Wo man traditionell vom Leder zieht

Tracht ist gefragt, auch bei jungen Leuten. Das hat aber weniger mit Brauchtumspflege zu tun, sondern mit modischen Varianten - sagt zumindest die Inhaberin eines Ladens in Rosenheim.

Ein kleines Geschäft mit rot-weißgestreifter Markise im Erdgeschoss eines Dreifamilienhauses in der Aisingerwies am Rande von Rosenheim. Vor der Tür liegt ein schwarzer Hund, und in den beiden großen, blau umrandeten Schaufenstern sind verschiedene farbenfrohe Dirndl und Lederhosen mit Hemden und Westen auf Schaufensterpuppen dekoriert. Inhaberin des mitten in einer Wohnsiedlung gelegenen Trachtenladens ist Renate Plumari. Die schlanke Frau mit braunen, schulterlangen, gelockten Haaren und einer großen Gucci-Brille trägt Jeans, Sneakers und eine sportliche, grünkarierte Trachtenbluse mit Lodenjacke.

Gegründet hat das Geschäft 1967 ihr Vater, der Lederhosenschneider Herbert Auanger. Beim Betreten des Ladens steigt einem sofort eine Mischung aus Leder- und Textilgeruch in die Nase. Mitten im Raum steht ein Tresen mit Glasfronten, und an jeder Wand befinden sich Kleiderständer, voll mit Dirndln, Lederhosen, Trachtenjacken, Westen und Blusen. Vor zehn Jahren übernahm Renate Plumari das Geschäft von ihrem Vater. Eigentlich ist sie gelernte Zahnarzthelferin und hat vor der Übernahme des Geschäfts ihre vier Kinder großgezogen.

Seit wann es die bayerische Tracht gibt, lässt sich nicht eindeutig sagen. Aber der 25. August 1883 markiert ein wichtiges Datum für den Erhalt der kurzen Lederhose, denn der Lehrer Josef Vogl gründete an diesem Tag den ersten bayerischen Trachtenverein und fand unter den Wittelsbachern mächtige Unterstützer.

"Lederhose und Dirndl sind ein wichtiger Bestandteil bayerischer Lebenskultur und Ausdruck von Heimatverbundenheit", findet Renate Plumari. Ursprünglich war die Lederhose Arbeitskleidung der Bauern und Arbeiter, da sie robust ist und weder gewaschen noch gereinigt werden musste. Noch vor mehr als fünfzehn Jahren war es undenkbar, dass die Mehrheit der Besucher des Münchner Oktoberfests oder der Rosenheimer Wiesn in Tracht erscheinen. Das hat sich völlig geändert. Die Tracht hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Aufschwung erlebt. "Grund für diese erneute Popularität ist weniger die Besinnung der Jugend auf Brauchtum und Tradition als vielmehr die unterschiedlichsten angebotenen Material- und Modellvariationen, die es heutzutage gibt", meint Plumari. Dadurch biete sich jedem die Möglichkeit, seinen eigenen Kleidungsstil auch in Tracht zu entfalten. So werden zum Beispiel Hochzeiten in Bayern, vor allem in ländlichen Gegenden, oft in Tracht gefeiert, wobei nicht nur die Braut im weißen Brautdirndl und der Bräutigam im Gehrock erscheinen, sondern fast die ganze Hochzeitsgesellschaft in Tracht gekleidet ist. Zudem werden heutzutage viele Kommunionen, Firmungen und Schulabschlüsse wieder in Dirndl und Lederhose gefeiert. Auch Trachtenvereine versuchen verstärkt, ein Interesse der Jugend an bayerischen Sitten und Bräuchen zu wecken.

Ein etwa 13-jähriges Mädchen betritt mit ihrer Mutter den Laden. Für ihre Firmung möchte sie sich ein Dirndl aussuchen, genaue Vorstellungen, wie es aussehen soll, hat sie noch nicht. Sie lässt sich von der Inhaberin die Dirndlkleider in ihrer Größe zeigen, bevor sie mit acht Exemplaren in der Umkleidekabine verschwindet. Eins nach dem anderen präsentiert sie ihrer Mutter und der Verkäuferin, jedoch hat sie an jedem etwas auszusetzen. Mal ist es der Schnitt, mal die Passform oder die Farbe, bei keinem ist sie sich 100 Prozent sicher. Nach dreieinhalb Stunden Anprobe berät sie sich mit ihrer Mutter und sagt, dass sie gern zwei Dirndl bis zum nächsten Tag zurücklegen lassen möchte. Mit einem leichten Schmollen im Gesicht verlässt sie das Geschäft. "Das ist immer dasselbe mit solchen jungen Mädchen, sie wissen einfach nicht, was sie wollen", sagt Plumari. Am nächsten Nachmittag kommen die beiden wieder. Das Mädchen kauft das blaue, festliche Baumwolldirndl, bei dem die Schürze mit einer silbernen Schließe vorne befestigt wird. Das ist aktuell angesagt.

Da der Laden räumlich begrenzt ist, wurde ein Teil des Sortiments in die ehemalige Garage hinter dem Haus ausgelagert. "Die anstrengendsten Kunden sind aber die, die mich bis nach den Öffnungszeiten oder in meiner Mittagspause im Laden halten und am Ende doch nichts kaufen", sagt Plumari. Für den Preis der Tracht seien das Material und das Produktionsland ausschlagebend. Billig produzierte Ziegenlederhosen aus Indien kosten um die 150 Euro, während man für in Ländern der Europäischen Union hergestellte Hirschlederhosen bis zu 1500 Euro und mehr berappen muss.

Wie steht es um die Zukunft der bayerischen Tracht? Die in Rosenheim wohnende Schülerin Laura Akulitsch ist Stammkundin im Laden. Die 17-Jährige hat lange braune Haare, trägt eine modische Jeans und ein Sweatshirt. Sie verrät, dass sie zwar fast kein Wort Bairisch spricht, aber vier Dirndl im Kleiderschrank hat: "Mit der Tracht verbinde ich die Wiesn und natürlich eine Maß im Bierzelt, das gehört einfach dazu." Auch fast jeder ihrer Freunde und Freundinnen besitzt eine Lederhose oder ein Dirndl. "In der Freizeit würde ich kein Dirndl tragen", gibt sie zu, "aber an den 16 Tagen der Rosenheimer Wiesn reichen mir meine vier Dirndl fast nicht aus."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo man traditionell vom Leder zieht
Autor
Federico Matteo Plumari
Schule
Karolinen-Gymnasium , Rosenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2017, Nr. 163, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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