Gut Betuchte dürfen das Physikum oft wiederholen

Zum Medizinstudium über den Umweg in Ungarn

Max Flander steht kurz vor seinem ersten Staatsexamen in Medizin. Der 28-Jährige möchte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden, da er zu Beginn seines beruflichen Werdegangs nicht absehen könne, ob die Veröffentlichung von Details über sein Studium ihm beruflich schaden könnte. "Im Gegensatz zu vielen von meinen Kommilitonen wusste ich nach dem Abi überhaupt nicht, was ich studieren wollte. Dass es dann Medizin wurde, hätte ich damals nicht gedacht." Nachdem er sein Abi vor zehn Jahren mit einer eher durchschnittlichen Note abgeschlossen hatte, beschloss er ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei einer Behindertenunterkunft zu machen. Dort wurde ihm bewusst, dass ihn die Medizin interessierte, aber auch, wie schwierig es sein würde, mit einem mittelmäßigen Abi zum Medizinstudium zu kommen. Er beschloss, nachdem ihm einige Eignungstests empfohlen hatten, Medizin zu studieren, einen Studienplatz für Humanmedizin zu suchen. "Eigentlich wollte ich nicht der Klischee-Arztsohn werden, da mein Vater ebenfalls Arzt ist. Aber ich war mir nach meinem FSJ sicher, dass ich Medizin studieren wollte", erklärt er.

In dem darauffolgenden Pflegepraktikum, das ein Pflichtteil im Studium ist, erkannte Max, dass ihm bei der durchaus interessanten Tätigkeit eines Pflegers der akademische Anspruch fehlte und er keine Ausbildung anfangen wollte. Zur Verbesserung seines Abiturschnitts machte er den Medizinertest. Dieser Test prüft das Verständnis für naturwissenschaftliche und medizinische Problemstellungen, das Ergebnis wird bei fast allen deutschen Unis im Auswahlverfahren zur Studienplatzvergabe berücksichtigt. Max bewarb sich durch die ZVS an vielen Unis. Trotz seiner guten Noten sowohl im österreichischen als auch im deutschen Medizinertest reichte es nicht für einen Platz an einer deutschen Uni.

Durch Bekannte erfuhr er von einem weiteren Weg: Es gibt eine Handvoll Privatunis im Ausland, hauptsächlich in Lettland und Ungarn, die einen deutschsprachigen Studiengang bis zum Physikum anbieten. Das Physikum ist die erste Hürde im Studium und beinhaltet hauptsächlich naturwissenschaftliche Grundlagen. "Im Physikum erhält man Scheine, die in Deutschland anerkannt werden und damit einen Ersatz für die deutschen Prüfungen darstellen", erläutert Max. An der Universität in Szeged, der drittgrößten Stadt Ungarns, fing der gebürtige Münchner 2010 an zu studieren. Anfangs absolvierte er noch ein Aufbaujahr, da sein Abi nicht gut genug war, und lernte an der Uni Grundlagen in den Naturwissenschaften, Englisch und Ungarisch. Viele Deutsche, aber auch Japaner, Engländer und Spanier absolvieren an der Uni in Ungarn ihre Abschlüsse. Über die drei Jahre sagt Max heute: "Es war schon eine coole Zeit. Das Leben dort war günstig, abgesehen von der Studiengebühr für die Uni, und man hat ein komplett anderes Land mit einer neuen Sprache kennengelernt, auch wenn man sich hauptsächlich unter deutschen Kommilitonen bewegte." Über seine Prüfungszeit in Ungarn sagt er: "Ich habe dann auch ziemlich geschwitzt während meiner Abschlussprüfungen. In der Prüfungsphase habe ich ordentlich an Gewicht verloren. Als ich dann meine letzte Prüfung geschrieben hatte, ist mir die Anzughose runtergerutscht. Ich hatte dafür aber auch nur Einser und Zweier beim Abschluss."

Bei den Prüfungen ist es an der Universität in Szeged Pflicht, Anzug zu tragen. "Das war immer sehr amüsant. Man konnte genau erkennen, wann Prüfungszeit war, weil die Studenten im Anzug durch die Stadt gelaufen sind." Die dortige Ausbildung empfindet er heute als angenehm, da es kleine Gruppen waren und eine persönliche Beziehung zu den Professoren aufgebaut wurde. Dies liegt natürlich auch an den Geldern, die von jedem Studenten gezahlt werden, und den dadurch zu Verfügung stehenden Mitteln. Max würde daher jedem empfehlen, der die finanziellen Mittel hat, diesen Weg zu gehen. "Man darf aber bloß nicht denken, dass dort die Abschlüsse einfacher wären als in Deutschland. Ich kannte genug Leute, die im fünften oder sechsten Jahr an der Uni in Szeged waren und immer noch nicht ihr Physikum bestanden hatten. Die Jahre dürfen beliebig oft wiederholt werden, solange gezahlt wird. Aber erkaufen kann man sich dort nichts."

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Physikums in Ungarn bewarb sich Max an mehreren Unis in Deutschland. Von Quereinsteigern wie ihm werden meist nur wenige genommen. Die Noten, die man im ungarischen Physikum erhält, haben wenig bis keinen Einfluss darauf. Daher erhob Max wie viele andere Studenten Klage gegen die Universitäten: Den Unis wird dabei unterstellt, dass sie weniger Studienplätze ausschreiben, als sie wirklich zur Verfügung haben. Nun hängt es davon ab, ob die Unis sich dagegen wehren. Max wurde in Würzburg aufgenommen. "Zu meiner Zeit wurden 100 Studenten durch Klage an der Universität aufgenommen. Für uns war das eine riesige Möglichkeit, und es kamen dann auch einige von meinen Kommilitonen aus Ungarn mit mir nach Würzburg."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gut Betuchte dürfen das Physikum oft wiederholen
Autor
Benjamin Fuhrmann
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2017, Nr. 129, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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