Reizen geht immer, auch mit schlechten Karten

Warum Bridge für Lothar Koch das schönste Spiel der Welt ist / Partner lassen sich immer irgendwie finden

Bridge ist das einzige Spiel, bei dem kein Glücksfaktor dabei ist", meint Lothar Koch aus Mainberg. Seit 30 Jahren ist er begeisterter Bridgespieler. Der 63-Jährige hat einen Trainerleiterschein und bietet Volkshochschulkurse in Bad Kissingen an. Das Spiel finde in Deutschland "in der Diaspora" statt. Es gibt etwa 40 000 organisierte Bridgespieler, davon 83 in Schweinfurt. "In Schweinfurt wird in der Woche dreimal gespielt", sagt Koch, der in mehreren Clubs aktiv ist, "in Würzburg fünfmal und in Bad Kissingen zwei Mal. In Würzburg, einer Studentenstadt, gibt es mehr Aktive. Trotzdem mangelt es an Nachwuchsspielern."

Es seien viele Akademiker dabei. In Städten wie Schweinfurt oder Bad Kissingen seien das etwa 25 Prozent, in Würzburg 75. Das Spiel kann jeder von Jung bis Alt beginnen. "Die Elite ist zwischen 20 und 40 Jahren alt", sagt der gelernte Bankkaufmann und selbständige Diplom-Kaufmann. Um es zu verstehen, benötigt man nicht zwangsläufig gute Mathematikkenntnisse. Wenn sich aber jemand gut mit anderen Kartenspielen auskennt, erleichtert es den Zugang. Bridge sorge auch dafür, dass alte Menschen nicht vereinsamen und, wie Koch meint, weniger an Depressionen erkranken, da sie durch Bridge in Gesellschaft und geistiger Aktivität sind. "Es gibt extra Hilfsmittel für Senioren wie Kartenhalter. Manche sind über 90, aber noch geistig komplett fit."

Es gibt sogar sogenannte "Bridgereisen", wo in einem Hotel für zwei bis drei Wochen täglich Bridge gespielt wird. Renate Erdmann, passionierte Bridgespielerin aus Schonungen, scherzt: "Das ist manches Mal auch ein kleiner Heiratsmarkt. Man findet ab und zu dort auch seinen Lebenspartner, der die eigenen Interessen teilt. Ich habe schon viele Bridgereisen gemacht, zwölfmal war ich zum Beispiel in der Türkei. Vormittags gibt es Unterricht, nachmittags und abends wird gespielt." Auf den Reisen liegt das Durchschnittsalter bei 60 Jahren aufwärts. Man freut sich über Nachwuchs, so auch über junge Türken, die gerne mitspielen dürfen.

Doch wie funktioniert das Spiel? Vier Spieler sitzen an einem Tisch. Jeder hat seine eigene Position - Nord, Ost, Süd und West. Man sitzt sich gegenüber, somit sind Nord und Süd und Ost und West ein Paar. Es wird mit einem 52-Karten-Blatt gespielt, also erhält jeder Spieler 13 Karten. Die Farben der Karten sind Pik, Coeur, Karo und Treff oder Kreuz. Das Spiel lässt sich in zwei Phasen einteilen: die Reizung, die 50 Prozent des Spiels ausmacht, und das eigentliche Ausspielen. "Ich beschreibe durch die Reizung mein Blatt für den Partner, damit ich und der Partner das richtige Spiel finden. Je höher ich komme, desto mehr Stiche muss ich machen. Also geht es darum, so niedrig wie möglich die Blattbeschreibung durchzugeben", erklärt Lothar Koch. Es zählt nur die Anzahl der Stiche und nicht die Wertigkeit der Stiche. "Ein Stich mit Ass, König, Dame Bube zählt genauso viel wie ein Stich mit 5, 4, 3, 2, wobei die höchste Karte, hier das Ass beziehungsweise die 5, gewinnt." wichtig aber ist, dass man die Stiche so genau wie möglich voraussagt. "Wenn man zum Beispiel sagt, dass man zehn Stiche macht, dann muss man diese auch machen. Bei neun Stichen hat man verloren. Es gibt aber auch die Möglichkeit zu reizen, obwohl man weiß, dass man verliert. Dann ist man besser dran, als wenn der Spieler sein Spiel machen würde. Ich muss mir also überlegen, wo ich das beste Ergebnis und so viele Punkte wie möglich erreichen kann. Das bedeutet auch, wenn ich weniger Minuspunkte bekomme, bin ich besser als andere Paare."

Bei Turnieren werden am Ende jedes Spiels die Karten, wie sie gespielt wurden, wieder in eine Board genannte Hülle getan und an andere Spieler weitergegeben, die das gleiche Spiel noch mal spielen. "Alle spielen das gleiche Spiel, aber trotzdem kommen unterschiedliche Ergebnisse heraus. Daher ist auch der Glücksfaktor ausgeschlossen, weil alle mit den gleichen Karten spielen", ergänzt Lothar Koch. Um später nachvollziehen zu können, wer am besten gespielt hat, werden die Ergebnisse auf einen Zettel notiert.

Bei Bridge gibt es Turniere, an denen jeder teilnehmen kann, der möchte. Wer aber nach Höherem strebt, bei Weltmeisterschaften mitmachen will, muss zuerst deutscher Meister werden. Für die meisten Turniere muss man ein Antrittsgeld zahlen, darin sind meistens Mittagessen und Kaffee enthalten. Bei internen Club-Turnieren ist dies aber nicht der Fall. Bei Club-Turnieren werden am Tag zwischen 24 und 28 Spiele gespielt. Ein Spiel dauert in der Regel sieben Minuten. Große Turniere können sogar 14 bis 16 Stunden täglich in Anspruch nehmen. Es wird dabei zwischen Gegnern und Boards gewechselt. Die Boards werden von einem Computer gemischt, damit nicht getrickst werden kann. Wenn jemand versucht zu schummeln, kann dies zu einem generellen Spielverbot bis zu zehn Jahren führen. In Ausnahmefällen sogar lebenslang.

"Einmal hat sich ein Paar gegenseitig Signale durch Husten gegeben. Dies wurde im Nachhinein durch die Videoüberwachung nachgewiesen. Die beiden wurden für zehn Jahre vom Deutschen Bridge-Verband gesperrt, international sogar lebenslang", berichtet Lothar Koch. Um Streit zwischen den Spielern zu vermeiden, gibt es auch die Regel, dass man sich beispielsweise nicht beschimpfen darf.

Manche machen Bridge zum Beruf. In Deutschland gibt es laut Koch geschätzt rund 1000 Berufsspieler. Im Verhältnis zu den organisierten Spielern habe Bridge die höchste Berufsspielerrate. "Vor allem in England gibt es Clubs, in denen um viel Geld gespielt wird." Da Bridge ein internationales Spiel ist, ist es leicht, einen Gegner zu finden. "Egal, wo man hinkommt, man findet immer einen Partner. Das Spiel heißt überall gleich und hat auch die gleichen Regeln. Ich selbst habe schon in England und Österreich gespielt."

Koch spielt allerdings nicht um Geld wie Omar Sharif. Der Schauspieler gehörte in seiner besten Zeit zu den Top Ten der Bridge-Elite. Man sagte ihm nach, dass er in seinen ersten Jahren immer nur einen Film gemacht hat, um wieder Bridge spielen zu können, weil er um Beträge in Millionenhöhe gespielt und anfangs viel verloren habe. Als er eine Milliardärin geheiratet hatte, musste er keine Filme mehr machen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Reizen geht immer, auch mit schlechten Karten
Autor
Maria Jeger
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2017, Nr. 157, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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