Elend in den Gassen

Ruth Humbel über ihre Arbeit mit traumatisierten Drogensüchtigen in Zürich

Wie soll ich das beschreiben? Es war das totale Elend." Ruth Humbel lässt die Bilder vom Platzspitz nochmals durch den Kopf gehen. Zwölf Jahre lang arbeitete die 72-Jährige in der Drogenhilfe. Bei einem Stück Schokoladenkuchen berichtet die Hausfrau aus Hirzel im Kanton Zürich, wie sie sich beim Zürcher Interventions-Pilotprojekt ZIPP-Aids, das sich dem Kampf gegen Aids unter Drogenkonsumenten verschrieben hat, und in einer Drogenberatungsstelle für die Abhängigen eingesetzt hat.

Die Medizinische Praxisangestellte arbeitete im Krankenhaus und in einer Arztpraxis. Später bekam sie Kinder und war zehn Jahre nicht berufstätig. 1990 begann Ruth Humbel die Arbeit beim ZIPP-Aids und machte berufsbegleitend eine Ausbildung in Gestalttherapie in Zürich. "Ich arbeitete in stundenweisen Einsätzen zwei- bis viermal pro Woche am Platzspitz", erklärt sie in Zürcher Dialekt. "Unsere Aufgabe dabei war es hauptsächlich, saubere Spritzen für die Heroinabhängigen zu verteilen. Dadurch konnten wir verhindern, dass sich die dem Heroin verfallenen Menschen mit dem HI-Virus infizierten." Mit anderen Angestellten und einem Arzt leistete sie erste Hilfe zum Beispiel bei Atemstillständen. Auf diese Unterstützung waren vor allem die Süchtigen mit einer Überdosis angewiesen. Die Zustände am Platzspitz, dem Park hinter dem Landesmuseum in Zürich neben dem Hauptbahnhof, waren bis zur Schließung 1992 so katastrophal, dass sogar in der "New York Times" vom "Swiss Needle Park" die Rede war. "Die Situation war rein hygienisch schon fatal. Es gab keine Toiletten, der Boden war voller Blut, Urin, Fäkalien und dreckigen Spritzen", sagt Humbel. "Dabei erinnere ich mich an den Sommer 1991, als ich den Süchtigen die Bandagen ausgewechselt habe, denn darunter machten es sich kleine Maden bequem." Damals habe es eine gewisse Hierarchie in der Drogenszene gegeben. "Sie reichte vom gutverdienenden, integrierten Banker bis zum total verwahrlosten Konsumenten." Dazu gehörten natürlich auch Kriminelle. "Die Drogenmafia war vor Ort, es wurde gedealt und konsumiert, und auch Kontakte respektive Drogenquellen wurden ausgetauscht. Man bekam einfach alles mit", sagt sie mit ihrer auffallenden, tiefen Stimme. "Während der Gassenarbeit am Platzspitz habe ich einmal eine junge, drogensüchtige Frau gepflegt, deren Unterarme vollkommen verätzt waren. Ich erfuhr später, dass die Frau ihre Schulden bei ihrem Dealer nicht begleichen konnte und zur Strafe mit Säure übergossen wurde." Ruth Humbel kümmerte sich auch neben ihrer Arbeit um die Süchtigen. "Nach der Arbeit habe ich häufig mit Betroffenen gesprochen. Leute, die rückfällig wurden, sind zu mir gekommen und haben um persönliche oder körperliche Hilfe gebeten." Sie vermittelte Informationen zum Drogenausstieg, zur Überlebenshilfe, kontaktierte Angehörige. Ein Vertrauensverhältnis zu den Abhängigen aufzubauen war schwierig, da viele schwer traumatisiert, physisch und psychisch verletzt und entsprechend misstrauisch und vorsichtig waren. "Die Süchtigen sagten, dass ich ihre Sprache gesprochen habe. Ich konnte mich in sie hineinfühlen", sagt Ruth Humbel. In den Gesprächen ging es auch um Prostitution. Dabei musste Kontakt zur Polizei hergestellt werden, da von Seiten der Süchtigen oftmals Anzeigen wegen Vergewaltigung erhoben wurden. Humbel vermittelte auch hier.

Nach der Schließung des Platzspitzes verlagerte sich die Drogenszene auf den Letten am rechten Ufer der Limmat, nur wenige hundert Meter entfernt, auf ein stillgelegtes Bahngleis. Ruth Humbel eröffnete ihre eigene Drogenberatungsstelle namens Sansibar. "Am Morgen konnten die Drogenabhängigen ohne Anmeldung einfach hereinspazieren und das Gespräch suchen. Wir führten Einzelgespräche, aber auch Gespräche mit Eltern und Verwandten." Viele Eltern suchten ihre süchtigen Kinder vor Ort. Tragischerweise gab es einzelne Fälle, wo die Eltern selbst in der Szene hängenblieben.

In der Beratungsstelle wurden auch Gruppentreffen und Nachsorgegruppen mit Abhängigen organisiert, die aus der Szene aussteigen wollten. Humbel begleitete manche in die Entzugsstationen oder zu Vorstellungsgesprächen für stationäre Therapien. Besuche im Krankenhaus gehörten ebenfalls dazu. Den Rest ihrer Arbeitszeit verbrachte sie draußen. "Das Schlimmste an der Gassenarbeit war, wenn jemand starb, den man kannte, oder, noch schlimmer, mit dem man eine halbe Stunde zuvor gesprochen hatte." Sie habe versucht, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. "Ich konnte den Menschen den Rücken stärken, jedoch mussten sie selbst vorwärts laufen." Der Platzspitz, wo sich zeitweise 3000 Drogensüchtige aus ganz Mitteleuropa niedergelassen haben, wurde nach der Schließung 1992 aufpoliert. Aus hygienischen Gründen musste ein halber Meter Erde aufgefrischt werden. Heute dient das Areal als Erholungspark.

Informationen zum Beitrag

Titel
Elend in den Gassen
Autor
Léon Thommen
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2017, Nr. 123, S. 28
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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