Mit Pulkaschlitten und Eisbärabwehrzaun

Zwei Extremsportler und ihre gefährliche Arktisreise in unerschlossene Gebiete

Eis und Schnee, so weit das Auge reicht, Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und eine klare Weitsicht. Das ist das Gebiet der Arktis. Die Landschaft reicht von Fjorden, steilen Bergen und flachen Hügeln bis zu Gletschern und Hochplateaus. Im heimischen Garten im südhessischen Nordheim berichtet Eric Folz im Beisein von Frau und Tochter von einer abenteuerlichen Reise. Er kommt gerade von einem Triathlon, den er am Morgen absolviert hat. Der athletische Ingenieur sieht nach dieser Anstrengung zwar ausgemergelt aus, aber dies war im Vergleich zu seinem Abenteuer nur eine kleine Tour.

Folz sah eine Dokumentation von Mike Fuchs: Der Abenteurer war unterwegs mit einem selbstgebastelten Pulka, einem Schlitten für Expeditionen. Da Folz Kunststofftechniker ist, kam ihm die Idee aus einem faserverstärkten Kunststoff einen deutlich leichteren und stabileren Schlitten zu bauen. So haben die beiden die Basis für ihren Materialtest in der Arktis unter Extrembedingungen gestellt. Am 27. März 2013 machten sich der heute 45-Jährige und der Fotograf Fuchs vom Norden Spitzbergens, einer zu Norwegen gehörenden Inselgruppe im Arktischen Ozean, aus auf den Weg in die Hauptstadt Longyearbyen. Sechs Monate dauerte die Vorbereitung: Sie steigerten ihre körperliche Fitness, trainierten die Ernährungsumstellung. Sogar das Studium der Verhaltensregeln für das Aufeinandertreffen mit einheimischen Tieren mit Schießübungen stand auf dem Programm. Bei der Expedition legten die Abenteurer in 22 Tagen mehr als 500 Kilometer und etwa 4000 Höhenmeter zurück. Ausgesetzt von Schneemobilen im Norden von Spitzbergen, packten sie die Expeditionsschlitten: Schlafsäcke, Proviant, Satellitentelefon, Gaskocher, Brennstoff, Leuchtpistole und Reparaturwerkzeug wurden auf den Pulkaschlitten verstaut. Darauf kam das Zelt. Die Ausrüstung wog etwa 65 Kilogramm je Schlitten. Über ein Hochplateau ging es auf Tourenski in Richtung Süden nach Longyearbyen. Vorbei an vielen Eisbärspuren, die ein mulmiges Gefühl verursachten, legten sie am Tag bis zu 20 Kilometer zurück.

"Um nicht ins Schwitzen zu geraten, muss man seine Kräfte gut einteilen. Denn wenn die Kleidung nass wird, bekommt man sie nicht mehr trocken", erklärt Folz. Auch das Innenfutter des Schlafsacks durfte niemals nass werden. Das ist lebensgefährlich, da der Sack gefriert und den Körper nicht mehr schützt. Bei Temperaturen von minus 20 Grad am Tag und bis zu minus 50 in der Nacht brauchten die Männer warme Kleidungsschichten. Selbst im Schlafsack wurde mit Socken, langer Unterwäsche aus Merinowolle, einer Sturmhaube und einer Mütze geschlafen. Am Ende einer Tagestour schlugen sie ihr Lager auf, sicherten die Schlitten und bauten das Zelt auf. Wichtig war das Installieren des Eisbärabwehrzauns, ein Stolperdraht an dem bei Berührung Knallkörper explodieren, um die Eisbären zu verjagen. Auf Spitzbergen leben etwa 3000 Eisbären, weshalb die Gefahr eines Angriffs nicht zu unterschätzen ist.

Die tägliche Routine bestand im morgendlichen Aufstehen um 7 Uhr, dem Frühstück, bei dem die Tagestour besprochen und danach das Camp abgebaut wurde. "Das karge Frühstück bestand für uns aus heißem Wasser mit Milchpulver in dem wir 300 Gramm Müsli für jeden von uns eingeweicht haben. Dann sind wir meist kurz nach 9 Uhr weitergegangen."

Das Abendessen bestand aus gehaltvollen Fertigsuppen, angerührt mit heißem Wasser. "Schnee lutschen ist die schlechteste Möglichkeit um Flüssigkeit aufzunehmen, da es destilliertes Wasser ist und dem Körper die ganzen Mineralien entzieht. Das hälst du nicht lange durch", warnt Folz. Daher wurden die Mahlzeiten mit geschmolzenem Schnee zubereitet und für das Trinkwasser Mineralien beigefügt. Für jede Mahlzeit wurde der Gaskocher und Kocherbenzin benötigt. Fuchs und Folz hatten zehn Liter Benzin dabei. Als Snacks wärmten sie Salamisticks, Müsliriegel und Nüsse in ihren Hosentaschen auf. Wichtig war, dass die Produkte fettreich waren, da bei der Kälte und der Anstrengung viel Fett zur Energiegewinnung verbrannt wurde. Damit das Essen reichte, wurde ein strenger Rationierungsplan erstellt. Die letzte Portion wurde vor der Ankunft in Longyearbyen verzehrt. Insgesamt hatten sie zwölf Kilo Müsli, zwei Kilo Nüsse und Beeren, 1,5 Kilo Schokolade, 40 Müsliriegel und 40 Tüten Fertigsuppe dabei. Rückblickend war es zu wenig, dafür passen jetzt die Hosen wieder.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Pulkaschlitten und Eisbärabwehrzaun
Autor
Tim Börner
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2017, Nr. 67, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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