Absturz nach dem Schmerz

Der Tod seines Sohnes hat Maurizio lange aus der Bahn geworfen

Die Kinder waren es, die mein Leben verändert haben. Sie haben mir neue Kraft zum Weitermachen gegeben. Keinem Arzt ist das bis dahin gelungen." Maurizio sagt das mit einem Lächeln. Oberschüler, die dort zum jährlichen "Fest der Decken" auf dem Bozener Mazzini-Platz mit Menschen, die auf der Straße leben, frühstücken und Decken für den Winter sammeln, fragten Maurizio nach seinem Leben. Seitdem besucht er italienischsprachige Meraner Schulen, um seine Geschichte zu erzählen. "Die jungen Leute denken, sie können nichts Großes ausrichten. Doch etwas Größeres hätten sie für mich nicht tun können, als mir zuzuhören und ein Lächeln zu schenken." Der 60-Jährige lebt im Haus der Gastfreundschaft in Bozen, einer Einrichtung der Caritas, die bis zu 33 Obdachlose beherbergt. In einem kleinen, düsteren Raum im Untergeschoss stehen in der Ecke ein verstaubter Computer und Kisten. Hier erzählt der Clochard - die Bezeichnungen Senzatetto, Obdachloser, oder Barbone, Penner, findet er entwürdigend -, wie er dahingekommen ist. Die Hände hat er auf seinen runden Bauch gelegt. Jeder Atemzug ist eine Anstrengung. Tiefes Husten schüttelt ihn immer wieder. 20 Jahre auf der Straße haben Spuren hinterlassen.

Maurizio wuchs mit drei Schwestern in Partschins, einer kleinen Ortschaft westlich von Meran, auf. Als er elf Jahre alt war, starb sein Vater an einem Tumor. So musste er nach fünf Jahren die Schule abbrechen und arbeiten gehen, um die Familie finanziell zu unterstützen. In Ulten machte er eine Lehre als Koch. Nach einigen Jahren kehrte er nach Meran zurück. In einer Bar unter den Lauben habe er seine zukünftige Frau getroffen, erzählt er wenig begeistert. "Dann hat die Falle zugeschnappt." Sie heirateten und bekamen einen Sohn - Ivan. Die Ehe hielt nicht lange. Maurizios Frau verließ ihn wegen eines anderen Mannes. Also zog er zurück ins Elternhaus, Sohn Ivan blieb bei seiner Mutter.

Zwei Jahre später geschieht das, was Maurizios Leben von Grund auf veränderte. Es ist Winter und ein Nachbarsjunge, der Führerscheinneuling ist, will gemeinsam mit Maurizios Sohn eine Runde mit dem Traktor fahren. Das Gefährt kommt von der Straße ab und stürzt einen Hang hinunter. Der Nachbarsjunge kann sich retten, Ivan wird unter dem Traktor begraben. Als Maurizio ihn im Krankenhaus in die Arme nimmt, habe er sich angefühlt "wie eine Puppe aus Gummi". Ivan war tot. Am Tag der Beerdigung ist Maurizios Schmerz so groß, dass er keinen anderen Ausweg sieht, als sich zu betrinken. Eine ganze Kiste Wein habe er geleert. Zwei Tage liegt Maurizio im Koma. "Es gab für mich nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnte." Zum Arbeiten hat er keine Kraft mehr. Bald verliert er seine Stelle. Kurz darauf stirbt seine Mutter. Damit bricht für ihn die letzte Stütze weg. Mit der Mutter verliert er die Wohnung. Er verbringt die Nächte auf einer Bank vor der Friedhofsmauer in Meran, Sohn Ivan liegt direkt dahinter. Seinen Schlafsack hat er immer dabei, sein einziger treuer Begleiter, den er aufbewahrt. "Mein Geld musste ich für Anwälte und Gerichtsverhandlungen wegen der Scheidung ausgeben. Mit dem letzten bisschen, das mir noch blieb, bezahlte ich den Sarg meines Sohnes." Die Ärzte schicken ihn aufgrund seiner starken Depressionen in ein Südtiroler Therapiezentrum nahe Brixen. Mehrmals versucht er sich das Leben zu nehmen, erzählt er traurig und gleichzeitig dankbar darüber, dass es ihm nie gelungen ist.

Ein Jahr vergeht, bis er beschließt, Meran hinter sich zu lassen. Für ein Ticket hat er kein Geld, er fährt immer so weit, bis ihn ein Schaffner aus dem Zug wirft. So gelangt er bis Tarent in Apulien, kehrt aber bald wieder zurück in den Norden. In Florenz, Asti und Turin verbringt er einige Zeit. Auf dem Heimweg nach Südtirol macht er einen Zwischenstopp in Mailand. Dort schläft er im Parco Lambro, einem der berüchtigtsten Plätze in ganz Italien. Gewalt, Prostitution und Drogenhandel sind hier an der Tagesordnung. "Hier überlebst du nur, wenn du mit einem Auge offen schläfst." So schnell es nur geht, verlässt Maurizio den Ort.

Er ist lange Zeit in Cortina, wo ihn eine Familie aufnimmt. Sie kaufen ihm Kleider und feiern mit ihm Weihnachten. In der Silvesternacht schleicht er sich davon, weil er nicht länger zur Last fallen will. "Ich hatte nicht den Mut, mich zu bedanken, und hinterließ ihnen bloß einen Abschiedsbrief." Er fährt nach Trient, wo ihn die Familie verzweifelt anruft. Das Handy ist das seines Sohnes, das er seit dessen Tod bei sich trägt. Er erklärt, dass er nach Hause zurückkehren will - ein Zuhause, das er schon lange nicht mehr hat.

Seit er auf der Straße lebt, rührt Maurizio keinen Alkohol mehr an. Von Schlägereien hält er sich fern. Nie hat er etwas verbrochen. Sein Strafregister ist leer, erklärt er stolz. Meist ist er allein unterwegs. "Die anderen trafen sich oft, um sich gemeinsam zu betrinken. Ich machte da aber nicht mit. Lieber setzte ich mich irgendwo allein mit meiner Wasserflasche hin." Maurizio erzählt von einer Frau aus Polen, mit der er längere Zeit verbrachte. "Die Nacht über blieben wir aber nie zusammen. Auf der Straße muss sich jeder seinen eigenen Platz zum Schlafen suchen." Ein Mann und eine Frau dürfen die Nacht nie gemeinsam verbringen, das besagt ein ungeschriebenes Gesetz, das auf der Straße gilt. "Es würde nur Eifersucht und Hass bei den anderen auslösen." Auf die Frage, ob er nie um Geld gebettelt habe, antwortet er mit einem klaren Nein. Nur einmal, als er von einer Essensausgabe der Caritas erfuhr, bei der man für 50 Cent essen kann, habe er eine Frau um Hilfe gebeten, da er selbst keinen Cent besitzt. Diese habe ihm nachgeschrien, dass er arbeiten gehen solle, und ihn beschimpft. Gekränkt berichtet er, wie Menschen die Straßenseite wechseln, um ihm nicht begegnen zu müssen. "Auch wenn du die Straßenseite wechselst, sobald du mich siehst, bist du trotzdem wichtig für mich. Ich aber bin für dich nicht da. Ich bin unbedeutend und unwichtig." Wieder muss Maurizio wegen Depressionen in Therapie. Danach wird er in das Obdachlosenheim überwiesen, in dem er seit zweieinhalb Monaten lebt. Maurizio hat kurz geschorene, weiße Haare und buschige graue Augenbrauen. Er sieht ein bisschen einem Weihnachtsmann ähnlich, der sich von einer anstrengenden Saison erholen muss. Bald wird er eine eigene Wohnung in Bozen beziehen. Darüber ist er glücklich. Er musste in seinem Leben vieles ertragen, trotzdem ist er nicht verbittert. "Hass sollte niemand in sich tragen." Diese Dinge will Maurizio den Schülern näherbringen und ihnen klarmachen, dass auf dieser Welt jeder zählt und alle wichtig sind - egal, ob reich oder arm.

Informationen zum Beitrag

Titel
Absturz nach dem Schmerz
Autor
Valentina Eisendle
Schule
Oberschulzentrum Sterzing , Sterzing
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2017, Nr. 123, S. 28
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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