Kraft, Technik und der Wille, mehr rauszuholen

Franziska Liebhardt ist zwar körperlich eingeschränkt, mental aber stark. So holte sie bei den Paralympics Gold im Kugelstoßen. Die Sportlerin über rasante Entwicklungen in ihren Disziplinen.

Niemand hätte gedacht, dass Leistungssport für mich überhaupt noch möglich ist", erklärt Franziska Liebhardt. Die gebürtige Berlinerin leidet unter der Autoimmunerkrankung Kollagenose. Bei den Paralympics 2016 gewann sie im Weitsprung Silber und im Kugelstoßen Gold. Aufgewachsen in der Nähe von Ulm, zog sie vor 14 Jahren nach Würzburg. Ihre sportliche Karriere begann sie als Mittelblockerin im Volleyball in der Regionalliga. "Auf einmal bekam ich beim Volleyballspielen nicht mehr richtig Luft - ich wusste, dass das nicht mehr normal ist", erinnert sie sich an die Zeit vor der Diagnose im Jahr 2005. Kollagenose befällt den gesamten Körper. "Ich sage immer: Mein Immunsystem ist blind - es kann nicht zwischen guten und kranken Zellen unterscheiden." Unter anderem hat sie dadurch eine halbseitige Spastik rechts, die linke Gehirnhälfte ist dafür verantwortlich. "Ich versuche damit zu leben, aber es nervt mich auch oft, vor allem weil ich Rechtshänderin bin. Schlussendlich kann ich damit leben, wenn es das einzige Manko ist, viele Tabletten zu nehmen."

Jedoch können größere Probleme auftauchen oder weitere Organe befallen werden. Dazu ist es bei ihr mehrfach gekommen: 2009 brauchte sie eine neue Lunge, später eine neue Niere. Diese kam von ihrem Vater. Zuvor ging sie ein halbes Jahr zur Dialyse. "Das war ätzend." Bei einer Lungentransplantation gebe es kein Ersatzverfahren, da benötige man eine Transplantation. "Es ist schwierig, auf den Tod eines anderen Menschen zu hoffen." Die Sportlerin berichtet, dass sie in dieser Zeit in psychologischer Betreuung war. Am Ende war es für sie in Ordnung, eine fremde Lunge anzunehmen. Sie nimmt Medikamente, die die Abstoßung unterdrücken, und solche, die weitere Fehlfunktionen ihres Körpers verhindern helfen. "Eventuell ist in zehn Jahren einmal eine Stammzelltherapie möglich", hofft sie. "Es gibt immer mal dunkle Stunden, aber Gott sei Dank bin ich ein Typ, der den Blick gerne nach vorn richtet." So probierte sie sich bei der Turngemeinde Würzburg aus und wurde von einem Trainer, der selbst Kugelstoßer ist, entdeckt. "Ich hatte Spaß daran. Mich faszinierte die Kombination von Schnellkraft und Technik. Vor allem kann man immer rumtüfteln, wie man auch mit einer Behinderung noch etwas herausholen kann!" Sie stößt mit der rechten unkoordinierten Hand, dafür nimmt sie eine etwas größere Kugel, die die Hand offen hält. Zum Leistungssport kam sie 2014 durch die Nominierung für die Kugelstoß-EM in Swansea in Wales. Vor der EM gibt es immer einen Lehrgang mit den Bundestrainern. Steffi Nerius, 2009 Weltmeisterin im Speerwurf und zu der Zeit Bundestrainerin, trainierte zufällig mit ihr. Die beiden waren auf einer Wellenlänge. "Das Training mit Steffi war viel durchdachter, professioneller und fokussierter", sagt sie. "Franzi war schon immer mental stark", sagt Steffi Nerius, die das Sportinternat von Bayer Leverkusen leitet. "Entscheidend ist, dass der Peak genau beim Wettkampf erreicht werden kann, dass ein genauer Jahresplan mit richtiger Trainingsmethodik existiert."

Liebhardt legte ihre Arbeit als Physiotherapeutin in der Uni-Kinderklinik Würzburg, damals in der Patientenbetreuung der Neuro- und Sozialpädiatrie, für zwei Jahre auf Eis und zog nach Leverkusen: "Inklusion ist dort normal, und außerdem trainieren wir wie jeder andere auch. Ich hatte neun bis zehn Einheiten reines Training die Woche, plus Physiotherapie am Abend - das ist wie ein Job!" Franziska Liebhardt betont, es gebe bei den Paralympics eine rasante Entwicklung. "Das ist längst raus aus dem Rehasport. Es ist Profisport, mit allem, Finanzierungen, Prämien, Fördergelder. Noch vor zehn Jahren gab es kaum Profisportler in dem Bereich."

Ende vergangenen Juli wurde sie für die Paralympics in Rio nominiert. "Das war supercool, das Gefühl war einfach mega!" Sie bekam Sporthilfeförderung, die über den Verband des Behindertensports Leichtathletik läuft und die die Kandidaten, die den Kader-Status zugesprochen bekommen, nutzen können. Zusätzliche Eliteförderung kam von Sponsoren. Gleichzeitig war da aber immer die Angst, dass bis September irgendetwas dazwischenkommen könne. Im Herbst 2015 hatte sie eine Lungenembolie erlitten. Zusätzlich war Anfang Februar vor einem Jahr noch ein Ermüdungsbruch des Beckens dazugekommen. Orthopäden und Ärzte waren genauso besorgt wie ihre Trainerin.

Die Eröffnungsfeier mit der Entzündung des paralympischen Feuers erlebte Liebhardt voller Freude: "Es war emotional der Hammer!" Der Einmarsch bei 80 000 Zuschauern, die grandiose Stimmung: "Das kann man nur mit Gänsehaut-Feeling beschreiben. Man musste nur die Hand heben, und alles bebte im Station." Bei den Paralympischen Spielen stoßen die Frauen mit einer Drei-Kilo-Kugel, sonst sind es bei Olympia vier Kilo. Außerdem gibt es verschiedene Größen von 90 bis 108 Millimeter, mit der letzteren Größe trat Liebhardt an und stieß den aktuellen Weltrekord von 13,96 Metern in ihrer Wettkampfklasse. Denn bei den Paralympics treten die Kandidaten je nach Behinderung in einer Klasse an, Liebhardt in der Klasse TF 37. TF bedeutet Track and Field, also die Disziplin der Leichtathleten, 3 steht für die Behinderung, in dem Fall, die der Spastiker und Halbseiten-Spastiker, und die letzte Zahl gibt den Schweregrad der Behinderung an. Je kleiner diese Zahl umso schwerer die Behinderung. Allgemein gibt es relativ viele Spastiker bei den Wettkämpfen, aber wie schwerwiegend die Spastik innerhalb des Körperteils ist, wird nicht unterschieden. Auch die Transplantationen spielen keine Rolle.

Selbstverständlich gibt es Doping-Kontrollen. "Es können jederzeit Kontrollen stattfinden, egal, ob im Training, auf der Arbeit oder bei Freunden, zudem wurde mittlerweile die Nachtruhe aufgehoben. Ein Grund dafür ist, dass es Doping-Medikamente gibt, die nach Stunden nicht mehr nachweisbar sind, aber doch eine Wirkung haben", erklärt sie. Man muss in Deutschland für jede Stunde des Tages angeben, wo man sich aufhält. Trifft der Kontrolleur einen zweimal nicht an, wird man für zwei Jahre gesperrt. "Ein Kollege hat einmal die Zahlen einer Flugnummer unbeabsichtigt vertauscht und war daher nicht an dem Ort zu der Zeit, die er angab", erinnert sie sich.

Am Ende der Spiele hält Franziska Liebhardt die beiden Medaillen in Händen. "Das ist ein komplett neuer Lebensabschnitt." Denn für Franziska Liebhardt ist es gleichzeitig der Abschluss ihrer sportlichen Karriere. Die Medaillen bewahrt sie in einer Holzschatulle auf. Disziplin und Startklasse sind an den Rändern eingraviert, jede Medaillenfarbe hat ihren eigenen Klang, was die Erkennung für Sehbehinderte erleichtert. Zurück in Würzburg, investiert sie ihren Ehrgeiz nun in ihren Beruf. Gerne nutzt sie den Trubel um Rio, um auf Organisationen wie "Sportler für Organspende" und die "Kinderhilfe Organtransplantation" aufmerksam zu machen. Dort ist sie im Vorstand. In Ihrer Freizeit schaut sie gerne beim Volleyball zu und fährt Handbike.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kraft, Technik und der Wille, mehr rauszuholen
Autor
Lisa Scheublein
Schule
Bayernkolleg Schweinfurt , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2017, Nr. 61, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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