Ein Kessel Buntes

Kroatische Kultur in der Scheune: Die Künstler treten kostenlos auf, die Gäste bringen Essen mit.

Yoshio Tamura hatte am 5. Juni 2011 als japanischer Botschafter in Kroatien ein außerordentliches Programm. Zunächst gehörte er zu den etwa 400 000 Menschen, die im Hippodrom Zagrebs die Messe von Papst Benedikt XVI. besuchten. Es war eine der größten Veranstaltungen in der Geschichte der kroatischen Hauptstadt. Anschließend wollte Tamura aber unbedingt noch in eine Scheune. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Von der Massenveranstaltung in der brodelnden Großstadt, an der ein Zehntel der kroatischen Gesamtbevölkerung teilgenommen hatte, in die tiefste Provinz, etwa 60 Kilometer östlich von Zagreb, nach Kostanj, in ein kleines, zersiedeltes, nahezu verlassenes Dorf. Von den Tribünen der international bekannten Pferderennbahn rund um das Zagreber Messezentrum, in einen unauffälligen Schuppen, der mit unterschiedlichen Baumaterialien zusammengehalten wird und im Winter zugig und oft eiskalt, im Sommer brütend heiß und voller Mücken ist.

Die Scheune mit dem kleinen Wohnhaus liegt an einer schmalen, holprigen Landstraße, die hinter dem Anwesen schon bald an Fischteichen endet. Und doch ist diese Scheune ein Ort mit magischer Anziehung. Schuld daran sind Mirjana Sacer Bobanac und Davorin Supek. 1994 kamen sie durch Freunde nach Kostanj, verliebten sich in die ruhige Lage und kauften das alte Bauerngehöft. Supek arbeitete unter anderem als Kameramann für das kroatische Fernsehen. Begeistert erinnert sich der 80-Jährige: "1967 habe ich als Kameramann eine Reportage in Israel gedreht, während des Sechs-Tage-Kriegs." Supeks Lebensgefährtin wurde 1946 in Makarska in Süddalmatien geboren. Der Vater war Polizist, sie eines von drei Kindern. "Als Kind habe ich mich auch schon für Politik interessiert", sagt die 70-Jährige. Mit 16 Jahren veröffentlicht sie ein Gedicht über Patrice Lumumba, den ersten Premierminister des unabhängigen Kongos, der ermordet wurde. Nach dem Gymnasium arbeitet sie zunächst in der Galerie eines Studentenzentrums, die letzten 30 Jahre ihres Berufslebens im Empfang des National-Theaters in Zagreb. Hier kümmert sie sich um Mitarbeiter, Schauspieler, Sänger, Maler, Tänzer, Autoren und prominente Besucher.

Bobanac ist seit 2011 pensioniert, im selben Jahr wurden ihre gesammelten Gedichte publiziert. "Mijenjanje Krajolika" lautet der Titel, in deutscher Sprache etwa "Die Landschaft ändern". "Nämlich die physische und die geistige Umgebung", wie die Autorin betont. Zwar ist ihr zum Zopf geflochtenes, fast ein Meter langes Haar längst grau geworden, aber stillsitzen kann die Frau nicht, die ihr gesamtes Leben "Menschen miteinander in Kontakt bringen" wollte. Das ist in der Kulturscheune seit mehr als 20 Jahren ihr Lebensprogramm geworden. Schon bei der Besichtigung der Scheune habe das Paar sofort eine Bühne vor seinen Augen gesehen. Geld war keines vorhanden. Bobanac erklärt: "Wir sind nicht an materiellem Reichtum interessiert, sondern an einer reichen Kultur und vielfältiger Freundschaft." So wurde zwangsläufig viel improvisiert. Baustoffe kamen als Spenden, ausrangierte Schulbänke, Tische, Stühle und Sessel wurden gesammelt, die Bühne wurde zusammengezimmert. Auch heute noch klettert man über lose aufeinander gestapelte Bausteine auf die kleine Plattform hinauf. Das ehemalige Bauerngehöft wurde so zu einem kleinen, bunten Biotop, zu einem "Patchwork aus Natur, Mensch und Kultur", wie Mirjana Bobanac es beschreibt.

Das ursprünglich private Projekt weitete sich aus, die Veranstaltungen wurden größer und zwangsläufig systematisch organisiert. Heute sind es etwa sechs große Veranstaltungen im Jahr, die zu einem bestimmten Thema an einem Wochenende angeboten werden. Fernsehen und Zeitungen berichten, im Internet sind die Veranstaltungen mit Texten, Fotos und Videos dokumentiert. Diese Atmosphäre zieht die Gäste an. Zum "Herbst in der Scheune" mit dem russischen Botschafter Mihail Konarovski kamen vor zehn Jahren etwa 250 Besucher, die meisten bisher. Auf dem Programm standen zuletzt auch Kunst und Kultur aus Chile, aus den afrikanischen Ländern und aus Iran. Befreundete Sänger, Maler, Fotografen, Schauspieler tragen kostenlos zum Programm bei. Regelmäßig auf der Stagalj-Bühne tritt auch Antun Tudic auf, Fernsehzuschauern durch die Reihe der "Kroatien-Krimis" in der ARD bekannt. Der japanische Botschafter Tamura war mehrfach Gast im Stagalj. Zweimal lud Tamura die Organisatoren in seine Residenz ein, einmal privat und zu seiner offiziellen Verabschiedung gemeinsam mit Politikern und Präsidenten. "Der Botschafter wollte, dass die Atmosphäre dabei möglichst entspannt und familiär sein sollte, so wie im Stagalj."

Jedes Programm beginnt mit großem Hallo, mit entspanntem Geplauder bei Gebäck und Getränken in und um die Scheune. Meist wird dabei auch in einem großen Kessel deftig gekocht. Musiker stimmen ihre Instrumente, an den Wänden werden Fotos, Gemälde, Objekte präsentiert. Fast ohne Übergang bittet Mirjana die Gäste dann irgendwann, vor der Bühne Platz zu nehmen. Das Programm beginnt zum Beispiel mit der Rezitation kurzer Texte, mit Musik, Tanz und Gesang, mit einer Vorstellung der Kunstobjekte oder mit Spielszenen aus dem Theater. Und Davorin Supek produziert zu jeder Veranstaltung einen kleinen Film.

Nahtlos erfolgt auch der Übergang zur Afterparty: Das gemeinsam gekochte Essen wird mit Genuss und viel Geplauder und Gelächter verzehrt. Natürlich wird auch etwas getrunken, und oft hört man bis spät in die Nacht freudigen Gesang. Aber erst nachdem Pläne für die nächste Veranstaltung gemacht sind, geht die Gesellschaft fröhlich auseinander.

Doch das Projekt hat selbstverständlich auch eine ernste Seite. Denn außer einem immer größer werdenden organisatorischen Aufwand und bei aller Improvisation braucht die Kulturscheune finanzielle Unterstützung. Deshalb wurde der Verein "Udruga Stagalj" gegründet, der 50 Mitglieder hat. Besucher tragen mit Spenden in Form von Speisen, Getränken und mit eigenen Beiträgen zum Programm bei. Nachbarn, meist Bauern, bringen hausgemachte Erzeugnisse, Brot und Wein, Käse, Milch und Gebäck.

Die Kulturscheune selbst benötigt immer mehr Pflege. Vor sechs Jahren mussten 40 000 Kuna, etwa 5300 Euro, für Renovierungen investiert werden. Für kroatische Verhältnisse viel Geld. Die benachbarte Stadt Dubrava, der zuständige Verwaltungsbezirk und Freunde halfen aus. Nun braucht die Scheune dringend ein neues Dach. Auch die rastlosen Betreiber des Stagalj werden nicht jünger. So stellt sich die Frage nach der Zukunft. Ihre beiden Kinder aus früheren Beziehungen, 43 und 45 Jahre alt, werden das Projekt wahrscheinlich nicht fortsetzen. Es steht und fällt mit den unermüdlichen Anstrengungen der alten Lebensgefährten.

Ein Astronom aus Zagreb habe einmal ein Teleskop gebracht, berichtet Mirjana Bobanac. "Die Menschen standen Schlange, um einmal den Sternenhimmel klar und im Detail bewundern zu können. Es ist ganz einfach, Menschen aus aller Welt zusammenzubringen: Man muss nur die Türen öffnen." So bleibt zu wünschen, dass der kleine Stern Stagalj noch lange in der kroatischen Kulturszene leuchtet. Nicht nur Yoshio Tamura wäre begeistert.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Kessel Buntes
Autor
Tea Suknaic, Franka Puharic
Schule
18. Gymnasium Zagreb/Kroatien , Zagreb, Kroatien
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2017, Nr. 73, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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