Tagelang suchte der 13-Jährige nach seinen Eltern

Abdullah Hassani ist schiitischen Glaubens und hat sich in die Schweiz durchgeschlagen / Statist im Tatort

Es war stockdunkel. Abdullah Hassani hatte keine Ahnung, in welche Richtung seine Familie gegangen war. Er hatte sie aus den Augen verloren. Irgendwo musste er eine falsche Abzweigung genommen haben. Es war der Anfang einer jahrelangen Flucht, die den afghanischen Jungen von Pakistan in die Schweiz führte. Nachdem sich der 13-Jährige im Straßengewirr der pakistanischen Großstadt Quetta verirrt hatte, suchte er tagelang verzweifelt nach seinen Eltern, bis er sich sagte: "Entweder finde ich sie, oder ich flüchte in ein anderes Land und bin dann wenigstens in Sicherheit."

Hassani hatte seine Flucht nicht geplant. Die Entscheidung dafür traf er in der Not. Immer wieder fragte er Menschen, ob sie wüssten, wo seine Eltern seien und was er tun sollte, bis er in einem Hotel einer fremden Familie begegnete. Sie warnte ihn, dass man ihn als Geisel nähme oder ihm Gewalt antäte, wenn er sich nicht in Sicherheit brächte. Er bekam große Angst. "Wir können dir nur helfen, wenn du mit uns nach Iran mitkommst", sagten die Fremden. Hassani entschied sich zur Flucht. Zwei Jahre lebte er in Iran und arbeitete in der Stadt Ahwas als Reinigungskraft auf dem Bau. Es zog ihn weiter. Über die Türkei gelangte er nach Griechenland: Manchmal stieg er an einer Ampel unbemerkt auf einen Lastwagen. Oft musste er lange Strecken zu Fuß zurücklegen. Essen verdiente er sich, indem er vor einem Supermarkt half, Einkäufe ins Auto zu räumen. Später fuhr er über Italien nach Frankreich. Die Grenzen übertrat Hassani illegal, nachts und mit großen Umwegen. Eigentlich wollte er nach Deutschland, erfuhr aber, dass man ihn nicht aufnehme. Er erkundigte sich nach einer Alternative. "Ich wusste vorher nicht, dass die Schweiz ein Land war. Ich dachte immer, es sei eine Stadt in Schweden", sagt er lachend. 2011 kam er als 18-Jähriger in Basel an. Im Asylzentrum musste er seine Geschichte erzählen. "In unfreundlichem Ton redeten die Beamten auf mich ein und setzten mich unter Druck, um sicherzugehen, die Wahrheit erfahren zu haben." Da sein Fluchtgrund nicht als politisch durchging, wurde er nur vorläufig aufgenommen, obwohl er vor der Unterdrückung geflohen war. Als Angehöriger der Volksgruppe der Hazara ist er schiitischen Glaubens. Diese Minderheit wird von den Taliban verfolgt.

Schon als Kleinkind erlebte Hassani eine Vertreibung. In der afghanischen Provinz Ghazni geboren, floh er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Pakistan, um sich vor den Taliban in Sicherheit zu bringen. Mit der Zeit wurde die Bedrohung durch die radikalen Islamisten dort genauso groß wie in Afghanistan. Er lebte in ständiger Gefahr. "Ich hatte immer Angst, wenn ich einen Menschen aus einer anderen Volksgruppe sah." In der Schweiz fühlt sich der 23-Jährige endlich sicher. Anfangs war es schwierig. Bis er Deutsch sprach, verständigte er sich mit dem Englisch, das er auf der Flucht gelernt hatte. Seit einem Jahr lebt er bei einer Familie in Wetzikon im Zürcher Oberland. Die Tochter hatte er bei einem Deutschkurs kennengelernt. Der Vater behandelt ihn wie seinen eigenen Sohn. "Es gefällt mir sehr hier. Ich konnte mich von allen Strapazen erholen." Doch damit meint Hassani nicht, dass er in der Schweiz faulenzen kann: Fleißig lernte er die Sprache, beherrscht sogar Schweizerdeutsch, nur die dunklen Vokale verraten seine Herkunft. Sprachen begeistern ihn. In jedem Land, durch das sein Fluchtweg führte, begann er, sich die Sprache anzueignen. "Unterwegs bin ich sehr reif geworden. Es war schwierig, aber auch schön: Ich habe so viele Freunde kennengelernt."

Er macht eine dreijährige Ausbildung zum Fachmann Betriebsunterhalt und ist für den Betrieb der Kantonsschule Zürcher Oberland zuständig, repariert beispielsweise defekte Geräte. Er arbeitet motiviert. "Viele Leute denken, wir Einwanderer wollten den ganzen Tag nichts tun, doch als Flüchtling darf man ohne Aufenthaltsbewilligung gar nicht arbeiten." Eines bleibt für ihn gewöhnungsbedürftig: "In der Schweiz putzen alle beim Essen geräuschvoll die Nase." Er schüttelt den Kopf. "Dann konnte ich nichts mehr essen."

Hingegen stört es ihn nicht, dass Frauen kein Kopftuch tragen. "Mit einem Kopftuch kann man nicht zeigen, dass man Muslim ist." Burkas sind seiner Ansicht nach sogar gefährlich. "Oft kommt es in meiner Heimat vor, dass Terroristen eine Burka anziehen, um darunter eine Waffe zu verstecken. Man weiß nie, ob ein Mann oder eine Frau in der Burka steckt." In Pakistan seien die Menschen weniger verschlossen und gastfreundlicher. Zufrieden meint er: "Ich habe auch hier Freunde, die offen sind." Er erlebt, dass sich auch Schweizer öffnen, wenn man sie besser kennenlernt. Die Menschen im reichen Europa würden durch ihre große Freiheit geprägt. "Je mehr Möglichkeiten es für uns gibt, desto mehr denken wir an uns", erklärt er. "Die Leute wissen nicht, wie es andern geht. Viele interessieren sich auch nicht dafür, weil es ihnen gutgeht."

Anfangs war seine größte Angst, dass die Schweiz irgendwann die Flüchtlinge abschieben würde und er in seine Heimat zurückmüsste. Dort gibt es kaum Möglichkeiten, höhere Bildung zu erlangen. Nur zwei Jahre konnte er in Pakistan eine Schule besuchen, da sie aus politischen Gründen geschlossen wurde. Später musste er Teppiche knüpfen. Er verdiente wenig, obwohl es eine schwierige Arbeit ist. "Es ist eine Kunst, aber kein Beruf."

Hassani hat ein ehrgeiziges Ziel: Er möchte einmal eine Firma leiten und Lehrlinge ausbilden. Begeistert berichtet er von einem anderen Traum. "Ich will Schauspieler werden und in einem Film mitspielen, der meinen ganzen Fluchtweg zeigt." Im "Tatort" war er schon Statist. Seine Deutschlehrerin hatte ihm die Rolle eines Mitbewohners des Täters vermittelt. "Mit Filmen und Büchern kann man der Welt sehr viel zeigen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Tagelang suchte der 13-Jährige nach seinen Eltern
Autor
Melina Rüesch
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2017, Nr. 151, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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