Gutes Rad ist teuer

Rhönradfahren ist alles andere als Mädchenkram

Es ist Turnen mit einem außergewöhnlichen Sportgerät", antwortet Nina Hübner auf die Frage, wie sie Rhönrad beschreiben würde. Sie macht den Eindruck einer entspannten, lockeren Person, die sich begeistert einmal in der Woche diesem Sport widmet. Sobald sie sich jedoch in das Rhönrad stellt, das seinen Ursprung tatsächlich in der Rhön hat, löst sich ihre Lässigkeit in Luft auf.

Ein Rhönrad besteht aus zwei großen Stahlreifen, die mit einem Gummizug überdeckt sind, so dass es sich leichter auf dem Turnhallenboden rollen lässt. Diese zwei Reifen sind durch sechs Sprossen, die einen festgelegten Abstand voneinander haben, verbunden. An zwei dieser Sprossen sind Bretter mit Schlaufen für die Füße zum "Einsteigen" befestigt. Durch Hinundherschaukeln des Rades setzt es sich in drehende Bewegung. Die gestreckten Beine und angespannten Arme der Turnerin sind deutlich zu erkennen, sie bewegen und bremsen das Rad.

Wie kommt man zu diesem Sport, der in der Öffentlichkeit wenig präsent ist? Tatsächlich hat jedes der 13 Mädchen der Abteilung Rhönrad des ESV Dresden seine eigene Geschichte. Nina Hübner, vom Aufwärmen bereits leicht errötet, erzählt: "Ich war früher bei Akrobatik, und da habe ich bei einem der Auftritte die Rhönräder gesehen. Als ich keine Lust mehr auf Akrobatik hatte, bin ich zu Rhönrad gegangen." Auch auf die Frage, warum das Rhönradturnen so selten geworden ist, haben die Dresdner Sportlerinnen verschiedene Antworten. Zum einen ist ein Rhönrad groß, schwer und teuer. Eine Person allein kann ein Rad mit einem Gewicht von ungefähr 25 Kilogramm nicht allein transportieren. Dazu benötigt man eine Gruppe von Helfern, gern starke Männer, die das Rad in einen Anhänger heben. Der Preis für ein Rhönrad liegt zwischen 1200 und 1900 Euro, abhängig von der Größe und der Qualität.

"Viele verstehen einfach nicht, wie viel Kraft und Körperbeherrschung dahinterstehen, und finden, es sei Mädchenkram", klagt Turnerin Anne Töpfer. Rhönrad ist dabei gar keine reine Mädchensportart, da es bei den Meisterschaften sowohl einen Frauen- als auch einen Männerwettkampf gibt. Jedoch braucht es viel Ausdauer, Disziplin und Körpergefühl, da Rhönrad eine Mischung aus Turnen, Akrobatik und Gymnastik ist.

Generell können beim Rhönradturnen nur zwei Arten von Unfällen passieren: Entweder der Turner fällt aus dem Rad heraus, oder er fährt mit dem Rad über ein Körperteil, wie zum Beispiel einen Finger. Laut den Turnerinnen aus Dresden kommt dies allerdings selten vor, da sich die Sportlerinnen meist durch das Beobachten und eventuelle Eingreifen gegenseitig absichern und kontrollieren. Es gibt eine große Auswahl an verschiedenen Übungen. Zum Beispiel kann man sich in einem Rhönrad vertikal um 360 Grad drehen und dabei verschiedene Turnelemente ausführen, wie etwa den Spagat, einen sogenannten Mercedesstern oder einen Freiflug. Als Nina diesen turnt, sind lediglich ihre Füße in dem Rad befestigt, und sie dreht sich eine Runde über ihren Kopf, ohne herauszufallen oder die Spannung zu verlieren. Dabei sieht man ihre Beine leicht zittern vor Anstrengung und ihre Arme sind fest gestützt in die Hüfte, damit sie nicht herumbaumeln.

Man kann ebenfalls das Rad wie einen Ring auf dem Boden drehen, wobei der Turner sich dann darin befindet und sich mit einem Arm, zwei Armen oder nur einem Fuß abstützt. Dieses Element nennt sich Spirale und ist sowohl bei den Dresdner Turnern als auch bei dem heimischen Publikum gern gesehen, da es für Aufregung sorgt. Die Schwierigkeit ist es, das Rhönrad unter Kontrolle zu halten und nichts dem Zufall zu überlassen.

Trotz der außergewöhnlichen Übungen wird kaum Werbung für den Sport gemacht, da schlicht und einfach das Geld dafür fehlt. Es reicht meist gerade so für qualitativ angemessene Geräte. Dadurch wird kaum das Interesse der Öffentlichkeit geweckt. Das Ziel der verbliebenen 230 Vereine in Deutschland ist es, das Rhönradturnen am Leben zu erhalten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dafür engagieren sich mittlerweile immer mehr Menschen, auch aus anderen Sportvereinen. Erste Schritte sind getan, das Rhönrad ist eine wettkampfbewertete Sportart und existiert als Showturnen.

"Bei einem Mal Training in der Woche von zwei Stunden braucht man gar nicht von Wettkämpfen zu reden. Wir haben gelegentlich Auftritte bei Festen oder anderen sportlichen Wettkämpfen und sind darüber sehr froh. Mehr schaffen wir nicht, und das reicht uns vollkommen", sagt Nina Hübner. Bei Stadtfesten oder Sportveranstaltungen wird meistens eine Show mit einstudierten Turnelementen in Rhönrädern präsentiert, während Filmmusik abgespielt wird. "Bei der Show Anfang 2016 turnten wir zu der Musik von Two Steps from Hell, einem Unternehmen, das Musik für Videospiele und Filme produziert, und die Zuschauer waren vollständig in den Bann gerissen", sagt Anne Töpfer.

Reicht das, um eine ganze Sportart zu retten? Die Ergebnisse der Rhönrad WM 2015 oder des Team-World-Cup, der 2014 sogar in Berlin stattfand, wurden weder im Radio noch im Fernsehen veröffentlicht. Bei der WM in Italien gewann Deutschland im Rhönradturnen 15 Goldmedaillen, doch das ging an der Öffentlichkeit spurlos vorbei.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gutes Rad ist teuer
Autor
Franziska Kühn
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2017, Nr. 106, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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