Neun Monitore im Blick

Der Sendeleiter von N24 ist die Schnittstelle zur Regie. Hauptsache nicht überziehen und keine Lücken lassen.

Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins: "Guten Abend, meine Damen und Herren", durchdringt die Stimme der Nachrichtenmoderatorin die Stille. Sie sitzt in einem Raum vor einer halb durchsichtigen Glaswand hinter einem kleinen Pult. Von der Decke hängen Scheinwerfer. Durch die starke Beleuchtung sieht man die Puderpartikel umherschwirren, die einen Moment vor der Live-Schaltung auf dem Gesicht der Moderatorin verteilt wurden. Sie lächelt freundlich in die Kamera. Doch noch erfreuter schaut derjenige, der die Moderatorin gerade eingezählt hat, Peter Sieg, Sendeleiter bei N24, einem Sender, der seinen Schwerpunkt auf Nachrichten und Zeitgeschehen gelegt hat und seit Ende 2013 zum Axel-Springer-Konzern gehört.

"Zu den Aufgaben eines Sendeleiters gehört es, den Programmplan zu kontrollieren und ihn sendefertig zu machen", erklärt Sieg. "Man muss überprüfen, ob beim Einbau der Werbung die Werberichtlinien berücksichtigt und die Sendezeiten eines Films im Hinblick auf den Jugendschutz beachtet wurden." Auch der Sender selbst habe sich Richtlinien auferlegt, die eingehalten werden müssten, zum Beispiel dass keine Szenen der Gewalt gezeigt werden.

Peter Sieg ist 62 Jahre alt, hat volles, graumeliertes Haar und ist von gemütlicher Natur. Er trägt eine Jeans, einen schwarz, weiß und grau gestreiften Pullover und Turnschuhe. Bevor er vor 16 Jahren seine Tätigkeit bei N24 aufnahm, war der gelernte Fernsehtechnikmeister und Diplom-Ingenieur für Elektronik und Informatik in der EDV-Branche tätig. An diesem Morgen kommt er mit der S-Bahn zur Arbeit in das Studio am Potsdamer Platz in Berlin. Sieg hat einen Acht-Stunden-Tag vor sich. Seine Arbeitszeiten können je nach Früh-, Mittel- und Spätschicht variieren.

Beim Betreten des Gebäudes muss Sieg seine Chipkarte vorzeigen, auch am Fahrstuhl wird dieser Vorgang wiederholt. "Nach den Anschlägen in Paris auf ,Charlie Hebdo' wurden die Sicherheitsmaßnahmen bei N24 verschärft", erläutert er. Die Türen auf den Gängen sind schwer und schusssicher. Sie erinnern ein wenig an einen Hochsicherheitstrakt.

Im Gegensatz dazu steht das lichtdurchflutete Großraumbüro mit Glasfront und hellem Teppichboden, in dem der Sendeleiter seinen Arbeitsplatz hat. An einem Stahlschrank sind Postkarten und Bilder von Kindern der Mitarbeiter angeheftet. Etwa 20 Tische sind in dem Raum paarweise oder zu viert zusammengestellt. Sie erinnern an Gruppentische in der Schule, wäre die Sicht auf den Gegenübersitzenden nicht durch Monitore versperrt.

Zusammen mit der Sendeleitung sitzt die Programm-, Doku- und Trailerplanung im Büro. "Zunächst erstellt die Programmplanung das Gerüst der auszustrahlenden Sendungen", erklärt Sieg den Ablauf. "Die Dokuplanung sucht dann die für N24 typischen Dokumentationen aus den Archiven heraus. Danach macht sich die Trailerplanung daran, die Trailer, also die Programmvorschauen zwischen den Filmen, zu planen." Sobald diese Vorbereitungsphase abgeschlossen ist, nimmt der Sendeleiter die Arbeit auf und beginnt mit der Koordinierung und Überprüfung der geplanten Sendung.

Siegs Schreibtisch ist einfach zu erkennen. Während auf den Tischen der Trailer- oder Programmplaner nur drei Monitore stehen, ist der Tisch des Sendeleiters mit neun Monitoren ausgestattet, die manchmal auch noch gleichzeitig mehrere Kanäle zeigen. Dadurch soll eine schnelle Reaktionsfähigkeit gewährleistet sein, um Sendeausfälle und andere Probleme zu vermeiden. "Es kam schon öfter vor, dass ein Bagger die Leitung unterbrochen hat", berichtet Peter Sieg. Damit in solchen Fällen schnell gehandelt werden kann, sei die Beobachtung des Sendesignals notwendig. "Multitasking ist eine Voraussetzung für diesen Beruf. Man hat drei bis vier auditive Informationen, die man abarbeiten muss, und gleichzeitig muss man hören, woher sie kommen, aus der Regie oder der Redaktion zum Beispiel. Man muss währenddessen auch telefonieren können und den Plan im Kopf haben, so dass keine Lücken entstehen", erklärt er. Lücken könnten zum Bespiel dann entstehen, wenn ein Beitrag durch einen tagesaktuellen Bericht ausgetauscht wird, der nicht die gleiche Länge hat.

Was jetzt auf dem Computer zu sehen ist, besteht aus vielen farbigen Streifen, die im ersten Moment an eine neue Version von Tetris erinnern. Doch die Farben seien unwichtig, sagt Sieg. Vor ihm befindet sich der Sendeplan des nächsten Tages. Er prüft und kontrolliert, ob alles im Rahmen ist, die Zeiten der Sendungen stimmen und die Werberichtlinien eingehalten wurden. Die Werbezeit je Stunde darf zwölf Minuten nie überschreiten, sonst muss der Sender ein hohes Bußgeld bezahlen.

Der Sendeleiter ist die Schnittstelle zur Regie und sämtlichen anderen Abteilungen, die an der Ausstrahlung beteiligt sind. Er sagt der Regie unter anderem, wann eine Sendung beginnt und ob die Sendestruktur umgebaut wurde, und er kontrolliert die Technik, das heißt die Qualität von Bild und Ton. "Stressige Momente sind Sondersendungen, insbesondere Live-Sendungen, wenn der ganze Sendeplan während des laufenden Betriebs aufgrund neuer Ereignisse umgestellt werden muss", erzählt er schmunzelnd.

Doch in manchen Momenten ist ihm gar nicht zum Lachen zumute. Das Schlimmste, was Sieg passiert ist, war, dass jemand den Sendeplan gelöscht hat und plötzlich nur noch Schwarz auf dem Bildschirm zu sehen war. In solchen Fällen sind starke Nerven, Improvisationstalent und EDV-Kenntnisse gefragt. Durch viele Bemühungen und seine Vorbildung konnte er das Problem schließlich lösen und einen fast reibungslosen Sendeablauf wiederherstellen, dessen Lücken für den Zuschauer fast unbemerkt blieben.

Trotz Stress und Anspannung mache ihm der Beruf immer Spaß, da es nie einen festen Plan gebe, sondern jeder Tag anders und aufregend sei, schwärmt Sieg. Die Einzigen, die unter seinem Beruf zuweilen litten, seien seine Familienmitglieder. "Bei gemeinsamen Fernsehabenden fällt mir natürlich jeder Fehler auf. Ich könnte manchmal so einen Hals kriegen, wenn ich das Gestammel mancher Reporter höre. Das dürften sie bei uns nicht", behauptet er. "So etwas nervt dann meine Familie", lacht er und wendet sich wieder seinen Monitoren zu.

Informationen zum Beitrag

Titel
Neun Monitore im Blick
Autor
Julia-Katharina Schiller
Schule
Katholische Schule Liebfrauen , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2017, Nr. 118, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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