Zehn Zentimeter über dem Alligator

Fette Beute für Vögel mit Schlangenhälsen, Brände im Buschland und neugierige Kanufahrer: mit einer deutschen Biologin durch die weitläufigen Mangrovenwälder der Everglades.

Hoch türmen sich weiße Wolken über den riesigen Weiten der Everglades in Florida. Ein Kleinbus mit drei Kanus auf dem Anhänger fährt auf der einsamen, in die Jahre gekommenen Straße, die in den Nationalpark führt. Durch weitläufige, von hohen Gräsern und Sumpfzypressen bewachsene Flächen geht es immer tiefer in den Nationalpark. Große, weiße Silberreiher mit langen Hälsen begutachten die Besucher von ihren Bäumen. Hier bietet die Biologin Caren Tautz-Kopania verschiedene Touren an und erklärt das einzigartige Ökosystem.

Abrupt bremst der Kleinbus: Eine Schildkröte überquert die Straße und verschwindet auf der gegenüberliegenden Seite im "Fluss aus Gras". Bis zum Horizont sieht man hohe Gräser und niedrige Bäume. Diese stehen im oft nur einige Zentimeter tiefen Wasser, das sich mit einem Meter in der Stunde Richtung Meer bewegt. "Das Wasser hier hat Trinkwasserqualität, da bei seinem gemächlichen Fluss durch das flache Florida alle Unreinheiten herausgefiltert werden", erklärt die blonde Frau, die vor acht Jahren in die Vereinigten Staaten auswanderte. Nachdem sie den geräumigen Achtsitzer am Ufer eines kleinen Sees geparkt hat, lässt die kleine Gruppe die Kanus ins Wasser. "Diese Seen wurden aus dem ursprünglich flachen Boden ausgehoben, um den Straßenbau durch die größtenteils überflutete Fläche möglich zu machen", erzählt die Biologin, die Bluse und kurze Hosen trägt und sich mit Kappe und Sonnenbrille vor der Sonne schützt.

Auf dem kleinen See erklärt sie die Steuerung der Kanus und zeigt, wie im dichten Mangrovengeflecht gewendet werden kann. "Kurz nach dem ersten längeren Aufenthalt aus Forschungsgründen hier in Florida, zogen wir als Familie nach Miami. Mein Mann war der neue Pfarrer der deutschen Gemeinde in Miami geworden. Ich verbrachte viel meiner freien Zeit wandernd und paddelnd im Everglades National Park. Für mich war es ein faszinierendes Erlebnis, in Südflorida die verschiedenen Ökosysteme zu besuchen, zu erkunden und zu erleben, wie diese einzigartige Lebensgemeinschaft funktioniert." Durch eine schmale Lücke in den Mangroven steuern die Kanus auf glasklarem Wasser in den nächsten See. "Eine natürliche Folge meiner Aktivitäten war, dass ich anfing im Everglades National Park und auch Biscayne National Park ehrenamtlich zu arbeiten."

Sie bot ein Programm in deutscher Sprache an und arbeitete bei Dragonfly Expeditions als Guide in Südostflorida, zeigte Kunden von Backroads unter anderem die Wunder der Zypressenwälder und führte bei Tours-in-the-Glades als Wilderness Guide Besucher durch den Everglades National Park. Aufgrund dieser Erfahrung und dem positiven Feedback entstand das Familienunternehmen German Tours Everglades LLC, berichtet die Biologin, die neben Kanutouren auch WetWalks und Nachtwanderungen im Nationalpark anbietet.

"Im Verlauf verschiedener Zyklen haben in den Everglades verschiedene Pflanzen und Tiere einen Vorteil. Im Sommer, der Regenzeit, ist eine größere Fläche überflutet, auf der sich die Fische dann verteilen. Deshalb bekommt man die Alligatoren seltener zu Gesicht. Wenn später das Wasser knapp wird, kommen die Fische zu den verbleibenden Wasserstellen. Hierhin folgen ihnen alle anderen Tiere, weil es dort fette Beute gibt." Im höheren, weniger nassen Land brenne nach ein paar Jahren das niedrige Buschland ab, und kleinere Pflanzen könnten wachsen. Dann beginne alles von vorne. Allerdings werde das natürliche Abbrennen durch menschliche Eingriffe gestört. Schon ein Waldweg kann die Ausbreitung des Feuers verhindern, so dass die Feuerwehr hin und wieder die paradoxe Aufgabe habe, den Wald kontrolliert abzubrennen.

Weiter geht es durch schmale Mangroventunnel tiefer in den Park. Unter Wasser sieht man Fische vorüberhuschen, auf einem Baum sitzt ein langhalsiger Vogel. "Diese Vögel nennt man Schlangenhalsvögel. Durch das Ausbreiten der Flügel trocknen sie nach der Jagd im Wasser schneller", erklärt die Biologin, die schon viel von der Welt gesehen hat. Von der Uni Marburg aus führten sie Forschungsreisen für Diplom und Promotion nach England, Israel, Ägypten, Indonesien, Honduras und in die Staaten.

Plötzlich entdeckt der elfjährige Junge im ersten Kanu einen Alligator, der ruhig unter dem Boot liegt. Von dem fast drei Meter langen Tier ist nur der Schwanz zu sehen, der Rest versteckt sich unter einem dichten Algenknäuel. Die Vorstellung, in einem Boot gerade mal zehn Zentimeter über dem Kopf eines prähistorischen Raubtieres zu sitzen ist für die Bootsinsassen ein wenig unheimlich. Nie sei es allerdings zu gefährlichen Situationen gekommen, versichert Tautz-Kopania. "Bei einer Kanufahrt habe ich einen Kampf von zwei männlichen Alligatoren erlebt. Der eine wurde vom anderen schnell durch das Wasser gejagt. Als er plötzlich in eine Sackgasse kam, kletterte er, gefolgt von dem anderen Tier, über die zwei Meter hohen Mangroven."

Neben zwei Alligatoren bekommen die Gäste auch Teile eines zerrissenen Tiers zu Gesicht, dessen abgetrennter Kopf 100 Meter entfernt vom Rest seines Körpers liegt. "Das war vermutlich das große Krokodil, das hier lebt. Aber das wundert mich sehr, da die Krokodile normalerweise friedlich neben den Alligatoren leben und keine Energie in den gegenseitigen Kampf stecken." Die Krokodile gehören zu den vielen seltenen und geschützten Arten in den Everglades, die den von Menschen zurückgedrängten Arten einen geschützten Lebensraum bieten. Auch Indianer besiedelten die Everglades, als die weißen Siedler vorrückten. Über die mangrovenumwachsenen Inseln, an denen die Kanus gemächlich vorbeitreiben, berichtet die Führerin: "Lange Zeit waren diese Inseln ein Versteck für Verbrecher und Schmuggler. So wurde während der Prohibition Alkohol in den Everglades gebrannt. Später wurde hier Kokain geschmuggelt. Beides hat seinen Teil zum Wohlstand und dem luxuriösen Lebensstil im nahen Miami beigetragen."

Ein Fischadler kreist schreiend über der Gruppe, die die Kanus an Land gezogen hat und verstaut. "Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich weiterhin vielen Menschen ein Verständnis für dieses großartige Ökosystem vermitteln kann."

Informationen zum Beitrag

Titel
Zehn Zentimeter über dem Alligator
Autor
Martin Krüger
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2017, Nr. 79, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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