Eiserner Wille für die letzten 150 Meter

Kilimandscharo, halleluja! Ein Rentner über den Aufstieg zum Kibo, Tropennächte, Atemnot und Zauberwälder.

Am 26. Januar vor sechs Jahren reist Günter Schwarz mit seinem guten Bekannten Manfred Röder nach Äthiopien. In Addis Abeba steigen der 69-Jährige und sein 30 Jahre jüngerer Begleiter um und landen schließlich am Kilimandscharo International Airport. Ein Shuttlebus bringt sie zu ihrem Hotel ins 45 Kilometer entfernte Moshi. Es herrschen knapp 40 Grad, eine Herausforderung nach dem winterlichen Deutschland. In der Ferne liegt in der Spätnachmittagssonne steil aufragend der Kilimandscharo.

"Den Kilimandscharo zu besteigen, hatte ich überhaupt nicht im Visier. Mein bisheriger Standpunkt war, dass die Alpen genug Betätigungsfeld und auch Vielfalt bieten, so dass man sich solche aufwendigen Unternehmungen eigentlich verkneifen kann", sagt Schwarz und fügt lachend hinzu: "Wenn es denn schon hätte sein müssen, dann aber zu einem früheren Zeitpunkt und nicht mehr mit 69 Jahren." Der mittlerweile 74-Jährige schüttelt gedankenverloren den Kopf, während er sich in der gemütlichen Stube seines Hauses über das Fotoalbum beugt.

Die Saison am Kibo, so heißt der höchste Berg im Kilimandscharo-Massiv, endet im Februar, wegen der beginnenden Regenzeit. Röder hatte als selbständiger Bauunternehmer nur ein enges Zeitfenster. Zunächst sind Vorbereitungen zu erledigen: Impfungen, die Ausrüstung und nicht zu vergessen die Steigerung der körperlichen Fitness. "Wir wissen doch alle: Ohne fit zu sein, macht es an keinem Berg Spaß", bemerkt Schwarz, der häufig von Fulda bis in die mehr als 30 Kilometer entfernte Rhön wandert. Regelmäßig betreibt der Hobby-Imker, der früher als technischer Einkaufsleiter tätig war, Ausdauer- und Kraftsport.

Am Abend vor dem großen Tag besuchen der 38-Jährige Jerome und der 27-Jährige Michael, die beiden Bergführer, Röder und Schwarz, um Details zu besprechen. Nach dem Frühstück wird das Gepäck verladen, und es geht in Richtung Machame-Route. Unterwegs kauft der Koch der Crew noch Proviant. Am Nationalpark-Gate werden alle registriert, das Gepäck wird auf die sechs einheimischen Träger verteilt. Die erste Etappe zum Machame Camp auf 2980 Metern Höhe beginnt in einem tropischen Bergwald. "Bäume und Äste waren behangen mit dunkelgrünen Moospolstern und langen Flechten. Es erinnerte an einen Zauberwald." Nach halber Wegstrecke wird es steiler und feuchter. Nach etwa 2700 Höhenmetern endet der Wald. Das erste Camp ist erreicht. Nach dem Abendessen kriechen alle erschöpft in ihre Schlafsäcke. "Das Zelt hätte für mich übrigens etwas länger sein dürfen", bemerkt der über 1,90 Meter große Rentner.

Am nächsten Tag bricht das Team zum 3830 Meter hoch gelegenen Shira Camp auf. Die Vegetation wird spärlicher. Unterwegs bieten sich herrliche Ausblicke auf die Lavalandschaft. Am gleichen Tag machen sie einen Abstecher in ein etwas höher gelegenes Nachbarcamp und bewundern die grandiose Landschaft. In dieser Nacht spürt der damals fast 70-Jährige zum ersten Mal die niedrigen Temperaturen, die jede Nacht unter null sinken. "Wir hatten gelernt, möglichst drei bis vier Liter täglich zu trinken. Da bleibt es nicht aus, dass man nachts rausmuss. Es war jedes Mal eine kleine Überwindung, den warmen Schlafsack zu verlassen", erinnert sich Schwarz. "Dafür wurden wir mit einem Sternenhimmel belohnt, der uns immer wieder in ungläubiges Staunen versetzte. Es war einfach überwältigend."

Das nächste Ziel: Barranco Camp auf etwa 3950 Metern. Gehzeit voraussichtlich sieben Stunden. Der Weg führt zwischenzeitlich auf eine Höhe von 4500 Metern zum sogenannten Lava Tower, immer nach dem Prinzip: Gehe hoch, schlafe tief! Es geht vorbei an exotisch anmutenden Riesenlobelien und mannshohen Senecien. "Für mich war das Barranco Camp der landschaftlich schönste Lagerplatz." Am Spätnachmittag hat es geregnet und sogar weit herunter geschneit, so dass sich auf den Zelten Eisschichten bilden.

In dieser Nacht fängt Röder an zu husten, was auch am Morgen nicht aufhört. Im Gegenteil, es wird schlimmer. Hinzu kommen neben Schweißausbrüchen auch noch Schüttelfrost. Wie sich später zu Hause herausstellen soll, war es eine Lungenentzündung. "Im Nachhinein muss ich sagen, dass seine Leistung, unter diesen Umständen noch weitere drei Camp-Etappen mitzumarschieren, höher zu bewerten ist als die Gipfelchance", erklärt Schwarz. Dann folgt ein Akklimatisationstag, damit sie sich an die Höhe und die anderen Wetterbedingungen gewöhnen können. Nach diesem überwinden sie die Barranco-Felswand. Nach dieser Steilpassage, die auf etwa 4200 Meter führt, ist das 3950 Meter hoch gelegene Karanga Valley Camp nach knapp vier Stunden erreicht. Dieser Platz bietet grandiose Ausblicke an der Südseite des Kilimandscharos. Der Vorteil der Machame-Route ist neben dem landschaftlichen Hochgenuss die ideale Möglichkeit der Höhenanpassung, ohne die man leicht an einem solchen Aufstieg scheitern kann. Die Route verläuft um die gesamte Südseite des Kibos.

Der nächste Tag führt ins Barafu Camp auf 4600 Meter. Das letzte Camp vor dem Gipfelaufstieg. Es geht stramm bergauf, die Vegetation wird immer spärlicher und geht schließlich in eine Steinwüste über. Nach dem Abendessen legt sich Schwarz hin und versucht etwas zu schlafen. Gegen 23 Uhr macht er sich nach einer stärkenden Pause bereit, auch Jerome kommt aus seinem Zelt. Zusammen trinken sie noch einen heißen Kaffee und genießen Nussgebäck, bevor es losgeht. Punkt Mitternacht starten die beiden, ohne Manfred Röder, denn ihm geht es immer noch nicht besser.

Von weitem sehen Schwarz und Jerome eine andere Gruppe mit ihren Stirnlampen aufwärtsstreben. Es dauert nicht lange, und die beiden haben aufgeschlossen. So überholen der 69-jährige Rentner und seine 38-Jährige Bergbegleitung diese Gruppe nach und nach, bis sie nur noch den klaren, tropischen, unendlich weit reichenden Sternenhimmel über sich haben. Es ist kalt. Stunde um Stunde geht es weiter aufwärts. Mit einem Mal bekommt Schwarz erhebliche Atemprobleme. Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden bereits auf ungefähr 5300 Metern. Es fehlen noch knapp 600 Höhenmeter. "Hier kamen mir zum ersten Mal Zweifel, ob ich es überhaupt schaffe. Ich bin auf mehr als 30 Viertausendern gewesen, aber so etwas kannte ich selbst aus den Hochalpen bisher nicht", erklärt Schwarz. Auch Jerome geht es nicht viel besser, dann stößt er überraschend einen Jubelschrei aus. Sie haben den Stella Point erreicht: 5740 Meter. "Ich hatte gelesen, dass für die letzten 150 Höhenmeter ein eiserner Wille gefragt ist. Das kann ich heute bestätigen."

Um 6 Uhr erreichen sie den Uhuru Peak, den höchsten Punkt Afrikas mit 5895 Metern. Wieder lässt Jerome einen Schrei mit nach oben gestreckten Armen los: "Kilimandscharo, halleluja!" Glückwünsche, Umarmungen und das Kilimandscharo-Lied. "Dieses Gefühl werde ich nie vergessen", berichtet Schwarz immer noch voller Stolz und Enthusiasmus.

Es ist noch dunkel und eiskalt. Die Hände sind klamm, die Kamera kaum zu handhaben. Der Gipfelbereich ist schnee- und eisfrei und erinnert an eine Mondlandschaft. Einige hundert Meter entfernt, etwas tiefer gelegen, beginnen die Gletscher mit hohen, senkrecht aufragenden Eiswänden. Ein Anblick, den es in den Alpen so nicht gibt. Technisch bietet der Kibo keine Schwierigkeiten, man braucht weder Seil noch Steigeisen. Es wird schnell heller und ein bisschen wärmer. Dann noch ein paar Fotos, schon geht es wieder runter. Gegen 9 Uhr erreichen die beiden wieder das Camp.

Nach zwei Stunden Verschnaufpause brechen alle zum Abstieg auf der Mwek Route ins 19 Kilometer entfernte gleichnahmige Camp auf: vom 4600 Meter hoch gelegenen Barafu Camp auf den Gipfel und wieder runter auf 2850 Meter, das ist ein langer Tag mit etwa 14 Stunden Gehzeit. Röder geht es etwas besser, er hustet kaum noch und kann wieder essen. Am Tag darauf folgt der letzte Abschnitt der Tour. Durch den Bergwald erreichen alle nach etwa zehn Kilometern das Mweka Gate. Dort werden die Deutschen abgeholt und nach Moshi gebracht. Mit Wehmut nehmen sie gegen Mitternacht Abschied vom Kibo und landen am Spätnachmittag in Frankfurt. Schwarz lacht: "In der ersten Nacht im eigenen Bett habe ich vergeblich den Reißverschluss vom Schlafsack gesucht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Eiserner Wille für die letzten 150 Meter
Autor
Sina Elm
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2017, Nr. 67, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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