Angst vor den fliegenden Teufeln

Häuser, Tiere, eigenes Ackerland: Ein Mann aus Venezuela hat einst armen Menschen im Breisgau das Paradies versprochen. Daran erinnert ein Verein.

He, do wachst d' Butter an dr Beim!", zitiert Bernd Meyer begeistert die Vorfahren von Lucia Schmuck-Bergmann und Ralf Muttach. Diese nicken zustimmend, denn die handballgroßen, cremigen Avocados, von denen die Rede ist, sind eines der vielen Dinge, die die beiden an ihrer Heimat vermissen. "Aber auf jeden Fall auch das Wetter! So kalt wie zur Winterzeit in Deutschland wird es in Venezuela nie." Lucia und Ralf stammen aus der Colonia Tovar, einer Siedlung an der Küstenkordillere Venezuelas, 70 Kilometer südlich der Hauptstadt Caracas. Die äquatornahe Lage 1800 Meter über dem Meeresspiegel und das milde Klima bieten ideale Voraussetzungen für die Landwirtschaft. Meyer, Vorsitzender des "Freundeskreises Tovar", beschreibt die Bewohner der Colonia Tovar als gastfreundlich. "Wir Tovarer sind fröhliche Menschen. Eigentlich immer gut gelaunt", bestätigt die 28-Jährige Lucia.

Trotzdem haben sie und Muttach vor dreieinhalb Jahren ihre Heimat verlassen und in Deutschland einen Neuanfang gewagt. Warum es sie in die badische Kleinstadt Endingen am Kaiserstuhl zog, hat mit der Gründungsgeschichte der Colonia Tovar zu tun. Der Endinger Bernd Meyer ist ein Fachmann auf diesem Gebiet. Im Rathaus der Stadt, im Tovar-Museumsstüble, erklärt er Besuchern anhand von Schautafeln, dass im Sommer des Jahres 1842 zwei Männer im Endinger Gasthaus Pfauen Quartier bezogen. Einer der beiden, ein venezolanischer Kartierer und Lithograph namens Salvador Codazzi, war von der Regierung beauftragt worden, im Ausland um Siedler für die unbevölkerten Gebiete des südamerikanischen Staates zu werben. Er reiste in Begleitung des Endingers Alexander Benitz, den Codazzi in Paris kennengelernt und der ihn auf die Idee gebracht hatte, den Menschen im Breisgau die Auswanderung nach Venezuela schmackhaft zu machen. "Codazzi hat ihnen das Paradies versprochen. Häuser, Tiere und eigenes, fruchtbares Ackerland", erzählt Meyer. Die meisten Menschen in Baden litten damals unter den Folgen mehrerer Missernten. Von Hungersnot und Armut geplagt, sahen sie eine Chance auf ein besseres Leben. So fuhren 375 Siedler, die meisten aus dem Breisgau und dem Kaiserstuhl, Mitte Dezember 1842 auf selbstgezimmerten Holzkähnen nach Le Havre, von wo aus sie die Reise nach Venezuela antraten. Ihre Atlantiküberquerung war von einem wochenlangen Kampf gegen Hunger und Krankheiten geprägt.

"Bei ihrer Ankunft am 8. April 1843 wurden sie allerdings bitter enttäuscht. Von einem Paradies war dort nichts zu sehen, stattdessen standen die armen Leute vor einer kahlen, brandgerodeten Fläche, mitten im Urwald", berichtet Meyer. Mühevoll bauten sie eine Siedlung und machten das Land nutzbar. Bis heute werden sie darum von den Einheimischen aus Bewunderung für ihre Leistungen als harte Arbeiter bezeichnet. Durch den Urwald abgetrennt von jeglicher Zivilisation, entwickelte sich die Colonia Tovar über lange Zeit hinweg völlig autark. Die Menschen behielten Strukturen und Traditionen bei, die es in Venezuela so nirgends gab: Sie wählten einen Bürgermeister, gründeten ein Standesamt und ein Gemeindeblatt, brauten Bier, bauten Fachwerkhäuser. Der südbadische Dialekt, der noch heute in einigen Tovarer Familien gesprochen wird, war identifikationsstiftend: Liedgut, Musik, Geschichten und Gedichte überlieferten sich. Erst 1963 wurde durch den Bau einer Handelsstraße zwischen Caracas und Tovar der Zuzug von Venezolanern und der Einzug des technischen Fortschritts in die Colonia ermöglicht. Ralf Muttach schmunzelt beim Gedanken an seine Vorfahren, die sich vor Flugzeugen und Autos betend auf den Boden warfen, überzeugt, es handele sich dabei um fliegende Kreuze und feuerspuckende Teufel.

Tovar entwickelte sich zu einer beliebten Touristenattraktion. Der Kontakt zur deutschen Heimat ging nie verloren. Bernd Meyer selbst war bereits regelmäßiger Gast in Tovar. Der 66-Jährige erinnert sich genau, wie überwältigt er war, als er zum ersten Mal in der Colonia ankam. "Man fühlt sich dort mitten im Dschungel fast wie daheim. Alle Straßen und Geschäfte haben deutsche Namen. Übernachtet haben wir zum Beispiel im Hotel Freiburg." Außer der herzlichen Art der Einwohner beeindruckten ihn die Flora und Fauna rund um das Siedlungsgebiet. Vor 20 Jahren fanden sich weitere Begeisterte in Endingen zusammen, die den "Freundeskreis Tovar" gründeten. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Verbindung zu ihren venezolanischen Landsleuten zu erhalten und dafür zu sorgen, dass in Tovar die Gründungsgeschichte nicht in Vergessenheit gerät. "Unter den Jungen wird heute leider kaum noch der alemannische Dialekt gesprochen", bedauert Meyer "Er gilt dort mittlerweile als Bauerndialekt."

So musste Lucia nach ihrer Ankunft am Kaiserstuhl erst einmal Deutsch lernen. Meyer unterstützte sie. Er hilft jedem Besucher aus Tovar, so gut er kann, und versucht, eine passende Bleibe zu finden. Seit einigen Jahren bekommt er immer häufiger Anfragen von jungen Tovarern, die in Deutschland eine Ausbildung machen und Geld verdienen wollen. Dies liegt in erster Linie an der schlechten wirtschaftlichen Situation Venezuelas. Hunger, Arbeitslosigkeit und Kriminalität bestimmen in vielen Teilen des Landes das Leben. Entführungen und Lösegelderpressungen sind an der Tagesordnung. Davon blieb auch ein Gemüsehändler aus der Colonia nicht verschont. Vor den Augen seiner Familie wurde dieser von einer Gruppe Bewaffneter verschleppt. Seine Eltern erhielten eine Lösegeldforderung. "Sie mussten sich von sämtlichen Bekannten Geld leihen und haben sogar Spenden im Dorf gesammelt. Jetzt haben sie Schulden bis an ihr Lebensende", sagt Meyer fassungslos.

Der Krankenschwester Lucia Schmuck-Bergmann macht vor allem die fehlende medizinische Versorgung zu schaffen: "Es gibt dort einfach keine Medikamente mehr. Wer ins Krankenhaus muss, kann nur behandelt werden, wenn er seine Medikamente und sogar die nötigen Geräte selbst mitbringt. Es ist eine Katastrophe." Noch im Februar vergangenen Jahres hat sie während eines Heimatbesuchs die schlimmen Zustände hautnah miterlebt. Heute würden weder sie noch Ralf Muttach eine solche Reise riskieren. Zumal für den 42-Jährigen nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Entwicklung Venezuelas der Grund für seine Auswanderung darstellte. Er ist sich sicher: "Solang sich dert nix ändert, gang i nimmi zruck."

Informationen zum Beitrag

Titel
Angst vor den fliegenden Teufeln
Autor
Elena Kost
Schule
Gymnasium Kenzingen , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2017, Nr. 101, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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