Der Pilot weiß, woher der Wind weht

Gleitschirmflieger Uli Straßer ist deutscher Vizemeister im Streckenfliegen. Der Ingenieur ist davon überzeugt, dass Fliegen als Leistungssport viel mit mentaler Stärke zu tun hat.

Fliegen ist der pure Genuss, man kann wunderbar vom Alltag abschalten und wird eins mit der Natur. Hoch oben in der Luft und unter sich eine eindrucksvolle Landschaft mit endlosen Tälern, hohen Bergen und einer grandiosen Aussicht in die Ferne. Straßen, Flüsse, Häuser und Seen wirken wie eine Miniaturwelt und scheinen ganz weit weg zu sein. Es gibt keine störenden Motorengeräusche, es gibt nur den Piloten, den Schirm und den Wind. Das Gefühl, durch die Lüfte zu schweben, vermittelt einem den Eindruck grenzenloser Freiheit." Man spürt die Begeisterung und Leidenschaft, wenn man mit Uli Straßer, dem amtierenden deutschen Vizemeister im Streckenfliegen, am Startplatz hoch oben auf der Kampenwand in den bayrischen Alpen, mit Blick auf den Chiemsee, steht und sich mit ihm über sein Hobby unterhält. Wenn aber dann die Thermik einsetzt, der Startwind passt und der passionierte Flieger seinen Gleitschirm auslegt, die Leinen sorgfältig sortiert und sich auf den Start vorbereitet, ist es Zeit, ihn in die dritte Dimension zu entlassen und seine Konzentration nicht mehr zu stören.

Wer in den Bergen unterwegs ist, hat vermutlich schon einen Gleitschirm in der Luft schweben sehen. Vor allem in den Alpen gibt es immer mehr, die für diesen Sport leben. Das Gleitschirmfliegen, auch Paragleiten genannt, hat verschiedene Formen: reines Genussfliegen am Hausberg, ambitioniertes Streckenfliegen, zentrale Wettbewerbe, Akrobatikfliegen und immer beliebter auch das Wandern mit dem Gleitschirm, Hike & Fly genannt. Der promovierte Luft- und Raumfahrtingenieur Uli Straßer aus Rosenheim fliegt seit vielen Jahren. Neben dem wettkampfmäßigen Streckenfliegen betreibt er die neue Spielart des Hike & Fly. Für ihn bedeuten beide Disziplinen Freiheit und Abenteuer.

Der 54-Jährige fühlt sich in den Lüften mit seinem Gleitschirm wie zu Hause. "Das Fliegen als Leistungssport über Jahre erfolgreich zu betreiben ist primär eine Kopfsache, hat viel mit Erfahrung und mentaler Stärke zu tun. Mit jedem Flug, egal ob fünf Minuten Abgleiter oder zehnstündiger Streckenflug weit über 200 Kilometer, wird der Erfahrungsschatz erweitert und das persönliche Risikomanagement verbessert." Der dreifache Familienvater erklärt: "Da in diesem Sport oft sehr schnell sehr weitreichende Entscheidungen getroffen werden müssen - eine falsche könnte im ungünstigsten Fall ja auch die letzte sein - helfen die beim Fliegen trainierten Fähigkeiten und Grenzerfahrungen auch im normalen Leben und lassen mich auch dort Entscheidungen souveräner treffen." Der Respekt vor der Natur, sie zu verstehen und zu akzeptieren, sei für ihn die wichtigste Voraussetzung. Mit Ängsten muss er umgehen können. "Solange Angst nicht in Panik umschlägt, ist sie manchmal sehr wertvoll und bewahrt vor zu großer Risikobereitschaft."

Seine Familie trägt das nicht ungefährliche und zeitaufwendige Hobby tapfer mit. "Ich glaube schon, dass meine Familie ein wenig stolz auf mich ist, und nach einem wunderschönen Flug sind meine Akkus ja auch wieder aufgeladen." Er schmunzelt: "Ausgerechnet meine Frau hat mir vor Jahren das folgenschwere Geschenk gemacht - einen Schnupperkurs für das Gleitschirmfliegen. Auch wenn sie es ab und zu bereuen mag, ich werde es ihr nie vergessen. Dieses Geschenk macht mir über all die Jahre große Freude." Als Fußgänger kann man sich beim Luftanhalten ertappen, wenn man Straßer nach dem Start und einem kurzen Sinkflug plötzlich in einen Aufwind einfliegen sieht und beobachtet, wie er sich in engen Kreisen in der Thermik hochschraubt. Ist es nicht beunruhigend, so in die Höhe gezogen zu werden? "Aber das wünschen wir uns ja gerade! Da wir ohne Motor unterwegs sind, sind Aufwinde unsere einzige Möglichkeit, die Höhe, die wir auf den Gleitstrecken verlieren, wiedergutzumachen, um auf unserer Reise weiterzukommen. Finden wir keine Thermik mehr, geht es nur noch runter bis zur Landung. Durch aufmerksame Beobachtung der Natur wird man leichter fündig, in der Luft kreisende Vögel sind zum Beispiel hervorragende Thermikanzeiger."

Beim Hike & Fly wird nur geflogen oder gewandert und auf Transportmittel wie Auto oder Seilbahn verzichtet. Man findet den Extremsportler, der schnell hinauf, aber nicht zu Fuß hinuntergehen will, den Hobbypiloten, der den Fitnessgedanken auslebt, oder den Gleitschirm-Wanderer, der die Natur genießen will. Straßer hat mit Freunden auf einem zweiwöchigen Trip die Pyrenäen zu Fuß und fliegend von der Atlantikküste bis zum Mittelmeer durchquert.

Wer regelt diesen Sport eigentlich? Robin Frieß ist Geschäftsführer des Deutschen Hängegleiterverbands (DHV)in Gmund am Tegernsee. Neben der Funktion als Fach- und Sportverband fungiert der DHV auch als Beauftragter des Bundesverkehrsministeriums. Er ist weltweit der größte Zusammenschluss von Gleitschirm- und Drachenfliegern und verzeichnet fast 40 000 Mitglieder. Der 29-jährige Frieß war Deutschlands jüngster Fluglehrer. "Meine Aufgabe als Geschäftsführer ist es, das Gleitschirmfliegen in die Zukunft zu bringen und die Entwicklung dieses wunderschönen Sportes aktiv mitzugestalten und weiterhin in eine positive Richtung zu lenken." Neben Gleitschirmfliegen fährt er Ski und Motorrad. "Ein gewisses Risiko ist bei allen Extremsportarten vorhanden. Dennoch fühle ich mich beim Gleitschirmfliegen am sichersten, denn dank der fundierten Ausbildung weiß ich, was ich mache, und bin gewissenhafter als bei meinen anderen Hobbys. Auch die Gefährdung durch Dritte ist beim Gleitschirmfliegen so gut wie ausgeschlossen."

Durch technische Überprüfungen sorgt der DHV für einen hohen Sicherheitsstandard der Ausrüstung seiner Mitglieder. Er bildet Fluglehrer aus und hilft bei der Zulassung von naturverträglichen Fluggeländen, da man in Deutschland nur von amtlich zugelassenen Startplätzen starten darf. In speziellen Karten und Online-Datenbanken kann man sich über diese Startplätze und die erlaubten oder gesperrten Lufträume informieren. Aktiv sind Schüler, aber auch 80-Jährige. "Der Student trifft auf den Manager und der Adrenalinjunkie auf den Genussmenschen", sagt Frieß. "Auch wenn du in der Luft allein bist, bist du nie ganz allein." Man trifft sich beim Start, achtet bei der Vorbereitung und in der Luft aufeinander. Auch nach einer Außenlandung, unter Umständen weit weg vom Startplatz, kann man auf die Unterstützung von Fliegerkollegen durch Rückholdienste zählen

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Pilot weiß, woher der Wind weht
Autor
Tamina Straßer
Schule
Karolinen-Gymnasium , Rosenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.2017, Nr. 139, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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