Durch Kunst in Gefahr

Der Kosovo-Albaner hat sich in Berlin etabliert

Am Tag, an dem ich 1991 aus meinem Au-pair-Jahr in Amerika zurückgekommen bin, stand er vor der Tür", sagt Anja Weber, "den Brief, in dem er sich angemeldet hatte, hatte ich noch nicht gelesen." Seit die Berlinerin den Kosovo-Albaner im Griechenland-Urlaub kennengelernt hatte, schrieben sie sich regelmäßig. "Manchmal haben wir auch telefoniert, doch das war teuer." Dass er jedoch 25 Jahre nach seiner überraschenden Ankunft noch immer in Berlin leben würde, ahnten zu diesem Zeitpunkt beide nicht.

Im Gegensatz zu heutigen Flüchtlingen reiste er wie ein Tourist mit seinem jugoslawischen Pass zwar legal ein, versäumte es aber, eine Aufenthaltsgenehmigung oder Asyl zu beantragen, und verschwand in der Grauzone jenseits der Legalität. In den ersten drei Jahren schlug er sich mit Englisch durch: "Ich habe jede Nacht wach gelegen und gehofft, dass ich wieder zurück nach Hause fahren kann." Doch in seiner Heimat spitzten sich die Konflikte zwischen Serben und Albanern zu. "Im Kosovo fing das an, was in Südafrika abgeschafft wurde - die Apartheid." Sein Akzent vermischt sich mit der Musik des russischen Cafés in Berlin. Die dunklen Haare fallen über seine Brille. Der 50-Jährige überlegt oft, was er erzählen kann, ohne erkannt zu werden, denn obwohl er heute legal hier lebt, will er anonym bleiben und wählt das Pseudonym Lumbardhi. Auch Anja Weber heißt in Wirklichkeit anders.

Als er mit 25 Jahren nach Berlin kam, blieb seine Familie im Kosovo und bekam die Unterdrückung durch das serbische Regime zu spüren: Die Kinder seiner Schwester durften wie alle albanischen Kinder nur noch nachmittags zur Schule gehen, wenn es dunkel und nicht geheizt war. "Serbische Studenten demonstrierten dagegen, dass wir Albaner zur Uni gehen durften." Er hätte dort nur noch ein Semester seines Architekturstudiums machen müssen. In Berlin schrieb er sich an der Uni ein, brauchte neben Zeugnissen nur eine Adresse in der Stadt und machte seinen Abschluss.

Anja und ihre Mutter, bei denen er eine Zeitlang in einer Zweieinhalbzimmerwohnung lebte, halfen ihm, eine erste Anstellung in einem Architekturbüro zu finden, doch er wandte sich zunehmend der Kunst zu. Mit ihr konnte er sich auch ohne Sprache ausdrücken. Noch immer arbeitet er mit verschiedenen Materialien und Stilen, zeichnet, malt, baut in seinem Atelier und stellt aus.

Seine Kunst hatte er in den achtziger Jahren in Kroatien und im Kosovo gezeigt, was ihm zum Verhängnis wurde. "Diese Ausstellung hatte viel mit Kunstgeschichte zu tun und nur wenig mit Politik." Dennoch wurde sie verboten; die Polizei verfolgte und verhörte ihn. Dies war der Auslöser für seine erste Flucht. 1989 ging er nach England, kehrte jedoch zurück, weil sich die Lage in seiner Heimat wieder beruhigte. Als 1991 der Krieg in Jugoslawien ausbrach, ging er nach Berlin.

"Eines Morgens stand die Polizei vor der Tür", erzählt Anjas Mutter. "Ich war noch vollkommen verschlafen. Sie haben nach Lumbardhi gesucht. Zum Glück war er nicht da." Später half sie ihm, die Duldung zu beantragen. Diesen Status behielt er bis zu seiner Heirat mit einer Deutschen, durch die er eine Aufenthaltserlaubnis bekam. Einige Zeit danach beantragte er erfolgreich die deutsche Staatsbürgerschaft.

Die Kommunikation mit seiner Familie im Kosovo war kompliziert. Telefonieren war teuer, das Geld in der Telefonzelle reichte nicht lange. "Manchmal war man mitten im Gespräch, dann war es einfach zu Ende. Heute kann man sich sogar sehen." Einmal im Jahr fährt er hin. Seine Frau und er haben einen kleinen Sohn. Zu Hause sprechen sie Deutsch, sein Sohn soll auch Albanisch lernen. Die Webers zählen zu seinem großen Berliner Freundeskreis.

Für die Flüchtlinge sei Kommunikation und eine Perspektive in der Arbeitswelt wesentlich. "Man braucht einen Grund, warum man die Sprache lernt." Er kann gut von der Kunst leben. "Ich beschäftige mich mit dem Schönsten auf der Welt." Die Politik in dem als sicher geltenden Heimatland sieht er kritisch: "Im Parlament werfen sie Tränengas, weil sie sich nicht untereinander verstehen. Wenn man so etwas sieht, würde ich sagen, das ist ein unsicheres Land."

Informationen zum Beitrag

Titel
Durch Kunst in Gefahr
Autor
Lena Wilkens
Schule
Lilienthal-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2017, Nr. 151, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180