Mit kurzen Bewegungen lässt sie das Gras wachsen

Im Atelier einer Malerin, die sich als Anhängerin alter Meister sieht und nicht nur die Schönheit der Rosen feiert

Die leuchtend roten Kirschen fallen als Erstes ins Auge. Sie stechen zwischen den Blättern hervor. Monika Schmidts Treppenhaus ist gefüllt mit reifen Äpfeln, perlweißen Johannisbeeren sowie gelben, pinkfarbenen und violetten Weintrauben. Obwohl die Früchte lecker aussehen, sind sie nicht zum Verzehr geeignet. Denn sie bestehen aus Acryl-, Aquarell- und Ölfarben, gefertigt im Atelier der Künstlerin.

Monika Schmidt sitzt in ihrem geblümten Sessel. Ihr Haar ist kurz und dunkel. Die braunen Augen blitzen, wenn sie über ihr Handwerk spricht, das zur Berufung wurde. Die Wand hinter ihr wird durch ein Bücherregal eingenommen, das über und über mit Bänden zu Maltechniken, Künstlern und Motiven gefüllt ist. Erhellt wird der Raum durch zwei große Fenster. Zu ihrer Linken gibt eines davon den Blick auf den Rosengarten frei. Dieser gehört zu dem großen Haus, das sie und ihre Familie mit den drei Katzen bewohnen. Und ihn präsentiert die gebürtige Petersbergerin mit besonderem Stolz beim Fuldaer "Tag der offenen Gärten". Nicht selten malt die leidenschaftliche Künstlerin ihre eigenen, mit viel Liebe gepflegten Blumen.

Monika Schmidt versteht sich "als Anhängerin der Alten Meister". Nichts überlässt die 52-Jährige dem Zufall. Jedes Bild wird bis ins kleinste Detail ausgestaltet, ebenso der eigene Garten, in dem ihre Motive blühen. Und dennoch, niemals darf eins von ihren Werken steif abgezirkelt wirken. Die eigens gezogenen Rosenbüsche scheinen wie von selbst am für sie bestimmten Platz emporgewachsen zu sein. Und genauso malt Monika Schmidt auch.

In ihrem Atelier stapeln sich Farbpaletten; Pinsel mit langen, dunklen Stielen und hellbeigen bis rotbrauen Borsten und Haaren warten, in Gläsern gebündelt, auf ihren Einsatz. Die Wände sind bedeckt mit Fotos und Skizzen. Sie zeigen Frösche im Laub, fliegende Möwen, Seenlandschaften und Wälder - mögliche Motive, die vielleicht einmal ihren Weg auf eins der Bilder finden. Die Luft ist erfüllt vom Geruch der Ölfarben. Nachdem Monika Schmidt den Rosenbusch auf ihrer weißen Leinwand mit einem grünen Stift grob umrissen hat, beginnt sie zunächst mager zu malen. Dieser Ausdruck beschreibt das Grundieren des Bildes. Dabei kommt es nicht auf Details an, sondern auf die Farbgebung. Stimmen die Grüntöne? Sind die gelben Rosen an den richtigen Stellen verteilt? Denn dann kann der schönste Teil der Arbeit beginnen. Schmidt taucht den Pinsel nicht in die Farbnäpfe. Auf einer Glasplatte, die sie als Palette verwendet, sind immer nur kleine Tupfer der einzelnen Farben zu sehen. Rechts finden sich kalte Töne, Zitronengelb und Grün dominieren diesen Teil. Nach links werden die Töne beständig wärmer, bis hin zu tief leuchtendem Rot, Lila und Purpur am äußersten Rand. Die Künstlerin stippt die Pinsel kurz in ein helles Grün. Prüfend zieht sie einen kurzen Strich auf der Palette, bevor sie die Farbe auf die Leinwand überträgt. Mit kurzen, aber fließenden Bewegungen lässt sie das Gras am Fuß des Buschs wachsen. In einer Hand hält sie ein kleines Bild ihres Motivs.

Allerdings reicht es nicht, jede Farbe der Vorlage möglichst genau auf das Gemälde zu übertragen. Um die richtige Wirkung zu erzielen, müssen die Farben zum Malen neu aufeinander abgestimmt werden. Dabei können zwar Fehler passieren, aber in diesem frühen Stadium ist es noch vergleichsweise einfach, sie zu korrigieren - am fertigen Bild ist das schon schwieriger. Um genau das zu vermeiden, betrachtet die Frau das Bild während des ganzen Malprozesses regelmäßig im Spiegel oder auf Fotos. Durch diese distanzierte Betrachtungsweise fallen kleine Fehler, wie zum Beispiel eine Störung in der Seitengleichheit besser auf. Inzwischen ist fast die gesamte rechte Seite der Leinwand farbig. Links jedoch lässt sie ein großes, weißes Loch, denn unter den gelben Rosen wird im Gras eine sich sonnende Frau liegen.

Gemeinsam mit ihrer Freundin und ehemaligen Schülerin Alexandra und zwei weiteren Künstlern plant sie eine Ausstellung zu viert zum Thema Erotik. Zeitgleich arbeitet auch Alexandra an ihrem Werk. Es stellt ihre Interpretation der Grafik "Pornocrates" von Félicien Robs aus dem Jahr 1878 dar. Diese zeigt eine nackte Frau mit verbundenen Augen. Um ihren Bauch weht eine blaue Schleife. Während zu ihren Füßen ein Schwein läuft, schweben darüber drei ebenfalls nackte Putten. So unterschiedlich wie die Motive der Künstlerinnen sind auch ihre Vorgehensweisen. Monika Schmidt malt "nach Schulbuch" behauptet Alexandra mit einem Lächeln. Das bedeutet so viel wie: Sie mischt die Farben erst auf der Palette und verwendet außerdem hauptsächlich hochpigmentierte Ölfarben, die nach traditionellen Methoden gemischt werden, während Alexandra lieber "aus der Tube" malt. Gerne malen die Frauen gemeinsam. Dabei wird viel gelacht. Die Freude an der Kunst steht im Vordergrund.

Und auch wenn nicht jedes ihrer Werke sofort verkauft wird, "findet jedes Bild irgendwann seinen Liebhaber", sagt Schmidt lächelnd. Sie präsentiert ihre Bilder zwei- bis dreimal im Jahr in Ausstellungen wie bei der örtlichen Kunstwoche Kleinsassen. Auch im Fuldaer VonderauMuseum stellt sie mit anderen Künstlern ihre Werke vor. Die Bilder kosten bis zu 4000 Euro, je nach Größe und Zeitaufwand. Dieser beträgt meist zwischen zwei Tagen und vier Wochen. Monika Schmidt arbeitet seit fast 30 Jahren freischaffend. Das war seit ihrer Kindheit ihr Traum, so erwarb sie viele ihrer Fähigkeiten schon früh autodidaktisch. Zunächst begann ihr beruflicher Weg jedoch als Schauwerbegestalterin beim Kaufhaus Kerber in Fulda und führte unter anderem über den Burda-Verlag.

Viele ihrer Inspirationen findet sie auf ihren Reisen. Auf Mallorca malt sie von tiefblauem Wasser durchflutete Buchten, spanische Zitronen- und Olivenbäume. Auch in Museen und in den Werken anderer Künstler findet sie potentielle Motive. Einer ihrer absoluten Favoriten bleibt allerdings ihre Heimat, die Rhön. Besonders die Steinwand, der Berg Milseburg oder auch der Wald um das Künstlerdorf Kleinsassen haben es ihr angetan. Die Kamera hat sie stets dabei, besser noch gleich ihre Malutensilien, denn kein Foto kann die feinen Farbnuancen der Natur hundertprozentig exakt wiedergeben. Dabei ergibt sich jedoch die Schwierigkeit, dass sich Licht und Schatten im Freien permanent verändern. Darum reicht die Zeit meist nur für eine kurze Skizze in Aquarell und nie für ein fertiges Bild, erst recht nicht für ein Ölgemälde.

Monika Schmidt ist damit beschäftigt, den leuchtenden, gelben Rosen auf ihrem Bild Zweige hinzuzufügen. Währenddessen wandert ihr Blick zum Fenster. Der blassblaue Himmel ist von sanften Wölkchen überzogen, die die untergehende Sonne zum Glühen bringt. Rosafarbenes und goldenes Licht erstrahlen über den Dächern. Sie steht auf und zückt begeistert ihre Handykamera, dabei streicht ein großer, roter Kater mit seidigem, langem Fell um die Beine. Findus und Filou, die beiden norwegischen Waldkatzen, leisten ihr im Atelier Gesellschaft. Gerne kuscheln sie sich auf die Heizung oder auf das Lammfell, das mit einer Vielzahl von Skizzen auf einem langen Tisch liegt. Diese Liebe zu Katzen sei in ihrer Branche typisch, sagt Monika Schmidt mit einem Augenzwinkern.

In den vergangen 35 Jahren gestaltete sie zum Osterfest Hunderte handbemalte oberhessische Brauchtumseier. Hierfür werden die zahlreichen, traditionell verankerten Muster und Motive wie Herzen für die Liebe, Sterne oder Ähren zunächst mit Hilfe einer Stahlfeder mit Bienenwachs aufgemalt. Danach färbt Schmidt das Ei blau, grün oder, wie in den meisten Fällen, rot. Zum Schluss schmilzt sie das Wachs ab, so dass ein Negativ der zuvor aufgetragenen Motive und Sprüche entsteht. Dass diese Arbeit zeitaufwendig ist, sieht man auf den ersten Blick. Denn jedes Ei ist nahezu gänzlich in Millimeterarbeit mit Mustern bedeckt. Neben einigen Brauchtumseiern stehen in einer Vitrine außerdem Dutzende weitere Ostereier. Sie sind zum Teil mit Ostermotiven wie Hasen und Eiern bemalt, zum Teil mit Veilchen, Schmetterlingen, Kirschblüten und Vögeln. Auch die Darstellung eines Dorfplatzes findet sich darunter. Denn gleich, in welcher Form, "Malen macht süchtig", lacht Monika Schmidt. Wer ihr zusieht und zuhört, bekommt Lust, es auch einmal zu versuchen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit kurzen Bewegungen lässt sie das Gras wachsen
Autor
Maja-Lina Lauer
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2017, Nr. 73, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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