In der Punzierwerkstatt

Ein Schweizer Paar verschönert Leder

Der Geruch von Leder und Leim vermischt sich mit dem von Kaffee und hinterlässt ein Kribbeln in der Nase. Im vorderen Teil des Ateliers hört man das Rattern einer Nähmaschine, aus dem hinteren Teil das regelmäßige Klopfen eines Hammers. Die Geräuschkulisse wird von einem Radiosender unterlegt. Das Atelier in Oerlikon, einem Stadtteil im Norden Zürichs, ist in drei Räume aufgeteilt, zwei Maschinenräume und eine Punzierwerkstatt. Der eine Maschinenraum, in dem sechs Nähmaschinen stehen, dient auch als Ausstellungsfläche für die Produkte, die Ursula Lorite und ihr Mann Cisco herstellen.

Das Spezielle an ihrem Beruf ist, dass es keine Lehre gibt für den Punzierer oder die Lederschneiderin. Es gibt aber Weiterbildungskurse, die es einem ermöglichen, vom Stoffschneider zum Lederschneider zu werden. Das Punzieren ist uralt, bereits die alten Griechen prägten Leder mit Hammer und Punzierstiften. Um das Leder bearbeiten zu können, muss man es zuerst befeuchten, weil es sonst zu hart ist, um es zu prägen.

Das Punzieren hat sich Cisco Lorite selbst beigebracht. Seine Frau ist ausgebildete Schneiderin und hat sich danach weitergebildet. Als Material verwende die 60-Jährige grundsätzlich Rinds- oder Kalbsleder, aber auch exotischere Häute sind schon verarbeitet worden, wie Hai-, Krokodil- oder Känguruhaut.

Bei Anfrage fertigt Ursula Lorite auch Stücke aus Stoff. Im Maschinenraum arbeitet sie an einem großen Schneidertisch. Neben der Herstellung von Lederbekleidung nach Maß, Änderungen an bestehenden Kleidern und Entwerfen von Schnittmustern gibt sie auch Kurse und erledigt die Büroarbeiten. "Unsere Kundschaft kommt aus der ganzen Schweiz. Wir hatten auch schon Kunden aus Amerika, dem Balkan und auch aus Deutschland." Es seien ganz unterschiedliche Menschen, neben vielen bekannten Motorradclubs auch Galeristen, Polizisten, Lehrer, Hausfrauen und Künstler, aber auch junge Familien, ältere Damen oder Passanten, die zufällig vorbeigehen. Die Dinge, die sie kaufen, sind vielfältig: "Von Lederjacken und Hosen über Taschen, Gürtel und Geldbörsen bis hin zu Bildern und Uhren wird alles Mögliche bei uns in Auftrag gegeben." Auch Motorradtaschen, Sättel oder Messerscheiden wurden schon gekauft.

Die Produkte entstehen meistens auf Anfrage von Kunden. "Manchmal kommt es aber vor, dass ein Kunde vorbeigeht und spontan etwas aus Leder kaufen will. Im Sommer setzen wir uns dann oft auf die Gartenstühle, die wir auf der Terrasse haben, und sprechen über die Ideen des Kunden", sagt Cisco Lorite, der nie um einen guten Spruch verlegen ist. "Der Beruf des Punzierers ist bedroht, wenn nicht schon beinahe ausgestorben", sagt der 62-Jährige und weist darauf hin, dass es nur noch eine Handvoll Punzierer in der Schweiz gibt. In der näheren Umgebung kenne er gar keinen. "Es ist kein Handwerk, es ist eine Kunst." Er findet seine Arbeit interessant, vor allem weil er sich hier kreativ ausleben kann. "So lebt das Leder, es trägt eine Geschichte in sich, die ich erfunden habe."

Informationen zum Beitrag

Titel
In der Punzierwerkstatt
Autor
Oliver Keller
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2017, Nr. 163, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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