Der Falkenflüsterer

Wolfgang Weller arbeitet mit acht Vögeln gleichzeitig

Wie heißt du?", fragt er. Susi wartet; ihre orangefarbenen Augen funkeln. Nach ein paar Sekunden antwortet sie mit krächzender Stimme: "Uhuuu". Der Falkner Wolfang Weller erklärt: "Das ist ihr Balzruf. Die Uhu-Dame ist ein menschenbezogenes Tier, da ich sie in der Wohnung mit der Hand aufgezogen habe." In seinem Garten, der so groß ist wie ein halbes Fußballfeld, beherbergt er 40 weitere Greifvögel, darunter Eulen, Uhus, Wüstenbussarde, Milane und Falken. Der 60-Jährige wohnt im Schwäbischen Wald bei Gschwend. Im Haus hängen unzählige Poster und Bilder von Vögeln. Angefangen habe alles mit einer Wellensittichzucht. Diese Tiere sind ihm heute aber zu klein und zu unspektakulär. Die Falknerei ist Wellers Lebensinhalt geworden. Er kann sich ein vogelfreies Leben gar nicht mehr vorstellen.

Der Tag des Betriebsratsvorsitzenden eines Metallunternehmens beginnt um 6 Uhr draußen bei den Vögeln. 40 Schnäbel müssen gestopft, 40 Gehege und Nistplätze regelmäßig gesäubert werden. Die Falknerei nehme vier bis fünf Stunden Arbeit täglich in Anspruch und das gesamte Wochenende. Ihn unterstützen drei Helfer in seinem Zweitberuf. Der Falkner, der sich darauf spezialisiert hat, Greifvögel zu züchten, verfüttert rund zehn Kilo Fleisch am Tag. Die kulinarische Vielfalt ist bemerkenswert, denn die Vögel vertilgen Mäuse, Tauben, Ratten, Hühner und Hasen. Ein Uhu wird bei einem Falkner bis zu 60 Jahre alt. Ein Adler kann in Obhut eines Falkners sogar bis zu 80 Jahre alt werden - viel länger als in der Natur, wo er Krankheiten bekommen kann und vielen anderen Gefahren ausgesetzt ist.

Die Falknerei wird auf der ganzen Welt betrieben, besonders in Saudi-Arabien, Kasachstan, in der Mongolei, in Italien, Spanien und China. In Deutschland sind 1500 bis 2000 Personen als Falkner aktiv. Die Falknerei gehört in Deutschland seit 2014 zur nationalen Liste des immateriellen Kulturguts. "Wenn die Falknerei ausstirbt, stirbt ein Kulturgut. Sie trägt zum Verständnis der Natur bei."

Jedes Wochenende widmet Wolfgang Weller ganz seiner Leidenschaft. Sonntags belädt er sein Auto und fährt mit den Tieren zur Burg Hohenneuffen bei Esslingen. Dort veranstaltet er Flugvorführungen, um sich seine Leidenschaft zu finanzieren und Kindern Achtsamkeit im Umgang mit Tier und Natur näherzubringen. Er und seine Helfer geben sich Mühe bei der Inszenierung, die häufig 500 Zuschauer miterleben: "Wir sind alle in mittelalterlichen Gewändern vor Ort. Von den Boxen kommt laute Musik. Dann fliegen die Vögel über das Publikum." Vom mittelalterlichen Schauspiel ist er selbst fasziniert. "Es ist diese enorme Geschwindigkeit, die mich reizt. Die Falken kommen teilweise mit einer Geschwindigkeit von rund 200 Kilometer in der Stunde angeflogen. Ich bin einer der wenigen Falkner, der in einem solchen Spektakel mit acht Falken gleichzeitig arbeiten kann."

Weller, der in der Falknerszene als Legende gilt, erzählt gern aus seinem Leben, in dem sich schon immer alles um Tiere drehte. Er habe schon Araber gezüchtet und 25 Jahre lang mit Wölfen, Luchsen und Bären im Freizeitpark Tripsdrill im Landkreis Heilbronn gearbeitet. In sogenannten Schaufütterungen stieg er persönlich in das Gehege und habe so auf spektakuläre Art und Weise die Tiere mit Nahrung versorgt. Das erfordere Mut und Kenntnis: "Ich kann die Sprache der Tiere. Wenn man sich richtig verhält, wird man von der Natur akzeptiert. Man denkt immer, dass Raubtiere gefährlich seien. Sie sind es aber nicht und würden einen Menschen nicht angreifen, wenn sie sich nicht angegriffen fühlten. Ich kann beispielsweise mit Mimik und Gestik einem Bären drohen." Er wurde trotzdem einmal von einem Bären in die Hand gebissen. Dies sei aber sein eigener Fehler gewesen, da er das Futter nicht richtig verteilt habe.

Er habe auch schon Vögel für Film- und Fernsehproduktionen ausgebildet. Etwa für die SWR-Dokumentation "Die Schwäbische Alb - Im Auge des Falken". Diese Ausbildung sei anspruchsvoll gewesen, denn er musste die Greifvögel dazu bringen, in Höhlen hineinzufliegen und wieder heraus. Die Tiere haben auch ihm viel beigebracht. Man müsse sie intensiv beobachten und ihr Verhalten richtig deuten. "Ich habe von ihnen gelernt, kleinste Veränderungen in meiner Umgebung wahrzunehmen", sagt der vierfache Großvater.

Sein mittlerweile 24 Jahre alter Uhu Susi hat schon öfters für Aufregung gesorgt: "Bei einem Freiflug im Frühjahr, als sie auf Partnersuche gegangen war, ist sie mitten in einer Stadt auf einer Ampel verharrt und hat Menschen angebalzt. Dabei hat sie sogar einen Verkehrsstau verursacht", erzählt Weller mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Falkenflüsterer
Autor
Christoph Unfried
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2017, Nr. 79, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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