Eingetauscht gegen einen Fernseher

Ein Mann aus dem Schwarzwald gibt vernachlässigten Kindern in Peru ein Heim und Hoffnung.

Jesús' Vater (alle Namen der Kinder geändert) war mehrere Male im Gefängnis inhaftiert und wurde von seinem Großvater sexuell missbraucht. Marías alleinerziehende Mutter war Alkoholikerin. Da Estelles Eltern auf der Straße lebten, konnte sie nicht ausreichend versorgt werden. Xenia wurde von ihren Eltern gegen einen Schwarzweißfernseher eingetauscht. Kinder wie diese werden vom Jugendgericht oder vom Kinder- und Jugendministerium dem Casa Verde überantwortet, wo ihnen die Möglichkeit gegeben wird, ein besseres Leben zu erfahren. "Als ich von einem keinen Hügel aus das triste Umfeld des Elendsviertels überblickte, prägte sich mir das Bild, das die unzähligen Blech- und Lehmhütten schufen, für immer in mein Gedächtnis ein." In La Tablada de Lurín, einem Slum am Rande der peruanischen Hauptstadt Lima, fasste Volker Nack, ein gebürtiger Schwarzwälder aus der Kleinstadt Lahr, 1989 den Entschluss, eines Tages an diesen Ort zurückzukehren und ein Heim für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu gründen.

Ende der achtziger Jahre arbeitete Nack nach seinem Sozialpädagogikstudium ein Jahr in der lateinamerikanischen Republik ehrenamtlich in einem Kinderheim, wo ihn der typisch peruanische schwarze Humor und die Lebensfreude der oft bitterarmen Menschen prägten. Infolge eines bürgerkriegsähnlichen Konflikts zwischen dem Sendero Luminoso, einer linken Terrororganisation, und dem peruanischen Militär sowie aufgrund einer hohen Inflationsrate litt der Großteil der Bevölkerung unter extremer Armut. In der Zeit lernte Nack seine Frau Dessy Zanabria kennen, mit der er zunächst zurück nach Deutschland ging. 1997 führte sie ihr Vorhaben, ein Heim zu gründen, nach Arequipa, einer Andenstadt im Süden Perus: Ohne finanzielle Hilfe betreuten sie zunächst Straßenjugendliche mit Drogenproblemen und richteten in Kooperation mit einer deutschen Schule eine ambulante Anlaufstelle ein.

Zwei Jahre später nahmen sie ein spendenfinanziertes Kinderheim in Betrieb, unterstützt von einer Vielzahl an Spendern aus Schulen, Kirchengemeinden und Vereinen. Da die Außenfassade des Hauses grün gestrichen war, nannten sie es Casa Verde. Im Sinne der Farbe der Hoffnung setzt sich das von Nack geleitete Heim seither zur Aufgabe, bei den oft traumatisierten Neuankömmlingen die Voraussetzungen für eine Zukunft zu schaffen, in der sie auf eigenen Beinen stehen können. "Auch wenn die politische Gewalt der Achtzigerjahre heute zum Glück nicht mehr existiert, stagnieren seither jedoch vor allem häusliche Gewalt und Kriminalität auf einer erschreckenden Größenordnung", erklärt er. Viele Heimbewohner erlebten eine gewaltgeprägte Kindheit. "Mehr als ein Heim - eine Perspektive" lautet deshalb das Motto des Casa Verde, dessen Philosophie sich im Tagesablauf widerspiegelt: Jedes Kind übernimmt Aufgaben im Haushalt und lernt, Verantwortung und Verpflichtungen zu übernehmen. Den Vormittag verbringen die Kinder in der Schule oder bei der Ausbildung. "Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg", betont der 50-Jährige. Nachmittags wird Wert auf die Hausaufgaben gelegt, und weitere Haushaltsarbeiten müssen erledigt werden. Für den Rest des Tages haben die Kinder Freizeit, die sie oft gemeinsam zum Spielen und Tanzen oder für Workshops nutzen.

Die etwa 40 Schützlinge des Heimes werden von Pädagogen und Psychologen begleitet, die bei der Erziehung der Kinder Wert auf das Erfahren und Leben menschlicher Werte legen. Das gemeinsame Essen sorgt für eine familiäre Atmosphäre, die gemeinschaftlichen Aktivitäten sollen gegenseitigen Respekt und ein Gefühl der Solidarität stärken. Dass die Kinder ihrem Glauben, den sie mit in das Heim bringen, nachgehen oder sich zum Kampfsport mit dem durchtrainierten Heimleiter einfinden, trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei und hilft ihnen, ihre traumatisierenden Erinnerungen aufzuarbeiten. "Es erstaunt mich immer wieder, wie offen sie auf Menschen zugehen, wie fröhlich sie auch schon zum Teil am zweiten oder dritten Tag durch das Casa Verde rasen", sagt Nack und vergleicht die Mentalität der Kinder mit der Resilienz, der Widerstandsfähigkeit eines Schwammes. "Alle Kinder besitzen eine innere Kraft, die es ihnen ermöglicht, in ihre Ursprungsform zurückzufinden. Dies erfordert aber, dass man den Druck von außen nimmt, sie also respektvoll behandelt und unterstützt."

Allerdings heißt das keineswegs, dass alle Kinder ausnahmslos den Sprung in eine stabile Zukunft schaffen. So findet es der Gründer des Heimes frustrierend, wenn die Kinder das Casa Verde verlassen wollen, obwohl sie noch nicht gestärkt genug sind, oder sie wegen eines Amtsentscheides in ihre nicht intakte Familie zurückkehren müssen. Regelverstöße hingegen führen dazu, dass manchmal Bewohner auch des Heimes verwiesen werden. Volker Nack beschreibt sich selbst als geduldig und verständnisvoll, aber bei Tabubrüchen wie wiederholtem gewalttätigem Verhalten, dauerhaftem Missachten der Leitsätze und Regeln sowie sexuellen Beziehungen mit anderen Bewohnern müssten klare Konsequenzen gezogen werden, damit die Gemeinschaft funktionieren könne.

Anfangs arbeitete Nack selbst in der Betreuung mit den Kindern, dazu fehlt ihm mittlerweile die Zeit. Zu seinen Aufgaben gehören Verwaltungstätigkeiten: die Koordination und Ausbildung von Mitarbeitern, der Kontakt zu Spendern und Finanzgebern sowie die Weiterentwicklung des Projekts. Vor zehn Jahren gründete er mit weiteren Kinderheimen ein Netzwerk, das sich für eine Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen einsetzt. Vor fünf Jahren erweiterte er das Casa Verde um ein Haus in der Inkahauptstadt Cusco, wo insbesondere misshandelte Mädchen untergebracht sind. Trotzdem ist er täglich im Heim und im Kontakt mit den "chicos".

Wenn ehemalige Heimkinder wie Raquel, die mittlerweile ihren Lebensunterhalt als Friseurin bestreitet, zu Besuch kommen, freut sich Nack besonders: "Da sind wir stolz darauf, dass sie ihren Weg im Leben gefunden haben."

Auch wenn sich die wirtschaftliche Situation nach der Jahrtausendwende für die Gesamtbevölkerung verbessert hat, kann von Entwarnung nicht die Rede sein: Ein Drittel der peruanischen Bevölkerung hat noch immer keinen Zugang zu fließendem Wasser, eine halbe Million Kinder sind chronisch unterernährt. Häufig arbeiten sie schon in frühem Alter, der Zugang zu Bildung bleibt vielen verwehrt. Dieser frustrierende Kreislauf entmutigt Nack jedoch nicht: "Für meine Arbeit brauche ich nicht halb so viel Kraft, wie sie die Kinder aufwenden müssen, die bei uns ankommen, um aus ihrer oftmals traumatischen Vergangenheit eine selbstbestimmte Zukunft voller Perspektiven zu gestalten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Eingetauscht gegen einen Fernseher
Autor
Elias Kunzweiler
Schule
Gymnasium Kenzingen , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2017, Nr. 145, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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