Shirt 08 und Top 05

Ein Wiesbadener Modelabel macht Wünsche wahr

Im Hintergrund rattert leise eine Nähmaschine. Warmes Licht ergießt sich aus den Deckenlampen in den mit cremefarbenem Teppich ausgelegten hohen Raum. Die Eingangsglocke der Tür zur Nerostraße 36 lässt ein melodiöses Bimmeln ertönen. Im Showroom des kleinen Modelabels chichino Wiesbaden wechseln sich Hosen, Kleider, Jacken und Röcke an den chromglänzenden Kleiderstangen ab. Von Kamelfarben bis silberdurchwirktem Anthrazit und von Aquamarintürkis bis Kirschblütenrosa reicht die Farbpalette. Im Nebenzimmer werden im hauseigenen Atelier die Kleidungsstücke von drei Schneiderinnen angefertigt.

Auf dem großen Tisch im Produktionszimmer liegen die aus Pappe geformten Schnittmuster für ein neues Oberteil, daneben Lineal, Kurvenschablone, Bleistift und Magnete zum Beschweren. "Der Stil unserer Modekreationen lässt sich als urban, zeitlos und in ganz bestimmter Weise luxuriös charakterisieren und richtet sich an Kunden mit einem hohen Anspruch an Kleidung", sagt Inhaberin Angelika Platte, eine zierliche Frau in einem eleganten, silbergrauen Overall.

2008 gründete sie das Modelabel, das als "all-in-one-concept" mit Vertrieb der designten und selbstgefertigten Mode über einen Online-Shop geplant war. Ursprünglich studierte Platte Kommunikationsdesign und arbeitete als Creative Director in einer Werbeagentur. "Meine Arbeit spielte sich aber irgendwann fast ausschließlich am Computer ab, und mir fehlte der Umgang mit Menschen. Eine Faszination für Mode hatte ich schon immer", erklärt die 58-Jährige, während sie eine Schaufensterpuppe in ein marineblaues Kleid hüllt. So wagte sie etwas ganz Neues und ließ sich zuerst in einem Atelier am Rande der Wiesbadener Innenstadt nieder. Durch die liebevolle Schaufensterdekoration lockte sie Kundinnen an, ein kleines Ladengeschäft entstand. Nach eineinhalb Jahren zog sie in die Nerostraße, eine Parallelstraße zur Taunusstraße, eine der Haupteinkaufsstraßen Wiesbadens. "Allerdings ist die Miete dort nahezu unbezahlbar. Chichino passt wunderbar in die Nerostraße. Wir bereichern uns alle gegenseitig hier, und die Stammkundschaft hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen."

Gleich gegenüber gibt es eine Maßschneiderei und ein Abendmodengeschäft. Weiter nach Süden reihen sich eine Kaffeerösterei, ein Antiquitätengeschäft und eine Galerie aneinander. Vor Plattes Laden steht eine weiße Bank mit Flyern und Werbepostkarten. Eine Karte zeigt eine Frau mit weißem Oberteil und purpurrot schillerndem Satinrock in einem verspiegelten Aufzug. "Das Fotoshooting haben wir in einem Hotel hier in Wiesbaden gemacht", schwärmt die Modedesignerin. "Auf dem Foto, das ist Skirt 12, der ist sehr gut bei den Kundinnen angekommen." Die Kleidungsstücke tragen nicht Namen, sondern Nummern: Shirt 08, Top 05, Dress 12 und so weiter.

Die Besonderheit chichinos liegt darin, die Konzeption eines eigenen Modelabels mit selbstgefertigten Entwürfen und die Kunst der Maßanfertigung zu vereinen, alle Kleidungsstücke werden nach Maßen und Materialwünschen des Kunden produziert. Zweimal jährlich wird eine neue Kollektion entworfen, indem die Designs durch neue Schnitte und Farbgebungen aktualisiert werden. Alle Kleidungsstücke können miteinander kombiniert werden.

"Die Stoffe beziehen wir ausschließlich aus Europa, und der Lieferweg nach der Produktion zum Kunden beträgt gleich null, denn die Kleidungsstücke müssen lediglich drei Meter weit aus dem Produktionsatelier in den Showroom zum Kunden wandern. Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle in dieser Branche. Außerdem fördern wir das aussterbende Handwerk der Schneiderei", erläutert Angelika Platte. Dabei geht sie Proben von neu eingetroffenen Stoffen durch und ordnet sie drei Farbpaletten zu. "Das sind die Farbwelten der neuen Saison. Sie dienen mir als ständige Inspiration." Drei Kleider hängt sie an eine separate Kleiderstange. "Die stehen zur Auswahl für die Frau des Intendanten des Wiesbadener Staatstheaters, die später kommt, um ein Kleid für eine Gala auszusuchen. Ich bin sehr gespannt, ob sie sich für die champagnerfarbene Spitze, den petrolfarbenen Satin oder den bordeauxfarbenen Seidentaft entscheidet."

Informationen zum Beitrag

Titel
Shirt 08 und Top 05
Autor
Larissa Berzas
Schule
Heinrich-von-Gagern-Gymnasium , Frankfurt am Main
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2017, Nr. 163, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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