Amerika staunte über die drei "Swiss guys"

Bruno Egloff und seine zwei Schweizer Kumpel sind von Calgary bis El Paso geritten

Ja, da saßen der Kollege und ich an der Fasnacht am Tisch und sagten: Gehen wir doch reisen." Der 75 Jahre alte Bruno Egloff aus Tann im Zürcher Oberland klappt Landkarten auf dem Küchentisch aus und hält Dias ins Lampenlicht. "Das ist praktisch, da kann ich genau 50 Jahre nachdem wir in El Paso angekommen sind, über mein Abenteuer berichten." Der pensionierte Heizungsmonteur machte sich im August 1965 mit seinem Dorfkumpel auf den Weg nach Kanada, um Arbeitserfahrungen in Übersee zu sammeln. Dies taten sie davor schon in England und Deutschland. Sie arbeiteten ein Jahr lang in Kanada und entschieden spontan, durch die Vereinigten Staaten nach Mexiko zu reiten.

Egloff setzt seine Lesebrille auf und zeigt auf der Karte Calgary in der Provinz Alberta, dem Ausgangspunkt ihrer Reise. "Im Schweizerklub lernten mein Kollege und ich den Dritten im Bunde kennen, einen Schweizer aus der Nähe von Zürich", sagt der dreifache Großvater. Die 20- bis 24-Jährigen verstanden sich auf Anhieb gut und zogen auf eine Pferderanch. "Wir hatten bis dahin keine Ahnung von Pferden, wussten nicht, wie man reitet, sie pflegt oder sonst etwas", lacht der weißhaarige Egloff. "Aber es gab immer etwas zu tun, sei es das Zusammentreiben von Rindern oder das Einfangen der Tiere. Wir saßen jeden Tag im Sattel und lernten dadurch schnell." Nach mehreren Monaten Arbeit kam die Idee auf, durch die Vereinigten Staaten zu reiten, um möglichst viele Menschen kennenzulernen. "Im April 1966 kauften wir dem Besitzer der Ranch mit unserem erarbeiteten Geld drei Reitpferde und ein Packpferd ab. Bevor wir uns im Juli auf den Weg machten, unternahmen wir eine erste Reise mit den Pferden, um einen Vorgeschmack zu bekommen. Diese führte uns von Calgary bis ins 130 Meilen weit entfernte Lethbridge und zurück." Dann ging es los. Die Männer hatten je ein kleines Zelt, Dinge für den Eigenbedarf, Nahrung und Pferdematerialien dabei. "Die Kanadier sagten damals, dass wir nach vier Tagen sowieso wieder zurück sein würden, doch wir ließen uns nicht verunsichern und strebten nur eines an: El Paso an der Grenze zu Mexiko", schmunzelt er. "Um sechs Uhr sind wir aufgestanden, haben die Pferde gefüttert, die Zelte abgebaut. Dann ging es in den Sattel." Sie ritten täglich sechs Stunden und legten zwischen 32 und 34 Kilometer zurück. An der Grenze sollten sie die Pferde verzollen. Ein Zöllner ließ sie jedoch passieren, da er die Tour eine "irre Idee" fand. Mit der Einreise in die Vereinigten Staaten wurden die Medien auf die Schweizer aufmerksam und berichteten über die "Three young Swiss guys".

"So wurden wir manchmal in kleinen Ortschaften auf eine Ranch eingeladen, um dort zu übernachten, zu essen und richtig zu duschen. Die Menschen waren immer außerordentlich gastfreundlich und begeistert beziehungsweise interessiert, was unsere Reise anging", sagt Bruno Egloff. Sie ritten meist durch ziemlich abgelegene Gebiete. "Dass wir in den USA keine Gesundheitsversicherung hatten, war sicher eines der größten Risiken, die wir eingingen, und ich kann im Nachhinein sagen, dass wir immensen Dusel hatten, denn es hätte ja schnell mal etwas passieren können." Egloff faszinierten die unendlichen Weiten und Landschaften. "Da ist man mal durch ein langgezogenes Tal geritten und hat in der Ferne die Lichter der nächsten Ortschaft aufblitzen sehen. Dann ritt man am nächsten Tag los und war am Abend immer noch nicht weiter. Das hat uns aber eher motiviert als runtergezogen." Immer wieder sandte er Postkarten in die Schweiz und führte Tagebuch. Die Freunde kamen an etlichen Seen und Minen vorbei und überquerten den auf 3358 Meter über Meer liegenden Red-Mountain-Pass im Südwesten des Bundesstaats Colorado. Die Nahrung, die sie auf dem Packpferd mit sich nahmen, bestand größtenteils aus Trockenfleisch, Hartkäse, Knäckebrot und Wasser. "Einmal wurden unsere Reserven an Hartkäse schlecht, und wir ernährten uns 14 Tage lang praktisch nur von Blaubeeren", lacht er. Die Gruppe ritt immer weiter gen Süden, wo sie im Herbst 1966 in den Bundesstaat New Mexico kam. Dabei hatte sie ihr Weg durch Idaho, Montana, Wyoming und Colorado geführt. In Albuquerque, der größten Stadt in New Mexico, wurden sie von Fotografen empfangen und kamen wieder in Lokalzeitungen. "Ein Highlight des Trips waren die letzten Abschnitte, als wir durch die White Sands Desert ritten." Dort entstanden viele Dias.

Am 19. November erreichten sie El Paso. "Wir hatten unser Ziel erreicht, und uns ging es gut. Wenn ich heute zurückblicke, muss ich zunächst einmal sagen, dass dies ein wahrhaftig schönes Erlebnis war und man einander in der Gruppe sehr gut kennen muss, um so etwas durchzuziehen. Wir haben unsere Arbeit immer aufgeteilt, und so entstand während der Reise kein einziges Mal Streit." Egloff kehrte Ende 1966 in die Schweiz zurück, seine Gefährten leben bis heute in den Staaten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Amerika staunte über die drei "Swiss guys"
Autor
Léon Thommen
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2017, Nr. 67, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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