Prinz auf der Flucht

Prince Wale Soniyiki sollte in seiner Heimat den Thron besteigen. Aber er musste fliehen. Nach einer gefährlichen Odyssee setzt sich der nigerianische Prinz in Kroatien für andere Flüchtlinge ein.

Onipara of Ipara", "Herrscher des Volkes Ipara", lautet der Titel des Thronfolgers des Volkes in Nigeria, zu dem sieben Millionen Menschen gehören. Prince Wale Soniyiki sitzt aber nicht auf dem Thron, sondern in Kroatien. Sein Weg war voller tödlicher Gefahren. 1985 wurde Soniyiki in Jos City, der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau, in Zentralnigeria geboren. Diese Region liegt zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden. Besonders wenn Wahlen sind, kommt es zu brutalen Zusammenstößen.

Ein Großteil der Bevölkerung lebt in Armut. "Weil Leid und Verzweiflung so groß sind, werden Menschen verrückt, wenn es um Geld geht. Um einen Monat gut zu überleben, braucht man etwa 150 Euro, ungefähr der Preis für ein Paar gute Markenschuhe in Europa." Es fehle an Bildung. "Staatliche Schulen streiken. Jugendliche geraten früh auf die schiefe Bahn." Weil viele Menschen ungebildet und arm sind, seien sie bestechlich. "Während der Wahlkampagnen werden Eier und Brot an das hungrige Volk verteilt. Das reicht, damit sie ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen. Leider unterstützen sie dadurch die Korruption."

Eine Hoffnung sieht er in den Afrikanern, die nach Europa gegangen sind und hier ausgezeichnete Schulen sehen. "Afrikaner machen im Westen Erfahrungen mit dem Steuerrecht, lernen Rechnungen zu bezahlen und nicht Korruption. Das sind die Leute, die die Wiedergeburt Afrikas sichern können." Soniyiki fordert deshalb: "Gebt kein Geld nach Afrika, denn das kommt oft in die Hände korrupter Politiker. Nur eine vernünftige Bildung kann uns helfen." In seinem Gesicht und auf seinen Händen hat er Narben, weitere habe er auf dem Rücken, erzählt er. Sie wurden ihm als Teil seiner Kultur beigebracht, als er ein Baby war.

Im Alter von zwölf Jahren zog er nach Ipara, im Südwesten Nigerias. Da er der mögliche Thronfolger ist, übernimmt ein "Kingmaker" einen Teil seiner Erziehung. Doch im Dezember 2011 passiert in Kuru, der Heimatstadt seiner Mutter, ein Zwischenfall, der sein Leben aus der Bahn wirft. Terroristen der islamistischen Miliz Boko Haram überfallen Kuru. "Ich wusste, dass ich mich verstecken muss, sobald ich jemanden Dschihad rufen höre. So schnell ich konnte, sprang ich in das nächstmögliche Versteck, ein Schlammloch im Straßengraben, der als Abwasserkanal dient." Der Sprung rettet ihm das Leben, doch er muss mitansehen, wie zwei Brüder brutal erschlagen werden. Im Graben verletzt er sich schwer an Glasscherben, zunächst spürt er keinen Schmerz. Er steht unter Schock. Kaum haben die Terroristen den Ort verlassen, droht neue Gefahr. "Es besteht eine Art Sicherheitsdienst, die Joint Task Force, JTF, die kommt, um einzugreifen und die Lage zu beruhigen. Doch anstatt ihnen zu helfen, wurden Verletzte getötet mit der Behauptung, sie seien selbst Terroristen." Soniyiki flüchtet sich erneut in den Graben, um nicht selbst umgebracht zu werden. "Ich brauchte zwei Monate, um mich zu erholen." Danach geht er zu den Behörden, um den Vorfall anzuzeigen. "Ich wollte nur Gerechtigkeit für meine Brüder." Abends ruft ein Militärchef an: Er solle seine Aussage zurückziehen. Soniyiki weigert sich. "Ich habe doch mit eigenen Augen gesehen, was geschehen ist!" Drei Mal kommen die Sicherheitskräfte der JTF, schlagen ihn fast zu Tode.

Schließlich gibt er nach. Ein Vertrauter seiner Mutter bei der Polizei warnt sie, dass das Leben ihres Sohnes nicht mehr sicher sei. "Deshalb musste ich sofort verschwinden, konnte nichts einstecken, weder meinen Pass noch Kleidung oder Schuhe." Priester der Christlichen Vereinigung von Nigeria, zu der Soniyiki gehört, hatten Dollar und Euro bereit. Mit einem Turban und dem Gruß "Salam aleikum" gab er sich an der Grenze als Muslim aus und verließ sein Land. Die Flucht führte ihn durch die Sahara, eine Woche lang dauert die Tortur.

"Viele wissen gar nicht dass hier mehr Menschen ums Leben kommen als auf dem Mittelmeer. Es gibt dort keine Journalisten." In Libyen angekommen, erlebt er in Benghasi die Brutalitäten des Bürgerkriegs und in den überfüllten Flüchtlingslagern Vergewaltigungen, Mord und Totschlag. Ein christlicher Fischer, kein professioneller Schlepper, bietet ihm und vier anderen an, sie über das Mittelmeer Richtung Italien zu bringen. Acht Stunden versteckt Soniyiki sich zusammengekrümmt in einer Kiste. Der Fischer wechselt ständig die Beflaggung seines Bootes, um den Kontrollen durch Schiffe unterschiedlicher Nationalitäten zu entgehen. Vor einer Insel in der Nähe von Split geht er nachts vor Anker. Soniyiki, völlig seekrank, und die anderen werden mit einem Ruderboot zur kroatischen Küste gebracht. Ab hier muss sich jeder selbst durchschlagen. Soniyiki hält ein Taxi an. Der Fahrer verlangt 1000 Euro, um ihn nach Italien zu bringen. Soniyiki gibt ihm alles, was er hat, etwa 600 Euro. Dann schläft er ein. Nach vier, fünf Stunden weckt ihn der Fahrer. Sie seien in Italien, Soniyiki solle aussteigen. Er verlässt das Auto, kurz darauf hält ihn eine Polizeistreife an. Er ist 50 Kilometer südlich von Zagreb. Die Polizei weist ihn darauf hin, dass er nicht in der EU ist und kein Asyl in der EU beantragen könne, gibt ihm aber zu essen und zu trinken.

So viel Hilfsbereitschaft von Polizisten hat er noch nie erlebt. Den Rest der Nacht verbringt er in einer Zelle. Am Morgen verhört ihn die Grenzpolizei. Ein Arzt wird gerufen, da er noch seekrank ist. Während des Verhörs sieht er auf einem TV-Bildschirm einen Bericht über ein Bombenattentat in Jos City, seiner Heimatstadt. Verzweifelt bittet er, seine Mutter anzurufen. Die Polizei erkennt die Dramatik seiner Situation. Er wird nach Kutina gebracht, in das zentrale kroatische Auffanglager für Flüchtlinge. Mittags läuten Kirchenglocken. Sofort fühlt er sich sicher: In Nigeria hätte das Gewalt ausgelöst. Soniyiki will bleiben. Nach sieben Monaten wird sein Asylantrag bewilligt.

Seine Geschichte wird schnell bekannt. In dem Dokumentarfilm "Putnici", "Reisende", fällt er dem Ex-General Ante Gotovina auf, der ihm Arbeit auf seiner Thunfischfarm vor der Küste von Biograd anbietet. Soniyiki greift zu und findet Anschluss, auch weil er sich lokalen Traditionen anpasst und den dalmatinischen Dialekt erlernt. Er will anderen bei der Integration helfen und gründet 2013 in Zagreb die Gesellschaft der Afrikaner in Kroatien.

Der Thronfolger der Ipara pendelt zwischen Zagreb und Dubrovnik, um Workshops und Vorträge in Schulen, Institutionen und auf Festivals zu organisieren. Der "Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss" lädt Soniyiki zu einem Forum der Deutschen Welle ein. Der 32-Jährige diskutiert vor 2000 Besuchern und hat als Brückenbauer eine neue Rolle gefunden. "Kroatien ist meine zweite Heimat geworden. Trotzdem schlafe ich aber jede Nacht nur unruhig ein, denn das Erlebte lässt mich nicht los und meine Gedanken sind zu Hause in Afrika."

Informationen zum Beitrag

Titel
Prinz auf der Flucht
Autor
Valentina Jozic, Ema Jugovic
Schule
18. Gymnasium Zagreb/Kroatien , Zagreb, Kroatien
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2017, Nr. 151, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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