Betteln ist keine Option

Ivars hat sein gutes Leben in Lettland hinter sich gelassen und ist in Berlin gestrandet. Dort fasst er keinen Fuß. Unter anderem scheitert der junge Mann an der Sprache.

Wenn man auf der Straße lebt, ist die größte Herausforderung das Leben an sich", sagt Ivars (Name geändert). Der 32-Jährige ist lettischer Abstammung, lebt seit zweieinhalb Jahren in Berlin. Mittlerweile ist er obdachlos. "Ich wollte nie auf der Straße landen", räumt er mit ernüchtertem Gesichtsausdruck ein, "doch meine Situation nimmt mir jede Perspektive." Der große, schlanke Mann hat seine Suppe vor sich, die er wöchentlich bei der Berliner Obdachlosenhilfe e.V. mit Sitz im Wedding abholt. Die Arbeit der freiwilligen Helfer bewundert Ivars. An großen Anlaufplätzen wie dem Alexanderplatz oder dem Kottbusser Tor bietet die Obdachlosenhilfe, bestehend aus engagierten Ehrenamtlichen, ihre Hilfsangebote für Bedürftige an. Mit anderen Obdachlosen habe er nicht viel Gemeinsames, "außer gelegentlich den Schlafplatz". Er sei nicht der Mensch, "der sich dauerhaft in einer Gemeinschaft von Leuten aufhalten muss". Es gefalle ihm auch, für sich allein zu sein.

Das Besondere an seiner Situation sei, dass er sich zurzeit illegal in Deutschland aufhalte, sagt er in gebrochenem Deutsch. Seine Aufenthaltsgenehmigung von drei Monaten ist seit mehr als zwei Jahren abgelaufen. Die Idee, nach Deutschland zu kommen, entstand mit Freunden in der Bibliothek. "Sie haben dort eine Europakarte aufgeschlagen, auf Deutschland gezeigt und es sich wunderschön vorgestellt", erzählt er mit einem Bier in der Hand. In Lettland hat Ivars eine Ausbildung zum Bauarbeiter angefangen, war im Besitz einer Wohnung und pflegte ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern. "Mein Leben in Lettland bot mir keine aufregende Zukunft", versucht er zu erklären. "Aber eigentlich wollte ich nur raus und reisen", gesteht er lächelnd. Mit der Aufbruchsstimmung im Rücken ist die Gruppe von Freunde nach zwei Tagen Reise per Anhalter in Berlin angekommen. Dort musste Ivars feststellen, dass er "mit einer Mischung aus schlechtem Englisch und einem bisschen Deutsch" nicht weit kommt. Immer noch ist das Lernen der Sprache ein fester Bestandteil seines Tagesablaufs, denn Ivars versucht jeden Vormittag Deutsch zu lernen.

"In meinem ersten Jahr war die Motivation groß, Deutsch zu lernen, also habe ich im Winter in den Notübernachtungen gefragt, wo ich es lernen kann." Ivars wurde die Erlaubnis erteilt, regelmäßig die Kurse eines Sprachvereins für Flüchtlinge kostenlos zu besuchen, was er stets versucht wahrzunehmen. An einem normalen Tag auf der Straße sammelt er Flaschen, die er in Mülleimern, an Brücken oder Bahnhöfen findet, um deren Pfand bei der Rückgabe in Supermärkten zu erhalten. Zusätzlich hilft er ehrenamtlich bei der Stadtmission, gespendete Kleidungsstücke nach deren Brauchbarkeit zu sortieren, wobei er das eher der Beschäftigung wegen tut. Sich auf die Straße zu setzen und dort zu betteln, schließt Ivars aus. Das sei "schreckliches Schnorren. Niemand will einen jungen Mann auf der Straße betteln sehen, der durch sein Alter noch die Möglichkeit hätte, arbeiten zu gehen", sagt er und beteuert, dass er sich zu sehr dafür schämen würde. Er ganz allein sei an seiner Situation schuld, der Staat könne nichts dafür. "Wahrscheinlich weiß an den Ämtern und Behörden niemand mehr von meiner Existenz", sagt der Mann mit der Mütze, der offiziell nicht mehr in Deutschland gemeldet ist. Deshalb hat er hier weder Anspruch auf eine Wohnung noch auf eine Ausbildung. Wie rund 39 000 andere lebt er auf der Straße.

Dieses Leben sei gefährlich, allerdings wurde er in den Jahren hier in Berlin nie bedroht oder gar mutwillig angegriffen. Selbst der Polizei oder dem Ordnungsamt kann Ivars bislang erfolgreich aus dem Weg gehen, was aber gefährlich für den Staat sein könne. "Es sind viele Leute illegal auf den Straßen unterwegs, da verliert man schnell den Überblick." Er fügt hinzu, dass der Staat sich aktiver um das Obdachlosen-Milieu kümmern müsse "und nicht nur um die Leute, die wirtschaftlich wertvoll für das Land sind". Der Staat sei schuld, "dass viele Flüchtlinge nicht gemeldet sind und somit für Unordnung sorgen".

Ivars Unabhängigkeit drückt sich in seinen Schlafplätzen aus, da er, wenn ihn nicht die Kälte dazu zwingt, in einer Notübernachtung zu schlafen, meistens in Parks übernachtet. "In den Sommernächten bietet es sich an, in Parks mit schönen Wiesen zu zelten." Das macht er oft im Fritz-Schloß-Park in Moabit. Eine große gesundheitliche Gefahr stellt für ihn seine HIV-Erkrankung dar, was ihm auch den näheren Kontakt zu Frauen erschwert. Zwar kann Ivars in den Notübernachtungen oder der Straßenambulanz um eine Behandlung bitten, allerdings ist er nicht versichert und hat keinen Arzt, den er regelmäßig aufsuchen kann. "Alle Frauen, die sich auf mich einlassen, warne ich vorher und gebe ihnen von meiner Erkrankung Bescheid." Traurig sagt er, dass "kaum eine das Risiko in Kauf nehmen möchte".

Zu seiner Familie in Lettland hat Ivars nur noch eingeschränkten Kontakt. "Meine Eltern haben mich die erste Zeit über vermisst, bis ich ihnen erzählt habe, dass ich eine Arbeit gefunden habe und es mir gutgeht." Er zündet sich eine Zigarette an und lacht. Inzwischen telefoniert er zwei- bis dreimal in der Woche mit seiner Mutter, der er versprochen hat, wieder zurückzukommen. "Eigentlich war ich immer allein, denn wahre Freunde hatte ich nie." Früher wollte er Reiseführer werden, vor allem die Alpen haben ihn fasziniert. Heutzutage beschränken sich seine Träume darauf, wieder seine Familie in Lettland zu sehen. "Zurzeit arbeite ich auf einer Baustelle für eine Frau, die mir als Lohn ein Zugticket nach Lettland versprochen hat", erklärt er begeistert, "Diesen Sommer meine Familie wiederzusehen und in Lettland mit einem Beruf neu anzufangen, das sind meine Träume."

Informationen zum Beitrag

Titel
Betteln ist keine Option
Autor
Christoph Schmidt
Schule
Lilienthal-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2017, Nr. 123, S. 28
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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