Mit Matsch und viel Phantasie

Im Waldkindergarten werden Spiele erfunden

Wollen wir zum Matschplatz gehen? Dann können wir den Ameisenhaufen beobachten. Mal sehen, ob der Hügel über Nacht gewachsen ist." Ein anderes Kind entgegnet: "Wollen wir nicht lieber zu unserem Schiff? Oder vielleicht doch Krankenhaus spielen?" Den Waldkindergartenkindern wird es nie langweilig. Sie haben wenig Spielsachen und müssen sich ihre Spiele selbst erfinden. Wie den Matschplatz und das Piratenschiff. Waldkindergartenkinder sind nach den Worten von Leiterin Maria Charisius kreativer und können Konflikte besser lösen. "Die Erziehung setzt an der Basis an, nämlich in der Natur", berichtet die gebürtige Heidenheimerin. Sie findet es wichtig, dass die Kinder die heimische Umgebung kennenlernen. "Was man schätzt, das schützt man auch", sagt sie.

Mitten auf der Schwäbischen Alb im Ugental bei Heidenheim hat der Waldkindergarten einen schönen Platz in der Natur gefunden. In diesem Kindergarten ist jeden Tag Waldtag. Für schlechtes Wetter bietet ein beheizbarer, zehn Meter langer Waldwagen aus Holz Unterschlupf. Für die Frühgruppe beginnt der Kindergarten um halb acht. Um halb neun wird dann die zweite Gruppe auf dem Parkplatz abgeholt. Mit einem Bollerwagen, auf dem sich eine Campingtoilette, zehn Liter Wasser, Seife, Bastelmaterial und Bücher befinden, laufen alle gemeinsam an den ausgewählten Tagesplatz beziehungsweise bei schlechtem Wetter zum Waldwagen. Gegen neun Uhr steht der Morgenkreis auf dem Programm. Man singt Lieder, das "Waldteam" erzählt Märchen oder spielt sie vor, und die Kinder spielen mit.

Die Kinder müssen viel miteinander reden, um ihre Spielideen den anderen Kindern schmackhaft zu machen. Dies führe zu einem größeren Wortschatz und einer besseren Ausdrucksfähigkeit, sagen die Erzieherinnen. Das belegen Studien, für die Roland Gorges, Professor für Pädagogik und Vorschulerziehung an der Fachhochschule Darmstadt, geforscht hat. Sie ergaben, dass Waldkinder besser Konflikte lösen können, rücksichtsvoller sind und bessere soziale Kompetenzen haben. Die Kinder erinnern sich gegenseitig an aufgestellte Spielregeln, so komme es seltener zu Konflikten, bestätigt Maria Charisius. In gewöhnlichen Kindergärten sei der Lärmpegel aufgrund der geschlossenen Räume immens. Im Wald hingegen herrscht gepuffter Lärm. Waldkinder hätten ein besseres Immunsystem und seien weniger krank. Durch die ständige Bewegung haben sie besser ausgebildete Muskeln als andere Gleichaltrige. "Die Kinder lernen direkt in und an der Natur, Themen müssen nicht künstlich erfunden werden, sondern ergeben sich aus der Beobachtung. Warum fließt das Regenwasser den Berg hinunter? Wie heißt der Baum, auf dessen Äste man so gut klettern kann? Alle Fragen klären sich im alltäglichen Miteinander", ist Maria Charisius überzeugt.

Der Waldkindergarten Ugental, fünf Kilometer von der Mittelstadt entfernt, sei wie eine große Familie. Ihren Arbeitsplatz in der freien Natur möchten die Erzieher um keinen Preis mehr aufgeben. Diese Zufriedenheit überträgt sich auf die Kinder. So rannte nach drei Wochen Ferienpause ein kleiner Junge auf Maria Charisius zu und sagte mit erhobenem Zeigefinger: "Nie wieder Ferien machen!"

Das Team besteht neben der Leiterin aus einem Erzieher, einem Auszubildenden, einer Grund- und Hauptschullehrerin. Die Waldkindergartenkinder profitieren laut Charisius von den zwei männlichen Erziehungskräften. "Mit den Männern können die Kinder balgen, rennen und Fußball spielen. Außerdem trösten, erziehen und begleiten Männer die Kinder ganz anders als Frauen. Diese Mischung macht es."

Auf das Konzept des Waldkindergartens sei sie früh aufmerksam geworden. Da ihre Tochter im Kindesalter pingelig mit ihrer Kleidung war und bei jedem kleinen Fleck das Kleidungsstück wechseln wollte, kam ihr nur eine Lösung in den Sinn: "Das Kind muss einmal richtig mit der Erde in Kontakt kommen." Als das Mädchen nach geraumer Zeit vom Waldkindergarten stolz mit einer selbstgeformten Matschkugel nach Hause kam, wusste die Mutter, dass das Experiment geglückt war.

Damals wohnte Familie Charisius noch in Freiburg. Die Sehnsucht nach der Heimat zog sie wieder auf die Ostalb. Hier eröffnete sie vor vier Jahren mit interessierten Eltern den Waldkindergarten, der von einem Förderverein unterstützt wird. Die Nachfrage nach den 20 Plätzen ist groß. Maria Charisius hat bis 2019 Anmeldungen von Eltern für ihre Säuglinge.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Matsch und viel Phantasie
Autor
Alina Domhan
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2017, Nr. 134, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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