Chorizo vereint mit Käsespätzle

Der Spanier José betreibt mitten in Freiburg eine sanft eingedeutschte Tapasbar und hilft jungen Landsleuten, hier eine Perspektive zu finden.

Una Cerveza y una vez la tortilla de patatas!" "¡Muchas Gracias!" "¡Necesito dos mojitos!" Diese Gesprächsfetzen fliegen durch die Tapasbar La Pepa, während sich der Raum nach und nach mit Menschen füllt. Eine lange Schlange vor dem Eingang ist hier gegen 20 Uhr kein seltenes Bild. Mitarbeiter schenken den Wartenden dann Cava aus, um das Anstehen angenehmer zu machen. Kellner eilen von einem vollen Tisch zum nächsten, im Hintergrund läuft Flamenco. Die Gäste lachen, essen Oliven und trinken Wein, während die weißen Gipswände, der Geruch von frittierten Tintenfischringen und die fröhliche Stimmung das Gefühl aufkommen lassen, irgendwo in Spanien zu sein. Dabei spielt sich diese Szene keineswegs in Barcelona, Madrid oder Granada ab, sondern in einer ehemaligen Brauerei in der Stadtmitte von Freiburg im Breisgau.

Für die dynamische Atmosphäre verantwortlich ist nicht zuletzt José García Serrano, der stolze Besitzer von La Pepa. An seinem Platz hinter dem Tresen steckt der 35-Jährige mitten im Geschehen, begrüßt die neuen Gäste mit einem freundlichen "Bienvenidos a La Pepa!" und unterstützt sein Team - auch mal lautstark, wenn es sein muss. "Ich habe eben spanisches Feuer", sagt der schwarzhaarige Andalusier aus Marbella. Nach dem Wirtschaftsstudium gründete er dort mit 19 Jahren seine eigene Firma als Modevertreter, konnte aber dem Konkurrenzdruck chinesischer Firmen bald nicht mehr standhalten. Das war einer der Gründe dafür, dass er mit 25 Jahren beschloss, sein Leben in Spanien aufzugeben und nach Deutschland auszuwandern. Schon vorher hatte er sich bei einer Reise zu Studienzeiten in die Stadt Freiburg verliebt, wo er seit neun Jahren lebt. Als er 2008 dort ankam, wurde José schnell klar, dass er die dringend notwendigen Deutschkenntnisse nicht bloß durch Sprachkurse erwerben wollte. Also bewarb sich der Sohn zweier Gastronomen in einem Latino-Salsa-Club. Da eigentlich nur deutschsprechende Mitarbeiter gesucht waren, machte José dem Besitzer das Angebot, gratis an der Bar zu arbeiten. Nach nur drei Monaten ohne Bezahlung hatte er genug Deutsch gelernt, um eine feste Anstellung zu bekommen. "Die Arbeit hinter der Theke war mein bester Sprachkurs", sagt er heute. Zeitweise arbeitete er in drei Kneipen gleichzeitig, bis er vor drei Jahren schließlich genug Geld und Erfahrung gesammelt hatte, um seine eigene Tapasbar in der Stadtmitte eröffnen zu können.

Um mit der spanischen Tapaskultur hier Erfolg zu haben, musste er diese an deutsche Gewohnheiten anpassen. "Die Leute reservieren Tische schon ab 18 Uhr und verbringen mehrere Stunden im Restaurant. Tapas sind hier ein Abendessen und nicht wie in Spanien bloß eine Beilage zum Wein." Trotzdem ist es José und auch seinen Gästen wichtig, spanische Authentizität zu bewahren. "Das Essen ist richtig andalusisch und die Zutaten kommen aus Spanien, denn den Deutschen kann man nichts unterjubeln."

Die spanische Flagge, Bilder des Osborne-Stiers oder eine typische Thekenvitrine voll von verschiedenen Tapas sucht man vergebens. "Ich wollte eine moderne Tapasbar eröffnen, keine aus den siebziger oder achtziger Jahren." Von Innovation zeugt auch die Speisekarte. Mit seinen sogenannten "fusiones" mischt José klassische andalusische Tapas mit traditionellen Gerichten aus der Region. Tapas wie Käsespätzle mit Manchego und Chorizo oder grüner Spargel mit Serranoschinken kommen gut an. Dieser bunte Mix spiegelt sich auch bei den Gästen wieder. In La Pepa findet man eine Mischung von Menschen jeglicher Altersgruppen und Nationalitäten, von denen, so José, etwa ein Viertel Spanier sind.

Auch das Team ist geprägt von einer spanischsprachigen Vielfalt, denn vor allem Spanier und Lateinamerikaner sind bei ihm angestellt. Kommuniziert wird auf Spanisch. Unter anderem deshalb ist La Pepa auch die erste Anlaufstelle für Spanier und Lateinamerikaner, die neu nach Freiburg kommen und Unterstützung benötigen. Einmal im Monat trifft sich in der Bar die Deutsch-Spanische-Gesellschaft Freiburg. Sie besteht überwiegend aus Lateinamerikanern und Spaniern, auch fünf Deutsche gehören zu den 38 Mitgliedern. José selbst ist von Anfang an dabei und hilft so unter anderem, die Städtepartnerschaft Freiburgs mit Granada zu pflegen. Die Vizevorsitzende Virginia González Juárez sieht das Ziel ebenso darin, eine Brücke zwischen Spaniern und Deutschen zu bauen sowie Einwanderern ein offenes Ohr und eine helfende Hand in ihrer ersten Zeit in Deutschland zu bieten. Zu diesem Zweck hilft die aus Granada stammende Frau, die seit 22 Jahren in Freiburg lebt, bei der Vermittlung von Arbeitsstellen und der Wohnungssuche. Von zwei Spaniern, die in Freiburg eine Taxifirma gründen wollen, bis zu einem Lkw-Fahrer, der einem Betrugsversuch seiner Vermieter zum Opfer fiel, bietet die Gesellschaft jedem Beratung an.

Aber auch bei Problemen mit der deutschen Bürokratie oder ganz alltäglichen Dingen wie dem Mülltrennungssystem steht man hier jedem mit Rat und Tat beiseite. Besonderen Fokus legt die Gesellschaft darauf, die hohe Zahl an qualifizierten, jungen Spaniern zu unterstützen. Durch verschiedene Kontakte helfen sie ihnen, Arbeit in ihrem Berufsfeld zu finden, und ermöglichen ihnen eine Perspektive, die in ihrer Heimat nicht gegeben ist.

Seit der Wirtschaftskrise 2008 kommen viele junge Spanier mit der Hoffnung auf gut bezahlte Arbeitsplätze nach Deutschland und werden oft enttäuscht. "Die meisten meiner Freunde, die während der Krise herkamen, sind wieder weg", sagt José. Auf welche Probleme junge Spanier hier stoßen können, weiß er nur zu gut. Die Arbeitsmöglichkeiten sind oft nicht so vielseitig wie erwartet, hohe Mieten machen es fast unmöglich, finanzielle Rücklagen zu bilden. "Das erschwert es auch, eine Familie zu gründen", sagt José, der mit seiner italienischen Frau bald das zweite Kind erwartet. Für José stellen die komplizierte Bürokratie und die Auflagen der Stadtverwaltung eine zusätzliche Schwierigkeit dar. Der Barbesitzer wundert sich über Bestimmungen, die beispielsweise das Spielen von Livemusik oder eine "terraza" vor La Pepa unmöglich machen. Obwohl er sich hier so wohl fühlt, stellt er sich gerne vor, irgendwann einmal heimzukehren nach Spanien: "So sind wir Spanier: Irgendwann wollen wir alle zurück."

Informationen zum Beitrag

Titel
Chorizo vereint mit Käsespätzle
Autor
Lily Henning
Schule
Gymnasium Kenzingen , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2017, Nr. 169, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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