die Jungs in einem dunklen Auto ab. Sami musste in den Fußraum des Beifahrers, zwei Jungs hockten im Kofferraum, zwei im hinteren Fußraum. So fuhren sie stundenlang. Die Polen sparten nicht mit Schlägen. Sobald Sami seinen Kopf nach oben streckte, erhielt er einen Schlag. Die Jungs im Kofferraum bettelten um eine Pause. Einer nässte sich ein. Wieder wurden Schläge verteilt. Am Warschauer Bahnhof hieß es, ein weißer Transporter würde sie abholen. Stunden vergingen, es kam kein Transporter. Keiner hatte mehr Geld, die Polen hatten es ihnen weggenommen. Sie mussten betteln, um nicht zu verhungern. Zum Glück gab es in der Nähe ein afghanisches Restaurant, der Besitzer stellte ihnen Essen hin.

Nach drei Tagen riefen die Jungs ihre Eltern an. Einer hatte einen Bekannten in Warschau, bei dem sie erst mal unterkommen konnten. Samis Eltern mussten erneut 1000 Euro bezahlen, damit er überhaupt weiterkommen konnte. Von dem Geld sah er nichts, es wurde an die Schlepper weitergegeben, damit sie ihn nach Deutschland brachten. Nach einigen Tagen kamen drei Autos, um sie abzuholen. Sie fuhren in einen Wald. Und was dort auf sie wartete, war schlimmer als jedes Ereignis zuvor: Wie Tiere wurden rund 200 Insassen, die im knöchelhohen Matsch standen, in einen Lkw gescheucht. Sami hatte große Kopfschmerzen. Die Schreie von Mädchen, die begrapscht wurden, und von Menschen, die niedergetreten wurden, ließen ihn in eine Art Schockzustand fallen. Irgendwo in einem Industriegebiet wurde der Container geöffnet, sie wurden aufgefordert sofort zu verschwinden. Sami und zwei andere Jungs liefen zu einem Taxi, das sich in der Nähe befand und sagten dem Mann, er solle sie in die nächstgelegene große Stadt fahren. So landete Sami in Berlin. Da sie kein Geld hatten, rannten die Jungen aus dem Taxi, ohne zu bezahlen. In Berlin trennten sie sich.

Sami kontaktierte seine Eltern, und diese organisierten ihm über Kontakte die Weiterfahrt nach Magdeburg zu Bekannten. Dort blieb er nicht lange, er fühlte sich als Last. Die Familie kaufte ihm ein Zugticket nach Frankfurt. Er hatte große Angst vor der Polizei und davor, erwischt zu werden. Am Bahnhof traf Sami einen Afghanen, der ihm riet, zum Jugendamt zu gehen. Der Junge gab ihm einen Zettel, auf dem etwas stand wie "Helfen Sie mir, ich kann kein Deutsch". Die russischen Polizisten und die gewalttätigen Polen hatten so eine Angst in Sami ausgelöst, dass der andere ihn zum Amt brachte. Dort half man ihm, organisierte eine Dolmetscherin.

Er kam in ein Kinderheim in Frankfurt-Höchst und nach drei Monaten in ein Wohnheim nahe Wiesbaden. Sami hatte Glück und bekam wenige Wochen später einen Ausbildungsplatz in einem Café. Die Inhaberfamilie brachte ihm die deutsche Sprache und Kultur näher. Er lernte schnell. Nach acht Jahren erwarb er den deutschen Pass. Vor zwei Jahren wurde das Café geschlossen, seitdem arbeitet er in einem Großhandel in Wiesbaden. Er ist glücklich, Geld zu verdienen. Er fährt in Urlaub, unterstützt seine Eltern finanziell und bezahlt Krebsmedikamente für seinen Vater. Seinen älteren Bruder, der in Kanada lebt, hat er seit 15 Jahren nicht gesehen. Das Leben sei nicht immer einfach. Er kämpft mit Vorurteilen, wird "Kanake" oder "Scheißflüchtling" genannt. Schlimmer sei es durch die Flüchtlingskrise geworden. Sami empfindet die sexuellen Übergriffe gegenüber den Frauen nicht nur in Köln als höchst beschämend. "Deutschland hat so viel zu bieten, so viel Gutes! Viele helfen, wo sie nur können. Wer das Land und seine Bürger nicht mit dem Respekt behandelt, den sie verdienen, verdient es nicht, in solch einem guten Land zu leben. Diese Menschen sollen wieder dorthin zurück, wo sie herkamen, und nicht durch ihr schlechtes Verhalten den Ruf aller Ausländer ruinieren."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gefängnis, Schläge und brutale Schlepper
Autor
Anastasia Braun
Schule
Friedrich-List-Schule , Wiesbaden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2017, Nr. 55, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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