"Die Not zwingt einen, jegliche Arbeit anzunehmen"

Eine spanische Familie fasst in der Schweiz nur langsam Fuß / Ein Grund sind die Sprachprobleme

In Spanien konnten wir uns zur Mittelklasse zählen, mit meinem Lohn lebten wir einigermaßen gut. Doch dann kam die Krise, und es gab immer weniger Arbeit, auch für mich und für meine Firma, so dass ich meine fünf Angestellten entlassen musste." Luis Crespos rundliches Gesicht nimmt ernste Züge an, wenn der kräftige Mann mit kurzem, grauen Haar über sein Leben im andalusischen Cádiz erzählt. Nachdem er seine drei Lastwagen verkauft hatte, mit denen er Möbeltransporte und -montagen organisiert hatte, sah er sich gezwungen, seinen Betrieb 2011 zu schließen. Wie viele kleine Unternehmen machte er nach Ausbruch der Finanzkrise 2007 so wenig Umsatz, dass die Einkünfte die Fixkosten nicht mehr deckten und nichts übrigblieb, als eine andere Einkommensquelle zu suchen.

Nun sitzt Crespo in seiner Wohnung in Wald im Zürcher Oberland, einem Ort, in dem ein Viertel der Bevölkerung aus Immigranten besteht. Die Atmosphäre in der Wohnung ist wie die Familie, die darin wohnt, freundlich und warm, obwohl an den Wänden keine Bilder hängen und eine nackte Glühbirne von der Decke baumelt. Auf den Sofas sitzen seine Frau Silvia Serrano und ihre Tochter Lydia. Ihre Erzählungen auf Spanisch sind schnell und lebendig, ihre freundlichen Gesichter hellen sich noch mehr auf. Nachdem die Eltern ein Jahr lang vergeblich Arbeit gesucht hatten, entschieden sie sich auszuwandern. Luis zog im März 2013 los und lebte die ersten zwei Jahre allein in Wald, wohin er über Bekannte, die hier leben, gekommen war. In dieser Zeit arbeitete er mit Argentiniern und lebte mit anderen Spanischsprachigen zusammen. Vor eineinhalb Jahren fing er in einer Fabrik für die Herstellung von Isolationsmaterial an, wo er heute noch tätig ist. Dort wird nicht Deutsch, sondern Italienisch gesprochen, also lernte er kurzerhand diese Sprache.

Im Februar des vergangenen Jahres kam Serrano mit den beiden Kindern nach. Dass es für Ausländer so schwierig sein würde, eine Anstellung zu finden, hätte sie nicht gedacht. Denn obwohl viele für höhere Berufe qualifiziert wären, fehlt ihnen die Schweizer Anerkennung der spanischen Zertifikate. Die Zulassungsgenehmigung kostet Geld, aber vor allem muss man dafür Deutsch sprechen können. Crespo, der gelernter Schreiner ist, sagt: "Mein Handwerk beherrsche ich perfekt. Was mir fehlt, um es auszuüben, ist die Sprache. Dafür braucht man Zeit, und um sich hier halten zu können, muss man arbeiten. Man fängt also immer unten, mit irgendetwas anderem, an." Gut Ausgebildete arbeiten dann zwar teilweise in ihrem Tätigkeitsbereich, werden jedoch nur als Hilfskraft bezahlt. Trotzdem möchte Crespo nicht von Ausbeutung sprechen, denn der Lohnunterschied aufgrund fehlender Zeugnisse komme überall vor.

"Die Not zwingt einen, jegliche Arbeit anzunehmen. Ab einem bestimmten Alter sucht man nicht mehr das große Geld, sondern eine Stabilität für die Familie." So geht es auch seiner Frau, die in Andalusien in der Administration der Hotelkette Melia tätig war und in Wald nun in einer Reinigungsfirma angestellt ist. Auch ihre Schwester Remedios Serrano und María Márquez, eine Freundin, die vorübergehend bei der Familie wohnen, wollen hier ihre Berufe ausüben. Erstere ist Lehrerin und Psychopädagogin, Márquez ist Sozialarbeiterin. Momentan machen sie, was sich anbietet, sei das Kinder hüten oder putzen. "Mich wundert es sehr, dass die Arbeit der Frau nicht gleich viel wert ist wie die des Mannes. Denn obwohl die Schweiz ein fortschrittliches Land ist, hat die Frau das Nachsehen. Für mich wäre es darum nicht möglich, selbständig zu leben, so wie Luis es anfangs tat", erklärt Remedios Serrano.

Die Familie ist dankbar dafür, dass sie in der Schweiz sein und von ihrer Arbeit leben kann, etwas, das zurzeit in Spanien nur schwer möglich ist. Die sechs sind intelligent, lebensfreudig und reflektiert - aber auch enttäuscht von der Bürokratie, denn sie verwehrt ihnen den Zugang zu einem Arbeitsmarkt, der ihr Können eigentlich dringend benötigt. Dass gute Deutschkenntnisse der Schlüssel dazu sind, haben sie längst erkannt. Serrano lernt intensiv und besucht zwei Deutschkurse, jeweils am Abend. Ihr fehlen jedoch die Möglichkeiten, im Alltag zu sprechen. Sie putzt mit anderen Spanierinnen zusammen, und obwohl ihre Chefin Schweizerdeutsch spricht, kommuniziert sie mit ihnen auf Spanisch. Crespo fügt hinzu: "In dieser Straße wohnen 30 Leute aus dem gleichen spanischen Dorf. Das Glück, mit diesen Personen hier zu sein, die deine Sprache sprechen, erleichtert dir das Leben, aber es lässt dich auch bequem werden."

Lydia, ihre elfjährige Tochter, spricht fließend Deutsch, obwohl sie erst seit neun Monaten hier ist. "Anfangs waren viele Schülerinnen verschlossen, doch mit der Zeit öffneten sie sich mir gegenüber." Begeistert erzählt sie von der fünften Klasse, in die sie geht. "Mir gefällt der Schwimmunterricht, den hatte ich vorher nicht. Aber auch die Werk- und Französischstunden und dass ich jetzt mehr Schule habe. Ich mag es auch, wie Schüler verschiedener Altersgruppen zusammen lernen", sagt sie mit leuchtenden Augen. Sie tut also, was immer verlangt wird: sich zu integrieren, sich anzupassen. Für ihre Eltern ist das schwieriger, sie haben wenig Kontakt mit Schweizern. Trotzdem zeichnen sie ein positives Bild der hiesigen Kultur, sie sei vertrauenswürdig und korrekt, die Menschen seien hilfsbereit und nett. "Ich habe mich in den drei Jahren, die ich hier bin, nie ausgegrenzt oder diskriminiert gefühlt nur deswegen, weil ich Spanier bin. Ich fühlte mich isoliert, weil ich mich nicht verständigen konnte, aber das ist darauf zurückzuführen, dass ich kein Deutsch spreche", sagt Crespo.

Die Wohnblocks, die sich an dem Hang über dem Dorfkern aneinanderreihen, sollen bald abgerissen werden. Wohin die Familie dann zieht, weiß sie noch nicht. Ihre Zukunft sieht sie in der Schweiz. Wie so viele Spanier glaubt auch sie, dass in ihrer Heimat noch viel passieren muss, ehe sie wieder zurückkehren könnte. Auch wenn sie ihre Freunde und Familie, das Meer und den Lebensstil vermisst, ist sie bestrebt, zu bleiben. "Ich wünsche mir, ein gutes Sprachniveau zu erreichen, um einen guten Lebensstandard erlangen zu können", sagt Serrano. "Und ein Sozialleben", fügt sie lachend hinzu.

Informationen zum Beitrag

Titel
"Die Not zwingt einen, jegliche Arbeit anzunehmen"
Autor
Luca Geppert
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2017, Nr. 169, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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